Schule

Lehrer müssen in Führung gehen

Wie sorgen wir dafür, dass unsere Lernenden uns als Führungspersonen anerkennen und uns Respekt entgegenbringen? Diese Frage beschäftigt viele Lehrpersonen immer wieder von Neuem. Auf der Suche nach Antworten können gerade die Schülerinnen und Schüler selbst wertvolle Impulse liefern. 
Text: Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund 
Bild: Franziska Messner-Rast
In Kommentarspalten zu Online-Artikeln rund um aktuelle Schulprobleme finden sich immer wieder die gleichen Aussagen: «Früher hatten die Schüler noch Respekt vor den Lehrern.» – meist mit der Forderung, «man müsse wieder hart durchgreifen» oder die «Eltern sollten ihre Kinder gefälligst wieder gescheit erziehen».

Oft steht dahinter die irrige Vorstellung, dass die Kinder früher vom Elternhaus praktisch «fertig erzogen» in die Schule kamen, wo sie von den Lehrpersonen lediglich unterrichtet werden mussten.
Früher nutzten Lehrpersonen traumatisierende Methoden, um sich durchzusetzen.
Das war nie so: In der Regel sorgten die meisten Lehrpersonen dafür, dass die herrschenden Regeln eingehalten wurden – mit teilweise traumatisierenden Methoden.

Dass Lehrpersonen, die sich nicht durchsetzen konnten oder wollten, auch früher mit Disziplinproblemen zu kämpfen hatten, erfährt man, wenn man mit Senioren über ihre eigene Schulzeit spricht. Da ist von üblen Streichen die Rede – von Klebstoff und Reissnägeln auf dem Lehrerstuhl, von Juckpulverattacken und nach vorne fliegenden Turnschuhen.

Die vielgelobte Disziplin und Ordnung wurden mit Einschüchterung und teils mit nackter Gewalt erzwungen. Es ist ein Riesenglück, dass unsere Kinder in eine Schule gehen dürfen, in der sich die Erwachsenen nicht mehr auf diese Art durchsetzen.

Die Kinder wünschen sich Führung, Klarheit und Struktur

Heute wissen die meisten Lehrpersonen um die Bedeutung einer guten Lehrer-Schüler-Beziehung und sorgen aktiv für einen wertschätzenden Umgang. Ela, 9, ist eines der Kinder, die wir für dieses Dossier befragt haben. Sie schwärmt von ihrer Grundschullehrerin: «Sie lacht viel und hilft, wenn es Kindern nicht gut geht. Sie schreibt auch schöne Sachen unter die Hefteinträge. Sie singt mit uns vor den Proben: ‹Ich schaff das schon, ich schaff das schon, ich schaff das ganz alleine, ich komm bestimmt, ich komm bestimmt, auch wieder auf die Beine.› Das gibt mir Kraft.»

Auch Emil, 11, hat Grund zur Freude: «Meine Lehrerin ist nett und hat für jeden Verständnis! Und eine Menge Geduld, wenn sie mir Mathe erklärt. Sie hat Humor und ist lustig ... und sie ist fair und gerecht!»
Neben dem Wunsch nach Beziehung wird anhand der Aussagen der Schülerinnen und Schüler auch deutlich, dass sie sich Führung, Klarheit und Struktur wünschen: Sie erwarten von den Lehrpersonen, dass sie für ein ruhiges Arbeitsklima mit klaren Aufträgen sorgen, auf störendes Verhalten reagieren und Sicherheit gewährleisten, indem sie gegen Mobbing Stellung beziehen.

