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Schule

Flüchtlinge in der Schule: Amina sucht noch Freunde

Wenn Kinder aus Flüchtlingsfamilien auf die Regelschule kommen, steht neben Deutsch und Mathe auch Integration auf dem Lehrplan. Und das ist vielleicht die schwierigste aller Lektionen. Amina aus der Ukraine ist eine sehr gute Schülerin. Aber Freunde zu finden, fällt ihr noch schwer.
Text: Bianca Fritz
Bilder: Herbert Zimmermann / 13 Photo
Eigentlich hätten die Schülerinnen und Schüler einen Vortrag über ihr Hobby vorbereiten sollen. «Aber mein Hobby ist Lesen– und das ist ein bisschen langweilig», erklärt Amina auf Deutsch und lächelt. Dann steht sie auf, legt ihre Blätter auf den Projektor und sagt leise: «Ich begrüsse euch zu meinem Vortrag über die Ukraine.» 

Zehn Minuten und viele Wikipedia-Fakten später dürfen die anderen Schülerinnen und Schüler aus dem Kurs «Deutsch als Zweitsprache» (DAZ) die 14-Jährige bewerten. Amir hebt die Hand: «Sehr, sehr gut. Ich habe noch nie einen Vortrag so geschafft», sagt er und sieht fast ein bisschen eingeschüchtert aus. Amir kam vor zweieinhalb Jahren aus dem Iran in die Schweiz. Amina lächelt verlegen. Sie ist vor knapp einem Jahr aus der Ukraine hierher geflohen. 

In ihrer alten Heimat war sie eine sehr gute Schülerin. «Ich bin wirklich froh, dass Amina jetzt da ist, sie ist motiviert und macht Dampf – so zieht sie auch die anderen mit», sagt Kathrin Aschwanden, Lehrerin für DAZ.
Amina und ihre Mutter sind der Gemeinde Grosswangen zugeteilt worden.
Amina und ihre Mutter sind der Gemeinde Grosswangen zugeteilt worden.
Seit wenigen Wochen besucht Amina zusammen mit Amir und sechs anderen Kindern im Asylverfahren die Regelschule in Grosswangen LU. Zuvor ist sie monatelang in der Schule im Asylzentrum Hirschpark in Luzern gemeinsam mit anderen Flüchtlingskindern unterrichtet worden (wir berichteten aus der Asylschule). Mit Menschen aus aller Welt Deutsch zu lernen, ist also nichts Neues für Amina. Neu ist, dass sie in allen anderen Stunden jetzt mit Schweizer Schülerinnen und Schülern unterrichtet wird. Amina besucht die 1a ISS – ist also eine Integrationsschülerin. Ihr Handicap, wenn man es so nennen will, ist die Sprache. 

Obwohl sie in ihrer Zeit in der Schweiz schon sehr viel Deutsch gelernt hat, kann sie nicht mithalten bei ihren gleichaltrigen Mitschülern, die hier geboren wurden. Den regulären Deutschunterricht und die Förderklassen besucht sie mit den schwachen Schülern. In Englisch und Mathe darf sie bei den starken Schülern des A-Zugs mitmischen. Französisch lernt sie mit den viel jüngeren Anfängern. Alle anderen Fächer sind nicht nach Niveaus aufgeteilt – hier lernen alle gemeinsam. 
Wie will man sein volles Potential zeigen, wenn man die Sprache noch nicht so gut beherrscht?
Die Beurteilung der Integrationsschüler erfolgt jedes halbe Jahr neu, so dass sich das Niveau auch noch ändern kann. «Amina hat Glück, dass sie im 7. Schuljahr einsteigt. Da hat sie noch Zeit, bis im 
9. Schuljahr auf ihrem wirklichen Niveau anzukommen, bevor der Übergang in die weiterführende Schule stattfindet», erklärt Schulleiter Urs Camenzind. Flüchtlinge, die bereits älter sind, wenn sie an die Schule kommen, müssten entweder einige Klassenstufen zurückgestuft werden oder hätten es viel schwerer, ihr Potenzial ganz auszuschöpfen.

Als Teenager unter Kindern

Wie seltsam es ist, mit jüngeren Mitschülern unterrichtet zu werden, zeigt sich in Aminas Französisch­unterricht. Hier überragt die 14-Jährige all die 10- und 11-Jährigen – und ganz besonders ihre Sitznachbarin mit den Sommersprossen und dem kindlichen Gesicht. Trotzdem gibt ihre Lernpartnerin den Ton an und motiviert Amina mit Begeisterung: «Schau, du musst das so schreiben», sagt sie. Und: «Hast du dein Heft dabei? Wir dürfen jetzt Seite 17 machen.» 

