Schule
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Was braucht es, damit die Zusammenarbeit möglich ist? 

Lehrkräfte haben, glaube ich, eine grosse Sehnsucht, menschlich zu agieren und den ihnen anvertrauten Jugendlichen reale Chancen auf ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben zu eröffnen. Ich glaube, dass wir grund­sätzlich unterscheiden müssen zwi­schen autoritärem, normenbasiertem «Herrschen» auf der einen Seite und menschlicher Führung auf der anderen Seite. Die berühmte und angestrebte Augenhöhe, durch die ein wertschätzender und demokra­tischer Umgang miteinander und in der Folge dann auch Lernen gelingt, ist nicht möglich, wenn über Angst, Strafe und Belohnung beziehungs­weise Noten von oben herab regiert wird.

Was wäre die Alternative?

Das Wichtigste ist, sich mit den Kin­dern und Jugendlichen – und deren Eltern – zu solidarisieren und ihre Perspektive einzunehmen. Es geht nicht darum, die Menschen in Raster einzuhegen, sondern herauszufin­den, wo ihre individuellen Bedürf­nisse und Stärken sind, und uns – als Lehrkräfte – als Experten dafür zu begreifen, erfolgreiche Biografien zu ermöglichen.

Wie schafft man das als Lehrperson?

Indem wir unsere Führungsaufgabe wahrnehmen. Das heisst: sowohl streng als auch liebevoll sein können, je nachdem, was individuell und situativ notwendig ist, um einem Kind den nächsten Entwicklungs­schritt ermöglichen zu können. Vor allem aber müssen die Schülerinnen und Schüler stärker mit einbezogen werden! Derzeit sind die Demokra­tien in der Welt gefährdet. Meiner Meinung nach ist unsere wichtigste Aufgabe im Bereich Bildung derzeit, die Grundlagen für demokratisches Denken und Handeln in einer sehr veränderten Welt wieder neu und gleichzeitig konkret erfahrungsbasiert zu vermitteln. Dafür muss auch der Führungsstil demokratisch und partizipativ ausgerichtet sein. 

Wie kann man sich das im Alltag vorstellen?

Es gibt in unserer Arbeit beispielsweise die «Veto-Regel»: Jede Person im Raum kann jederzeit «Veto» sagen und eine Anweisung – ohne Begründung – verweigern. Erst dadurch entsteht der innere Freiraum, sich auf Neues und Fremdes einzulassen und sich zu trauen, Risiken einzugehen.
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Das Thema Führungsverantwortung nimmt in Ihren Büchern viel Raum ein. 

Der Lehrerberuf erfordert Führungskompetenz. Das heisst: sowohl die Fähigkeit, anderen Menschen individuell und zugewandt zu begegnen und sich in andere einzufühlen, als auch deutlich Grenzen zu setzen und Entscheidungen zu verantworten, die unter Umständen auch mal grosse Widerstände bei den Jugendlichen auslösen.

Inwiefern wird man in der Ausbildung darauf vorbereitet?

In der Ausbildung lernen Lehrkräfte häufig nur, dass sie «wertschätzend» mit den Schülerinnen und Schülern umgehen sollen, was natürlich richtig ist, aber oft dazu führt, dass Lehrkräfte sich nicht trauen, konsequent zu führen. Was wir alle uns fragen müssen, ist: Wo ist unsere Einfühlsamkeit einer Harmoniebedürftigkeit geschuldet? Bin ich freundlich, weil ich «geliebt» werden will oder weil ich es – auf das übergeordnete Ziel bezogen – verantworten kann? Wer geliebt werden will, ist im Lehrberuf verloren. Das habe ich persönlich spätestens in Berlin-Neukölln gelernt.

Was wünschen Sie sich für die Schule?

Der Lehrerberuf ist einer der wichtigsten Berufe überhaupt. Es ist absurd, dass ausgerechnet Lehrkräfte sich überfordert, gefrustet und fremdbestimmt fühlen. Sie sollten erkennen, dass unsere Zukunft nicht unwesentlich von ihrem individuellen alltäglichen Handeln abhängt. Lehrkräfte sollten sich nicht länger als Opfer eines Systems begreifen, sondern als die Akteurinnen und Akteure der nächsten relevanten Emanzipationsbewegung. Dafür sollten wir uns zusammentun und kooperieren, statt einsam jeden Tag das Unmögliche zu versuchen.

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