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Schule

Zu Besuch in der Asylschule

Sie kennen oft noch nicht einmal unser Alphabet, wissen nicht, wie lange sie in der Schweiz leben werden – sollen aber in wenigen Wochen fit gemacht werden für den Unterricht in der Regelschule. Wie geht das? Zu Besuch in einer Asylschule.
Text: Bianca Fritz     
Bilder: Filipa Peixeiro / 13 Photo
Morgens kurvt ein kleiner Bus das steile Strässchen herauf, durch das Gelände des Kantonsspitals. Vor dem letzten Gebäude am Waldrand bleibt er stehen und spuckt eine Gruppe Schülerinnen und Schüler mit bunten Rucksäcken aus. Sie eilen vorbei am Empfang des Asylzentrums und am Büro, vor dem Asylbewerber sitzen, warten, laut diskutieren. Die Kinder sind spät dran an diesem Morgen, weil ihr Schulbus im Stau stand. Hektisch ziehen sie ihre Jacken aus, verteilen sie auf die Haken an der Wand und huschen ins Klassenzimmer. Dort sitzen ihre Mitschüler bereits über ihren Aufgaben gebeugt. Sie hatten einen kürzeren Schulweg: von den oberen Stockwerken des Asylzentrums ins Erdgeschoss. Die Lehrerinnen nehmen die verspätete Ankunft der Schulbuskinder aus den anderen Asylzentren gelassen hin. Die Ausnahmesituation ist hier der Normalfall.

Kantone fahren unterschiedliche Modelle

In der Schule im Asylzentrum Hirschpark in Luzern ist alle zwei Wochen Einschulung. Fast genauso häufig werden Schülerinnen und Schüler verabschiedet. Zum Zeitpunkt unseres Besuches büffeln 48 Kinder und Jugendliche in sechs Klassen, aber die Zahl ändert sich ständig – meist wächst sie. Schulpflichtig sind in der Schweiz alle Kinder – unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus. Mit dem wachsenden Zustrom an Flüchtlingen gibt es also auch immer mehr Kinder, die in den kantonalen Durchgangszentren darauf warten, dass ihr Asylantrag bearbeitet wird. Schon in dieser Zeit ist Bildung für sie Recht und Pflicht zugleich. Dabei fahren die Kantone unterschiedlichste Modelle. Von der sofortigen Eingliederung in die Regelschule mit zusätzlichem Deutschunterricht über spezielle Kleinklassen bis hin zu Schulklassen direkt in den Asylzentren, wie sie eben in Luzern geführt werden. Wenn der Asylstatus geklärt ist, geht es für die Bewerber entweder in die Gemeinden – und damit auf die Regelschulen – oder ins Heimatland zurück. Im Durchschnitt bleiben die Kinder in Luzern zwei bis drei Monate in den Durchgangszentren. Es gibt aber auch immer solche, die schon nach wenigen Wochen weiterziehen. Und es gibt jene, deren Status bis zu einem Jahr oder länger unklar bleibt.
«Wir können den 16-jährigen Analphabeten nicht zusammen mit Kindergartenkindern und Primarschülern unterrichten.»
Schulleiterin Silvia Rüttimann

Jeder Schüler muss einzeln betreut werden

Sie sehen ihre Mitschüler ständig kommen und gehen. Das Gefälle ist riesig Bevor die Kinder in die Klassen eingeteilt werden, stellen sie sich bei der Schulleiterin Silvia Rüttimann vor. Sie versucht herauszufinden, ob die Kinder bereits die Schule besucht haben, ob sie lesen und schreiben können, ob sie auch lateinische oder hauptsächlich arabische Schriftzeichen gelernt haben. «Das Gefälle ist riesig», sagt sie. Die schwierigste Aufgabe sei es, die Kinder zwar nach Niveau einzuteilen, ihnen aber trotzdem die Chance zu geben, mit Gleichaltrigen zu lernen. «Wir können den 16-jährigen Analphabeten nicht zu den Primarschülern und Kindergartenkindern stecken», sagt sie. Für die acht Volksschullehrerinnen, die mit einem festen Pensum an der Schule im Asylzentrum arbeiten, heisst das vor allem eines: Sie müssen jeden Schüler einzeln betreuen. Jedem Aufgaben auf seinem Niveau zuteilen, seinen Fortschritt gewähren und trotzdem die Gruppe zusammenhalten. Ein ständiger Spagat.

