Familienleben

Was tun, wenn sich die Grosseltern in die Erziehung einmischen?

Wenn Kinder von berufstätigen Müttern und Vätern regelmässig von den Grosseltern beaufsichtigt werden, stellt sich die Frage, wie diese in die Erziehung eingebunden werden sollen. Die Antwort ist einfach – ihre Umsetzung dagegen knifflig.
Text: Anna Gielas
Bilder: Deepol und Runar Lind / Plainpicture
«Ach, Kind!» Mit diesen Worten beginnen die Streitereien zwischen Esther und ihrer Mutter Lise. Weil Esther arbeitet, hütet Lise fast täglich Esthers Sohn. Dabei handelt sie oft gegen Esthers erzieherische Vor­stellungen. Sie lässt Till beispiels­weise viel mehr naschen, als es Esther recht ist. Aber jedes Mal, wenn Esther das Thema anspricht, hat ihre Mutter etwas einzuwenden. «Ach Kind, das ist doch nicht so schlimm!» Solche Kommentare ver­unsichern Esther. Immer häufiger stellt sie sich die Frage: Sollen Grossmami und Grosspapi ebenfalls das Sagen in Tills Erziehung haben?

Fachleute geben auf diese Frage eine klare Antwort: Erziehung ist Elternsache. Die Grosseltern sollten die Kinder betreuen – aber nicht erziehen. Grossmami und Gross­papi begleiten die Entwicklung ihres Enkels und helfen den Eltern dabei, ihre Erziehungsvorstellungen umzusetzen. Wenn widersprüchli­che pädagogische Ansichten zwischen Eltern und Grosseltern auf­tauchen, sollten die Eltern das letzte Wort haben.

So weit die erziehungswissen­schaftliche Empfehlung. Im Alltag lässt sich diese allerdings nie so geradlinig umsetzen, wie Esther und viele andere Mütter und Väter es sich wünschen.
«Den Eltern in den Rücken fallen ist tabu!»
Erziehungswissen­schaftlerin Melitta Steiner
Das sei nicht weiter tragisch, sagen Experten. Eines sollten Gross­eltern jedoch niemals tun: «Den Eltern in den Rücken fallen, indem sie dem Enkel etwas erlauben, was diese ausdrücklich untersagen. Das ist tabu», sagt die Erziehungswissen­schaftlerin Melitta Steiner von der Kinder­, Jugend­ und Elternbera­tung punkto in Zug. Am Ende muss der Nachwuchs die widersprüch­lichen Signale der Erwachsenen in Einklang bringen – was zu einem Problem für das Kind werden kann.

Wenn die Grosseltern immer wieder etwas anderes sagen als die Eltern, fehlt dem Heranwachsenden die erzieherische Kontinuität. Seine Alltagsstrukturen sind nicht klar und eindeutig, sondern erscheinen ungeordnet und willkürlich. «Die Kontinuität ist sehr wichtig in der Erziehung», betont auch die Psycho­login und Erziehungsberaterin Erica Rusch von der Bildungsdirek­tion des Kinder­ und Jugendhilfe­zentrums (kjz) in Winterthur. «Die­se Kontinuität gibt dem Kind Sicherheit.»

Über Erziehungsvorstellungen vorab sprechen

Um diese Kontinuität so gut es geht sicherzustellen, gilt es einige Regeln zu beachten.

Wer plant, seine Eltern regelmä­ssig in die Betreuung der eigenen Kinder einzubeziehen, sollte in einem gemeinsamen Gespräch die grundlegenden Erziehungsvorstel­lungen klar formulieren und den Grosseltern mitteilen. Etwa: Das Kind wird nie körperlich bestraft. Oder: Die Kinder sollten nie länger als eine von den Eltern festgelegte Zeit fernsehen oder gamen.

Tau­chen bei den Grosseltern Fragen und Unklarheiten auf, sollten die Erwachsenen sie möglichst gleich miteinander klären. Bei diesem grundlegenden Gespräch haben die Eltern und Grosseltern ein zentrales Ziel: Konflikte über unterschiedli­che Erziehungsvorstellungen im Alltag zu meiden – und für das Wohl des Kindes klare Regeln zu etablieren.

