Schule

«Es gibt keinen Lehrermangel»

Seit fast 30 Jahren hat Beat W. Zemp den Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer LCH präsidiert. Diesen Juli scheidet er aus dem Amt. Der Pädagoge über seine Vorbilder, den Druck, der auf Lehrpersonen lastet und die Frage, warum er letztendlich Lehrer und nicht Dirigent geworden ist. 
Interview: Evelin Hartmann
Bilder: Daniel Winkler/13 Photo 
Ein Neubau nah der Zürcher Hardbrücke. Im obersten Stock residiert der Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer LCH.Wir werden in ein modern ausgestattetes Besprechungszimmer geführt. Beat W. Zemp komme jeden Moment, heisst es. Der LCH-Präsident hat viel zu tun, es sind die letzten Wochen seiner Amtszeit. Wehmütig sei er deswegen nicht, sagt er, als er kurze Zeit später den Raum betritt. Hände werden geschüttelt, das Gespräch kann beginnen. 

Beat W. Zemp, Sie waren viele Jahre der oberste Lehrer der Schweiz und damit ein Vorbild für viele Kolleginnen und Kollegen. Gibt es eine Lehrperson, die Sie selbst sehr beindruckt beziehungsweise geprägt hat?  

Das war mein Mathematiklehrer am Gymnasium, kaum älter als wir damals. Jugendliche in diesem Alter sind in einer schwierigen Entwicklungsphase, er hat es verstanden, uns trotzdem zu erreichen. Er hat mit einem inneren Feuer unterrichtet, das mich gepackt und motiviert hat. 

Gibt es auch schlechte Erinnerungen an Ihre eigene Schulzeit? 

Leider ja, besonders ein Primarlehrer ist mir negativ in Erinnerung geblieben, er hat uns Schüler regelmässig geschlagen, Angst und Schrecken verbreitet. In den 60er Jahren wurde so etwas gesellschaftlich noch toleriert. Heute wäre dies undenkbar. 
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Es gab Zeiten, in denen Sie Dirigent werden wollten. 

Mein Musiklehrer am Gymnasium hat mir die Tür zur Welt der klassischen Musik geöffnet. Ich habe das Dirigentendiplom gemacht und eine Band gegründet.
Beat W. Zemp über eine Schule ohne Hausaufgaben: «Ich bin dafür, Hausaufgaben in den Schulalltag zu integrieren, zum Beispiel dank einer betreuten Hausaufgabenstunde am Ende eines Schultages. Das würde etwas kosten, wäre aber gut investiertes Geld, da die Kinder, die zu Hause keine Hilfe bekommen, davon sehr profitieren würden».
Beat W. Zemp über eine Schule ohne Hausaufgaben: «Ich bin dafür, Hausaufgaben in den
Schulalltag zu integrieren, zum Beispiel dank einer betreuten Hausaufgabenstunde
am Ende eines Schultages. Das würde etwas kosten, wäre aber gut
investiertes Geld, da die Kinder, die zu Hause keine Hilfe bekommen, davon
sehr profitieren würden».

Und warum ist aus diesem Berufswunsch nichts geworden? 

Der Wunsch, Mathematik, Geographie und Pädagogik zu studieren und Gymnasiallehrer zu werden, wurde wohl durch meine Begeisterung für den oben erwähnten Mathematiklehrer geschürt. Also habe ich lange Zeit zwei Leben gelebt, dass des Studenten und Lehrers und das des Musikers und Bandleaders.

Was ist das Wichtigste, dass Ihnen ihre Eltern mitgegeben haben? 

Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Besonders mein Vater hat mich sehr unterstützt. Ein Jahr lang hat er mich beispielsweise fast täglich zum Probelokal meiner Band gefahren. Meine Mutter hat vor allem auf die schulischen Leistungen geschaut. Sie hat immer etwas Druck ausgeübt, was wohl auch ein Grund dafür ist, dass ich Bestnoten von der Primarschule bis zur Universität erzielt habe. 

Beeindruckend. 

Aber nicht immer hilfreich für einen Lehrer, der auch Jugendliche verstehen muss, denen sich mathematische Formeln nicht immer sofort erschliessen. Doch ein guter Lehrer vermag auch das Interesse derjenigen Kinder zu wecken, bei denen sein Fach nicht auf Platz 1 der Hitliste steht. Dies war stets mein Ziel. 

2 Kommentare

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Von Michel am 26.06.2019 13:18

++ Ganz ehrlich, was soll dieser verfälschte Artikel? ++

Nein, der Mangel ist nicht nur qualitativ sondern eben genauso quantitativ vorhanden!
Dies (nebenbei bemerkt) ist nämlich nun das Resultat der ständigen, masslos übertriebenen "verakademisierung" der Schulen/Ausbildungen, welches nicht nur den pädagogischen Bereich treffen wird.

Gegenteilig zum Bericht hier, stehen jetzt ja teils haarsträubende Notfallmassnahmen im Raum, von welchen Herr Zemp im Interview oben noch gegenteiliges behauptet. Nur ein paar Tage später tönt er nämlich so:

https://www.bluewin.ch/de/news/schweiz/es-braucht-notmassnahmen-267517.html

Ich erkenne hier vor allem folgende Tatsache:
Es gibt eine klar erkennbare, stetige Überforderung der Lehrpersonen, der Eltern, leider auch der Kinder und offensichtlich auch bei Herrn Zemp, Was nützt ein ständiger Lehrplan-Wechsel, wenn doch das System an sich schon krankt? Als Familienvater schulpflichtiger Kinder und als Ehemann einer Lehrperson erleben wir das nämlich zur Genüge.
Ein erster, relativ einfacher Ansatz wäre systemübergeifend: WENIGER IST MEHR...für alle!

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Von Janine am 25.06.2019 11:55

Ich finde den Titel extrem falsch gesetzt. "Es gibt keinen Lehrermangel" Nur diesen Teil zu verwenden finde ich nicht gut. Denn der Mangel er ist da und wie Herr Zemp sagt ist er einfach qualitativ, weil einfach unqualifiziertes Personal angestellt wird. Es gibt leider viele Leser, die nur Titel, Zitate und Untertitel überliegen und dann der Ansicht sind, es gäbe keinem Lehrermangel! Wenn man das so liest und davon nicht viel weiss glaubt man das einfach dem Titel. Nur wer alles liest kommt auf die ganze Wahrheit.

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