Deshalb sitzen in den Klassenzimmern auch im Normalfall nicht mehr als zehn Schüler. DerSpracherwerb steht im Vordergrund, alle Lehrpersonen habe eine Zusatzausbildung im Bereich «Deutsch als Fremdsprache». Vormittags hat jeder Schüler zehn Lektionen Deutsch pro Woche. Nachmittags stehen je zwei Lektionen Rechnen, Gestalten oder Sport auf dem Stundenplan. Und dann sind da noch Dinge, die mitgelernt werden, ohne dass sie direkt benannt werden: dem Tag Struktur geben, schulfähig werden. 
Einige Eindrücke aus der Asylschule haben wir spontan mit dem Smartphone festgehalten.
«Die Kinder saugen alles auf, wollen alles wissen, ganz ohne Vorbehalte.»
Lehrerin Pia Schnyder Perrollaz
Gerade bei den Jüngsten, den angehenden Primarschülern, ist das ein Thema. Sie sitzen im ersten Stock an kleinen Tischen und kleben bunte Punkte hinter Bilder und Worte. Jeder Punkt steht für eine Silbe. Wer unsicher ist, klatscht zusammen mit Lehrerin Pia Schnyder Perrollaz und Praktikant Anis Ayachi in die Hände und zählt nach. «Re-gen-schirm.» «Sturm-wind.» Die Worte haben die Kinder gerade erst gelernt – sie stammen aus einer Geschichte vom Igel im Winterschlaf. Manche Schüler knobeln und grübeln so fest, dass man fast meint, Dampf aus den kleinen Köpfen aufsteigen zu sehen. Sie reiben sich die Nase, ziehen die Münder zusammen und versuchen es: «Zwei?» «Nein, hör noch einmal hin!» Andere seufzen und ruckeln ungeduldig auf ihren Stühlen herum.
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Alle Kinder wollen der Lehrerin zeigen, wie der Sturmwind tönt. Bild: Bild: Filipa Peixeiro / 13 Photo
Alle Kinder wollen der Lehrerin zeigen, wie der Sturmwind tönt. Bild: Bild: Filipa Peixeiro / 13 Photo
Aber es gibt auch die andere Seite der Arbeit im Asylzentrum. Die beispiellose Begeisterungsfähigkeit der Kinder. Wann immer Pia Schnyder Perrollaz eine Frage stellt, schnellen alle Finger gierig in die Höhe und die Kinder rufen «Ich, ich, ich …». «Sie saugen alles auf, wollen alles wissen, ganz ohne Vorbehalte», erzählt die Lehrerin. Zugleich suchen sie Nähe. Praktikant Anis, 22, hat es ihnen besonders angetan. Vielleicht, weil er als Halbtunesier auch Arabisch spricht. Vielleicht auch, weil er, wie er selbst sagt, «nicht so sehr Autorität ausstrahlen muss und manchmal auch nur dabeisitzen darf». Immer wieder kommt eines der Kinder zu ihm und schmiegt sich an seinen Arm. Auch, als sie am Ende der Stunde gemeinsam das Lied vom Igel im Winterschlaf singen, laut, falsch und mit ganz viel Körpereinsatz. Dass die meisten Kinder sehr gerne zur Schule gehen und es auch keine Überzeugungsarbeit bei den Eltern braucht, weiss auch Schulleiterin Silvia Rüttimann aus Erfahrung. «Allen ist Schule enorm wichtig.» Und das nicht nur wegen des Schulstoffs. Es geht auch darum, dass die Kinder einmal rauskommen aus den beengten Wohnverhältnissen im Asylzentrum. Bei Familie Rashid kann man das gut sehen. Seit sie vor drei Monaten aus Syrien über die Türkei und Deutschland in die Schweiz gekommen ist, wohnt sie zwei Stockwerke über der Schule in einem kleinen und blitzblank geputzten Zimmer. Darin stehen zwei Stockbetten und ein Gitterbettchen mit einem Neugeborenen. Dazu ein Waschbecken, eine Mikrowelle, ein Kühlschrank, ein kleiner Tisch – das wars. Hier lebt die sechsköpfige Familie. Und alle versuchen still zu sein, wenn die drei schulpflichtigen Kinder ihre Hausaufgaben machen. Das versichert Vater Muhammed, der selbst oft mit dem Wörterbuch anzutreffen ist. «Bildung ist wichtig», sagt er mit einem ernsten Gesicht. Er steht vor einer Wand, an der die Stundenpläne der Kinder hängen, zusammen mit Porträtfotos. Darunter sind Schultheke und Schuhe aufgereiht. Bis vor ein paar Monaten gab es im Asylzentrum noch einen Raum, in dem die Kinder in Ruhe Hausaufgaben machen konnten. Doch dieser wird jetzt als zusätzlicher Schlafraum gebraucht. 
Silben klatschen. Wenn Praktikant Anis dabei ist, klappt das besonders gut. Bild: Bild: Filipa Peixeiro / 13 Photo
Silben klatschen. Wenn Praktikant Anis dabei ist, klappt das besonders gut. Bild: Bild: Filipa Peixeiro / 13 Photo
Die Kinder an Schulstrukturen zu gewöhnen, ist alles andere als einfach, berichtet die Lehrerin: «Viele haben zuvor noch nie in einem Kreis gesessen, manche noch nie gespielt.» Dazu kommt, dass einige Kinder ein hohes Aggressionspotenzial mitbringen – es aus ihrer Familie nicht anders kennen. «Wer das Spielzeug in der Hand hat, glaubt, dass es nun ihm gehört, und andere werden mit Schlagen und Kratzen abgewehrt», erzählt Pia Schnyder Perrollaz. In diesen Momenten ist sie als Lehrerin und Mensch besonders gefordert. Sie muss erklären, warum man im Schulzimmer nicht schlagen darf. Und das oft nur mit Gesten und Mimik, weil die richtigen Worte noch fehlen.