Doch nicht jede Situation im Alltag mit Kindern lässt sich im Vorfeld voraussehen und absprechen. An manches denkt man gar nicht. Damit Mutter und Vater wei­terhin ihre Erziehungsvorstellungen umsetzen können, sollten sie bei­spielsweise bei der Übergabe des Kindes die Grosseltern fragen: «Gab es heute Momente, in denen ihr euch nicht sicher wart, wie wir ent­scheiden würden
Entscheidungen sollen möglichst nach gemeinsamer Rücksprache gefällt werden.
Mutter und Vater sollten die Grosseltern grundsätzlich dazu ein­laden, Entscheidungen möglichst nach gemeinsamer Rücksprache zu fällen. Gerade wenn das Kind etwas vorschlägt oder um etwas bittet, was es bislang noch nicht getan hat. In solchen Situationen können Gross­mami und Grosspapi erst einmal antworten: «Das ist eine spannende Idee – lass uns Mami und Papi fra­gen und dann weiterschauen.»
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Verhindern, dass das Kind in einen Loyalitätskonflikt gerät ...

«Sind Grosseltern oder Eltern unzu­frieden mit der Situation, sollten beide Seiten stets das Gespräch mit­einander suchen», rät Melitta Steiner. Dabei sollten die Erwachsenen mit möglichst viel Einfühlungsvermö­gen an den Dialog herangehen und auf Streit vor dem Heranwachsenden verzichten. Sonst droht das Kind in belastende Loyalitätskonflikte zu geraten.

Doch auch wenn die Eltern in Erziehungsfragen das letzte Wort haben, müssen sie den Grosseltern nicht jede Entscheidung vorgeben. Weil Grossmami und Grosspapi die zentralen Situationen des Eltern­daseins bereits erlebt haben, verfü­gen sie über einen Erfahrungsschatz, der nun den Eltern zugutekommen kann. «Grosseltern gehen häufig entspannter und ruhiger mit den Enkeln um als die jungen und weniger erfahrenen Eltern», sagt Rusch.

Der Erfahrungsschatz und die Ruhe sind zwei Ressourcen, die Eltern bisweilen übersehen. Statt also ihre eigenen erzieherischen Vorstellungen partout durchsetzen zu wollen, können Mutter und Vater die Grosseltern um ihre Meinung fragen – oder ihnen gewisse Freiheiten beim Hüten des Kindes lassen. Diese Freiheiten sollten vorab mithilfe eines Gesprächs klar definiert werden.

Erziehungsnormen unterliegen einem kulturellen Wandel

Aber was tun, wenn die erzieherischen Vorstellungen von Eltern und Grosseltern so weit auseinanderklaffen, dass die Grosseltern die Entscheidungen von Mutter und Vater überhaupt nicht umsetzen wollen?

«In diesem Fall sollten sich beide Generationen vor Augen führen: Es gibt kein Richtig oder Falsch», sagt Rusch. Denn jedes Kind ist anders und braucht dementsprechend andere erzieherische Strukturen. Haben die Grosseltern ihren eigenen Nachwuchs als schüchtern im Kindesalter erlebt, werden sie generell eher ein Vorgehen gutheissen, das auch für ähnliche Kindercharaktere geeignet ist, aber beispielsweise nicht für energiestrotzende kleine Weltentdecker.

Alle Erziehungsvorstellungen basieren auf bestimmten individuellen Erfahrungen – und sind nicht gleichermassen gut für jedes Kind. Wer sich diesen Umstand vergegenwärtigt, dem fällt es leichter, ein ruhiges Gespräch über unterschiedliche Erziehungsstile zu führen.
Statt hitzige Diskussionen zu führen, gilt es gemeinsam herauszufinden: Was funktioniert am besten für unser Kind und unseren Enkel? Was sind seine Bedürfnisse? 
Statt hitzige Diskussionen zu führen, gilt es gemeinsam herauszufinden: Was funktioniert am besten für unser Kind und unseren Enkel? Was sind seine Bedürfnisse? 
Man sollte sich ausserdem bewusst machen, dass die Vorstellungen, wie Erziehung aussehen sollte, stets kulturellen Normen unterlägen – und sich immer wieder wandelten, gibt Erica Rusch zu bedenken. Hitzige Diskussionen um vermeintlich richtige oder falsche Erziehungsnormen bringen Eltern und Grosseltern nicht weiter. 

