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Lernen

Lernen im Sommer – «wenig, dafür täglich»

Die Lernexpertin Katrin Piazza erklärt im Interview, wieso sich gerade die Sommerferien fürs spielerische Lernen eignen. 
 Interview: Irena Ristic 

Frau Piazza, Lernen in den Ferien – ist das ein neuer Ausdruck unserer Leistungsgesellschaft? 

Druck und Anforderungen gehören oder sind sogar Charakteristikum der Leistungsgesellschaft.  Das war leider schon zu meiner eigenen Schulzeit in den 70er Jahren so. Meine Erfahrung ist: Wenn Eltern es schaffen, Gelassenheit und Zuversicht und eine Haltung von «kleine Schritte führen zum Ziel» zu vermitteln, ist der Druck für Kinder und Jugendliche sehr viel besser auszuhalten.

Wer sollte in den Sommerferien lernen? 

Grundsätzlich: 1. Wer Gefahr läuft, wichtige Grundkompetenzen über die Sommerferien zu verlernen. 2. Wer (neu oder wieder) eine positive Haltung dem schulischen Lernen gegenüber entwickeln möchte – dann gilt es aber, dezidiert anders zu lernen, also neue, günstige Gewohnheiten zu entwickeln. Das heisst: kleine, effektive Lernportionen statt uferlose «Lernorgien». 
«Auch in Freizeitkursen wie Yoga, Klettern oder Kanufahren lässt sich fürs (schulische) Lernen Wichtiges trainieren», sagt Lerncoach Karin Piazza.
«Auch in Freizeitkursen wie Yoga, Klettern oder Kanufahren lässt sich fürs (schulische) Lernen Wichtiges trainieren», sagt Lerncoach Karin Piazza.

Für Sie bedeutet Lernen auch nicht immer automatisch Schule...

Ich finde es schade, wenn Lernen immer primär mit «Schule» und im zweiten Atemzug mit «mühsam» verknüpft wird. Gerade die Sommerferien eignen sich prima zum Lernen: Neues ausprobieren, eine Technik wie Slackline lernen, Einrad fahren, ein dickes Buch lesen, Schach spielen, Meerschweinchen dressieren…

Slackline lernen oder Einrad fahren ist sicherlich lustiger als Matheformeln zu büffeln. Wie kann auch Lernen für die Schule Spass machen? 

Auch hier: Wenig, kleine Portionen, dafür täglich. Es sollte unbedingt darauf geachtet werden, dass positive Erfahrungen gemacht werden und Erfolgserlebnisse stattfinden. Das Lernmaterial ist so zu wählen, dass ein Gefühl von «ich kann das!» entsteht. Übrigens: Auch in Freizeitkursen wie Yoga, Klettern oder Kanufahren lässt sich fürs (schulische) Lernen Wichtiges trainieren: Durchhalten, sich anstrengen, mit den eigenen Kräften haushalten, oder sich in Geduld üben.
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Welche Erfahrungen machen Sie mit Kindern und Jugendlichen, die in den Sommerferien lernen (müssen)?

Wenn Eltern, Kinder und Jugendliche das obige Prinzip anwenden, sind die Erfahrungen gut. Gerade die entspannte Zeit in den Ferien kann dann sogar für Lern-Experimente genutzt werden – mit mitunter positiven Überraschungen! «Ist ja gar nicht so schwer», freute sich einer meiner Viertklässler, der in täglich 10 bis 15 Minuten das Einmaleins mit der Lernkartei trainierte. 

Trotzdem wird es auch die Kinder und Jugendliche geben, die sich nicht fürs Lernen in Ferien begeistern lassen werden. Wann wird es schwierig? 

Dann, wenn die Vorstellungen auseinander klaffen: Eltern, die finden, das Kind müssen jeden Morgen bis Mittag lernen, das Kind hingegen der Meinung ist, eine Stunde genüge. Meine Aufgabe als Coach ist es dann, Eltern und ihren Sprösslingen zu helfen, vernünftige und realistische Pläne zu entwickeln.

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