Über die Lehrerin tuscheln

Einzig unter den Teenagern gibt es einige, die manchmal nicht ganz so begeistert wirken von den Schulstunden. Für sie ist die Lehrerin auch mal Anlass, in der Muttersprache zu tuscheln. Und es gibt Jungen, die man dreimal ermahnen muss, bis sie ihr Handy ausschalten. Das mag an der Pubertät liegen. Vielleicht auch daran, dass sie den schwierigsten Weg zu gehen haben. Die Jugendlichen sollen in wenigen Wochen oder Monaten so gut Deutsch lernen und erste Schulinhalte so gut vermittelt bekommen, dass sie bald «die tiefste Regelschulklasse, die für ihr Alter noch vertretbar ist», besuchen kön nen. So drückt es Schulleiterin Silvia Rüttimann aus. Deshalb geht es in diesen Klassen auch viel weniger spielerisch zu als bei den Jüngeren.

Gerade werden kräftig Verben konjugiert. «Ich küsse, du küsst …» «Weisst du denn, was küssen heisst?», wirft die Lehrerin ein, und das Mädchen aus Afghanistan formt scheu einen Kussmund unter ihrem Kopftuch. «Ja, genau!» Dann lobt sie eine Eritreerin dafür, dass sie das Verb «rennen» richtig durchkonjugiert hat – ohne abzulesen, denn lesen kann sie noch nicht. Ein Klassenzimmer weiter wirft Lehrerin Heidy Müller auch immer wieder ein Wort in Farsi oder Arabisch in die Runde, wenn die Verständigung hakt. Das meiste aber, gibt sie selbstkritisch zu, vergisst sie schon bald, nachdem es ihr die Schüler beigebracht haben. «Umso bewundernswerter finde ich es, was die Kinder hier leisten.»

Die meisten sprechen Deutsch in kurzen Sätzen. «Ich komme aus Syrien.» «Ich bin 14 Jahre alt.» Das geht schon. Auch: «Ich habe zwei Schwestern.» Warum diese aber bei den Eltern in Syrien geblieben sind, warum der Junge, der das berichtet, ganz alleine in die Schweiz gekommen ist, dafür fehlen die deutschen Worte noch. Stattdessen lächelt er und zuckt mit der Schultern. Klar ist: Er ist nicht der Einzige, der ohne Familie hier ist. Im Kanton Luzern wurde extra ein Zentrum für rund 70 sogenannte UMAs – also «unbegleitete minderjährige Asylsuchende» – errichtet. Eine besondere Herausforderung für die Lehrpersonen? Silvia Rüttimann: «Traumata spüren wir selten. Nur punktuell erzählt mal ein Elternteil etwas, wenn es darum geht, das Verhalten der Kinder zu erklären.» Im Unterricht ist das, was die Kinder erlebt haben, im Normalfall aber kein Thema. Lehrerin Pia Schnyder Perrollaz ist überzeugt: «Die Kinder sind erst einmal damit beschäftigt, anzukommen – was sie zu verarbeiten haben, zeigt sich erst viel später, wenn sie zur Ruhe gekommen sind.»

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Bianca Fritz 
war tief beeindruckt von der Lernmotivation der Kinder im Asylzentrum. Sie arbeitet derzeit an einem Kurzgeschichten-E-Book, dessen Erlös an Flüchtlingskinder geht.

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