Stattdessen gilt es gemeinsam herauszufinden: Was funktioniert am besten für unser Kind und unseren Enkel? Was sind seine Bedürfnisse? Wie werden wir ihnen gemeinsam am besten gerecht?

Wenn professionelle Betreuung die bessere Lösung ist

«Dass dabei im Alltag immer mal Spannungen zwischen den Eltern und Grosseltern aufkommen können, ist völlig normal», sagt die Erziehungswissenschaftlerin Melitta Steiner. Aber manchmal können diese Spannungen überhandnehmen – und wiederkehrende Konfrontationen verursachen. «In einer verfahrenen Situation sollten die Eltern prüfen, ob professionelle Betreuung womöglich die bessere und konfliktfreie Option wäre», rät Steiner. Auch um das Verhältnis zu den eigenen Eltern zu entlasten.

Allerdings sollten die Eltern nicht überstürzt zugunsten einer Betreuung durch Krippe beziehungsweise Hort entscheiden. «Denn Grosseltern bringen ein hohes emotionales und zeitliches Engagement zum Kinderhüten mit», betont Rusch. «Und das trotz des Älterwerdens.»

Die Erziehungsberaterin animiert zur Dankbarkeit gegenüber Grossmutter und Grossvater. Ihr grosser Einsatz sei nicht selbstverständlich, fügt Rusch hinzu, die in ihrem Arbeitsalltag auch immer wieder mit Grosseltern zu tun hat. «Sie spielen eine sehr wertvolle Rolle im Leben des Kindes», betont sie. «Im Vergleich zu professionellen Bezugspersonen wie in der Krippe sind Grossmami und Grosspapi oftmals stabilere, präsentere Bezugspersonen.»
Dank Grosseltern erfahren Kinder  ein tiefes Gefühl der Verbundenheit und Zugehörigkeit.
Aber das ist bei Weitem nicht die einzige Besonderheit der Grosseltern als Betreuer der Kinder. Die Entwicklung von Mädchen und Buben ist reicher, wenn sie eine dritte Generation erleben. Der Nachwuchs begreift sich dann als Teil einer grös­seren, zusammengehörenden Grup­pe und erfährt das tiefe Gefühl der Verbundenheit und Zugehörigkeit.

Das Kind lernt seine tiefen Wurzeln kennen. Das hilft ihm bei der Ent­wicklung seiner eigenen Identität. Dies kann Eltern und Grosseltern eine wunderbare Einladung sein, im Alltag einander respektvoll und dankbar zu begegnen – und im stetigen Austausch das Wohl des Kindes im Blick zu haben.

So gelingt das Gespräch zwischen Eltern und Grosseltern

Für Eltern

  • Formulieren Sie Ihre Erziehungsvorstellungen klar und präzise.

  • Benutzen Sie Beispiele aus dem Alltag, um Ihre Vorstellungen zu untermauern.

  • Werten Sie die Erziehungsvorstellungen der Grosseltern nicht als «veraltet» ab.

Für Grosseltern

  • Bieten Sie generell eher nur auf Wunsch einen Erziehungsrat.

  • Stellen Sie das pädagogische Wissen der jungen Eltern nicht infrage.

  • Stellen Sie Fragen, um spätere Unklarheiten oder ­Konflikte­ zu­ meiden.

Für alle Beteiligten

  • Lassen Sie einander aussprechen.

  • Fassen Sie sich kurz und verständlich.

  • Zeigen Sie Einfühlungsvermögen und Respekt.

  • Lassen Sie sich von der Hauptfrage leiten: Was braucht das Kind und wie bieten wir es ihm?

Die Autorin:

Anna Gielas stellt derzeit ihre Promotion an der britischen University of St Andrews fertig. Die Autorin schreibt über Erziehung, Psychologie und Neurowissenschaften für verschiedene deutschsprachige Medien.

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