Es ist die erste Stunde, in der Amina nicht so wirklich motiviert wirkt. Vielleicht liegt es daran, dass Französisch für Amina schon die fünfte Sprache ist, die sie in ihrem noch jungen Leben lernen soll. Nach Ukrainisch, Russisch, Englisch und Deutsch. Vielleicht aber liegt es doch auch daran, dass sie sich wie ein Fremdkörper fühlt zwischen den jüngeren Kindern. Wenn man sie darauf anspricht, nimmt sie es mit Humor: «Es ist halt manchmal lustig, dass ich so runterschauen muss zu den anderen», sagt sie und lacht leise. Einen Vorteil aber haben die so viel jüngeren Mitschülerinnen. «Die Mädchen sind alle total lieb und neugierig und kümmern sich um Amina», berichtet die Fran­zösisch­lehrerin. Und die Jungen? «Eher nicht – aber das liegt nicht an Amina. Jungs finden Mädchen in diesem Alter eh doof.»
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Amina kommt mitten im Schuljahr in eine fremde Schule. Die 14-jährigen Mädchen, mit denen sie in vielen Fächern unterrichtet wird, haben alle ihre Cliquen gebildet und definieren sich über ihre Freundschaften. Selbst wenn es keine Sprach- und Kulturunterschiede gäbe, hätte es «die Neue» hier schwer. 

Nach den ersten paar Wochen, in denen Amina eher allein unterwegs war, suchten die Lehrpersonen das Gespräch mit den anderen Teenager-Mädchen. Diese fühlten sich allerdings angegriffen und missverstanden. «Wir haben doch gar nichts gemacht», sagten sie. Das stimmte. Aktiv ausgegrenzt hatte niemand. Aber: «Man merkt an Kleinigkeiten, ob jemand integriert ist», sagt Sportlehrerin Caro Emmenegger. Wenn die Mädchen durcheinander rennen und Fangen spielen, sei alles okay. Wenn sie aber anstünden beim Hochsprung zum Beispiel, falle auf, dass sich manche lachend unterhalten und andere einfach nur allein und ruhig herumstünden.

Überhaupt machen sich die Lehrpersonen und die Schulleitung in Grosswangen sehr viele Gedanken über das Thema Integration. In der Förderklasse, die Amina am Montagmorgen gleich nach Deutsch als Zweitsprache besucht, scheint die Lehrerin sogar die Deutschübungen darauf ausgelegt zu haben, dass die Mädchen miteinander ins Gespräch kommen. Die Schülerinnen und Schüler sollen Sätze in den verschiedenen Zeiten bilden. «Als Kind habe ich », «Früher habe ich », «Jetzt mache ich », «Später werde ich » Amina und ihre Sitznachbarin bringen die Übung ruckzuck zu Ende: «Als Kind habe ich viel geschlafen», «Jetzt mache ich viele Hausaufgaben», «Später werde ich  ich weiss noch nicht.» Damit haben sie zwar die korrekten Verbformen eingefügt, aber quasi nichts voneinander erfahren. Jetzt sitzen sie schweigend nebeneinander und schauen nach vorne. «Frau Marberger, was sollen wir jetzt machen?» «Ja, seid ihr schon fertig? Da darf man ruhig auch mehrere Sätze bilden! Ihr sollt einfach miteinander reden. Frag sie doch mal, wie es in der Ukraine war!», motiviert die Lehrerin. 

Aminas Mitschülerin gehorcht brav. Sie erfährt, dass Aminas Schule sehr gross war. Dann sitzen beide Schülerinnen erneut still nebeneinander. «Wo wohnst du?», fragt Aminas Mitschülerin in die Stille. Sie sagt die Adresse. Wieder Stille. Dann wagt Amina selbst einen Versuch: «Was hast du an deinem Geburtstag gemacht?», fragt sie, und jetzt kommen endlich ein paar Sätze zustande, die nach einer Unterhaltung klingen. Aber es ist anstrengend. Es ist Unterricht. 
Man merkt an Kleinigkeiten, ob jemand integriert ist.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Kinder auf dem Pausenplatz nicht die Sprache sprechen, ie Amina im Deutschunterricht lernt, sondern eben ihren Dialekt. Kein Wunder also, dass Amina in der Pause oft Kopfhörer trägt.

Schulleiter Urs Camenzind will nicht schön reden, was schwierig ist: «In diesen Zeiten ist es für die Kinder aus Flüchtlingsfamilien nicht leicht, Anschluss zu finden», sagt er. Es kämen gleich mehrere Schwierigkeiten zusammen: «Die Sprachbarriere, Kulturdifferenzen, aber auch eine bestimmte Grundskepsis Fremden gegenüber.» Der Widerstand, der in Deutschland gegenüber Flüchtlingen herrsche, sei auch hierzulande zu spüren – und das ginge natürlich auf die Kinder über. 