So ärgert sich der 11-jährige Cyrill darüber, wenn seine Mitschüler «die Lehrerin ärgern und wir nicht weiterkommen im Unterricht. Es wird langweilig! Ich finde das nur doof». Man brauche eben «eine gute Klasse, Regeln und die Lehrerin, die diese auch durchsetzt – aber in einem guten Umgangston statt im Befehlston», damit man sich in der Schule wohlfühlen kann, meint Lucy, 7. Ähnlich sieht es die 14-jährige Joan, für die eine gute Lehrerin «sehr nett ist, aber wenn es darauf ankommt, bleibt sie ernst».
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Struktur ist für Lernende genauso relevant wie Herzlichkeit und Bestimmtheit.
Dass neben Herzlichkeit und Bestimmtheit auch Struktur gefragt ist, zeigt das Beispiel von Jan. Auf seine Traumschule angesprochen, antwortet der 9-Jährige: «Da gäbe es Wochenpläne, bei denen ich genau weiss, was ich machen soll

«Kein Lehrer hat geholfen»

Immer wieder finden sich auch Aussagen von Kindern wie Laura, 10, denen es zusetzt, dass ihre Lehrkräfte bei sozialen Problemen wegsehen: «Als einer aus der Klasse angefangen hat, mich ‹fette Sau› zu nennen, haben andere Kinder mitgemacht, und kein Lehrer hat geholfen. Nur meine Lieblingslehrerin hört mir zu und sagt mir nicht, dass ich solche Sachen mit den Kindern selber klären soll.»

Je älter die Schülerinnen und Schüler sind, desto häufiger taucht der Begriff «Respekt» in ihren Äusserungen auf. Wir waren erstaunt, wie kritisch und differenziert viele Jugendliche ihre Lehrpersonen unter die Lupe nehmen. Sie erwarten ein echtes Interesse an ihnen als Person: Béryl, 16, beschreibt, dass er Lehrpersonen nicht mag, die «kei­nen Respekt haben und meinen, dass sie immer alles über die Schüler wissen, dabei wissen sie nichts über uns». Und Jana, 14, antwortet auf die Frage nach ihrem perfekten Schul­alltag: «Das wäre, wenn sich die Lehrer auch für mich als Person und nicht nur für meine Leistungen inte­ressieren würden.»
Frühere Strategien werden heute von Schü­lerinnen und Schülern durchschaut und als lächerlich empfunden.
Möchte man wissen, welches Verhalten Jugendliche bei Lehrpersonen ablehnen, trifft man immer wieder auf dieselben Beschreibun­gen: mangelnde Fairness, Vorurteile, ständiges Nörgeln und Kritisieren, Blossstellungen und Beleidigungen, herablassende Sprüche, Besserwis­serei und fachliche Inkompetenz. Viele Strategien, die Lehrpersonen früher nutzten, um sich Respekt zu verschaffen, werden heute von Schü­lerinnen und Schülern durchschaut und als lächerlich empfunden.

1 Kommentar

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Von Franz Josef Neffe am 27.08.2019 11:40

Lehren = ein mitreißendes Vorbild für Lernen = Fährten des Lebens folgen, eigene Erfahrungen sammeln sein. So bringe ich es in der neuen Ich-kann-Schule auf den Punkt.
Das Grundprinzip der neuen Ich-kann-Schule ist der SOG und nicht der sonst überall übliche DRUCK. Druck komprimiert Mensch + Problem; das wäre das exakte Gegenteil von Lösung. Wo unterrichtet wird, ist Druck: Unterricht richtet nach unten - da will keiner hin.
SOG bringt vorwärts - da will jeder hin und dabei geht es jedem gut.
Wenn wir als Lernbegleiter unverbindlich neben den Kindern her trotten, mogeln wir uns aus der Verantwortung. Der Lehrer ist immer Vorbild - so oder so - und er kann es nur als Lehrer sein und auch nicht als Unterrichtsvollzugsbeamter/angestellter. Man sollte als Lehrer bewusst darauf achten lernen, was für eine Rolle man spielt, sonst verspielt man sich.
Wenn man Druck ausübt, erschöpft man seine Kräfte. Wer sich (s)einer SOG-Wirkung bedient, spart Kraft und ist ein attraktives = anziehendes Vorbild für effizienten Krafteinsatz.
Guten Erfolg!
Franz Josef Neffe

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