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Schule

Amina muss zurück 

Amina hat ihr Zeugnis früher bekommen als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Die meisten Noten bewegen sich zwischen 4.5 und 5.5. Trotzdem wird Amina nicht mehr an ihre nach Grosswangen zurückkehren können. Anfang Juli wird sie aus der Schweiz ausgewiesen.
Text: Bianca Fritz 
Bilder: Herbert Zimmermann / 13 Photo
Amina spricht nach 18 Monaten in der Schweiz so gut Deutsch, dass sie ohne zu zögern auch am Telefon Auskunft gibt. Es gehe ihr nicht so gut, sagt sie. Weil sie wieder in die Ukraine zurückmuss. Aber sie freue sich auch. Darauf ihre Schwester wieder zu sehen – und hoffentlich auch einige ihrer Freunde. Amina ist guter Hoffnung, auch wenn die 14-jährige Schülerin und ihre Mutter nicht in ihre Heimatregion zurückkehren können. Das ist zu gefährlich für solche, die versucht haben zu fliehen. Ausserdem wird Amina wohl auch ein Jahr in der Schule wiederholen müssen. «Ich hoffe, ich kann in der Ukraine weiter Deutsch lernen», sagt sie.
 
Es war ein Mittwoch, an dem der Brief ankam, dass der Asylantrag von Amina und ihrer Mutter Tania abgelehnt wurde. Das Amt für Migration in Luzern gibt der Presse keine Auskunft darüber, aus welchen Gründen der Antrag auf Asyl abgelehnt wurde. Schon zwei Tage später war Aminas letzter Schultag, sie sprach vor der Klasse darüber, dass sie zurückkehren müsse und bekam kleine Geschenke von ihrem Mitschülerinnen und Mitschülern. Dann mussten sie und ihre Mutter ihre Wohnung flugs verlassen und in ein Notzentrum ziehen, wie eine Bekannte der Familie berichtet. Dort gebe es für abgelehnte Asylbewerber allerdings keine Betreuung mehr und das Leben von 8 Franken am Tag sei sehr hart. Die Bekannte der Familie half Amina und ihrer Mutter daher privat unterzukommen - für die letzten Tage in der Schweiz. 
Amina ist eine gute Schülerin - bei den Lehrpersonen in Grosswangen war sie beliebt. Die Bilder wurden bei unserem Besuch im Februar aufgenommen.
Amina ist eine gute Schülerin - bei den Lehrpersonen in Grosswangen war sie beliebt. Die Bilder wurden bei unserem Besuch im Februar aufgenommen.
Amina war erst im Dezember 2015 in die Regelschule gekommen. Wir berichteten im April, wie sie sich anfangs noch schwer tat, Freunde zu finden und wie sehr die Lehrpersonen sich bemühten, Amina zu integrieren. Bevor sie in die Schule nach Grosswangen kam, lernte Amina etwa ein Jahr lang Deutsch und einige Grundfächer an der Schule im Asylzentrum Luzern. «Amina gehört zu denen, die ihre Chance voll genutzt haben – sie hat sich richtig reingekniet», berichtet Schulleiter Urs Camenzind. Trotzdem habe man sich nie sicher sein können, dass der Asylantrag auch angenommen werde – da die Ukraine kein klassisches Herkunftsland sei für Menschen, denen in der Schweiz Asyl gewährt wird.
 
Dass Amina und ihre Mutter trotzdem Schutz gesucht haben, lag vor allem an der Region aus der sie stammen: Aminas Heimatstadt Donezk wurde von Russen eingenommen, wobei auch das Haus der Familie und das Reisebüro der Mutter zerstört worden. Die Mutter und Amina flüchteten erst einmal innerhalb der Ukraine. «Aber wer aus Donezk kommt, ist nirgendwo gerne gesehen – in anderen Städten wurde unser Auto zerkratzt, und ich fand keinen Job», erinnert sich die Mutter. Als sich dann die Möglichkeit ergab, mit einem Bus voller Flüchtlinge in den Westen zu ziehen, ergriffen sie diese Chance.
«Wir unheimlich dankbar und behalten das Land in guter Erinnerung.»
Tania, Aminas Mutter.
Jetzt werden sich Tania und Amina den Herausforderungen in der Ukraine wieder stellen müssen. Aus ihrem Heimatland können sie als Rückkehrer laut Tania keine Hilfe erwarten – aber das Migrationsamt der Schweiz hat ihr Rückkehrhilfe zugesagt. In den ersten Tagen werden die beiden wohl bei Aminas Schwester in Kiew unterkommen, von dort aber so schnell wie möglich ein eigenes Apartment suchen und vor allem einen Job für die Mutter. Zwischen die Enttäuschung mischt sich bei Tania vor allem Dankbarkeit: «Wir haben in der Schweiz so viele gute Menschen getroffen, die gastfreundlich und hilfsbereit waren. Dafür sind wir unheimlich dankbar und behalten das Land in guter Erinnerung.»

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