Dieses Problem sei an sich nichts Neues, «aber der Anspruch hat sich verändert – also, dass Schulen die Integration in die Gesellschaft leisten sollen». Daneben betont auch Camenzind gruppendynamische Prozesse, die bei Jugendlichen in dem Alter eben normal seien. Und: «Die Persönlichkeit des Kindes spielt natürlich auch eine Rolle. Wir erleben Amina als eher zurückhaltend.»
Eine Grundskepsis Fremden und besonders Flüchtlingen gegenüber ist spürbar - auch schon bei Kindern.
Nur war sie das offenbar nicht immer. Beim Mittagessen zu Hause erzählt Aminas Mutter, wie dankbar sie dafür sei, dass sie jetzt eine Wohnung hätten und, vor allem, dass Amina eine richtige Schule besuche, eine gute Bildung bekomme. Bildung spielt in Aminas Familie eine grosse Rolle – fast alle ihre Verwandten sind Juristen oder Ärzte. Aminas Schwester studiert in der Ukraine Jura, und die Familie wünscht sich, dass Amina einmal Medizin studiert. Sie selbst ist von der Idee aber nicht begeistert und weiss noch nicht genau, was sie einmal machen will. 

Nachdem Aminas Heimatstadt Donezk von den Russen eingenommen worden war, die auch das Haus der Familie zerstörten, sind sie und ihre Mutter erst einmal innerhalb der Ukraine geflohen. «Aber wer aus Donezk kommt, ist nirgendwo gerne gesehen – in anderen Städten wurde unser Auto zerkratzt, und ich fand keinen Job», erinnert sich die Mutter. Als sich dann die Möglichkeit ergab, mit einem Bus voller Flüchtlinge in den Westen zu ziehen, ergriff Aminas Mutter diese Chance. Heute ist sie stolz darauf, dass ihre Tochter so schnell Deutsch lernt. Nur eines macht ihr Sorgen: «Ich glaube, sie hat es schwer in der Schule. Früher hat Amina viel häufiger Freunde mitgebracht und ist auf andere zugegangen. Jetzt ist sie so verschlossen.»
«So ruhig war Amina früher nicht», meint ihre Mutter (links). Amina selbst aber sieht das Problem nicht.
«So ruhig war Amina früher nicht», meint ihre Mutter (links). Amina selbst aber sieht das Problem nicht.
Amina selbst kann die Sorgen all der Menschen um sie herum offenbar nicht nachvollziehen. Egal, wer sie fragt – ihre Lehrer, ihre Mutter, die Journalistin –, sie betont immer wieder, dass sie sich wohlfühle an der Schule, dass es ihr gut gehe. Trotzdem will sie nach der Schule nicht in der Schweiz bleiben. Die asiatischen Länder faszinieren sie. «Ich brauche über 100 00 Dollar, um dahizugehen», sagt sie, und das erste Mal lacht sie ganz offen. «Wissen Sie vielleicht, wie man einen Ferienjob bekommt?

Schulpflichtige Asylbewerber

An die 8000 Kinder und Jugendliche haben 2015 in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt, davon sind rund 2000 ohne Eltern als sogenannte UMAS (unbegleitete minderjährige Asylsuchende) hierher gekommen. Kinder im schulpflichtigen Alter dürfen und müssen in der Schweiz auch während ihrem Asylverfahren die Schule besuchen. Insbesondere kleinere Gemeinden schicken asylsuchende Kinder teilweise schon von Beginn an in der Regelschule 
in normale Schulklassen. In Gemeinden mit mehr 
asylsuchenden Kindern gibt es häufig  Aufnahme- oder Empfangsklassen. Diese besuchen die 
Flüchtlingskinder, bis sie das Niveau einer 
Regelklasse erreicht haben. In manchen Kantonen – zum Beispiel Luzern – gibt es auch Schulen innerhalb der Asylzentren, die die Flüchtlingskinder auf den normalen Unterricht vorbereiten, bis diese auf die einzelnen Gemeinden zugeteilt werden. Andere Kantone wie Genf haben Mischlösungen: Hier werden die Kinder morgens in Spezialklassen und am Nachmittag mit den anderen Schülerinnen und Schülern unterrichtet. Besonderes Augenmerk liegt auf den Asylsuchenden, die älter als 16 sind, und auf jenen, die als UMAs in die Schweiz gekommen sind. Für sie gibt es in vielen Kantonen spezielle Brückenangebote und Integrationsklassen. Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH weist darauf hin, dass die Integration von 
Flüchtlingskindern nur gelingen kann, wenn bei der Bildung nicht weiter gespart werde und zusätzliche Mittel für diese Integration freigegeben würden.

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Bianca Fritz, Redaktorin von Fritz+Fränzi, geht das Schicksal der Flüchtlinge sehr nahe. Privat gibt sie ein E-Book mit Geschichten über das Fremdsein heraus, dessen Erlös an Flüchtlingskinder geht.

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