Desktop l gesellschaft familienleben auwachsen grosseltern
Familienleben

Aufwachsen bei den Grosseltern … 

Siriwan ist 16 Jahre alt, sie lebt bei ihren Grosseltern Ines, 76, und Edi, 74, in Zürich. Wie funktioniert das?
Text: Bettina Leinenbach
Bilder: Gabi Vogt / 13Photo
Wenn Siriwan ihre Augen schliesst, kommen die Erinnerungen. Nicht wie in einem Spielfilm, eher wie bei einem Diavortrag: Regenzeit, wunderschönes Land, grüne Hölle, Blechhütten, Habseligkeiten, wieder eine neue Schule, alleine sein, Papi, bekannte und unbekannte Gesichter. Die heute 16-Jährige hat die ersten acht Lebensjahre im Nordosten Thailands verbracht. Anfangs noch mit ihrer thailändischen Mutter und ihrem Schweizer Vater, doch sehr bald war sie auf sich alleine gestellt. Zumindest hat es sich für das Mädchen immer mal wieder so angefühlt. Siriwans Papi bekam nach der Trennung der Eltern zwar das Sorgerecht für sie, aber er war nicht wie andere Väter.
Weil sich ihr Sohn nach der Scheidung nicht um seine Tochter kümmern konnte, nahmen Ines und Edi Schmid ihr Enkelkind Siriwan in Pflege.
Weil sich ihr Sohn nach der Scheidung nicht um seine Tochter kümmern konnte, nahmen Ines und Edi Schmid ihr Enkelkind Siriwan in Pflege.

Der Hintergrund

Heute wissen Ines und Edi, warum ihr einziger Sohn seine Lehre abbrach und als 18-Jähriger die Idee hatte, nach Thailand auszuwandern. Sie verstehen nun auch besser, wieso er dort überstürzt heiratete, immer neue, abenteuerliche Geschäftsideen entwickelte und warum es ihm nicht gelang, mit dem Geld, das sie ihm regelmässig schickten, zu haushalten. Siriwans Vater war und ist nicht charakterschwach, sondern psychisch krank. Seit Kurzem hat das Leiden auch einen Namen: Schizophrenie. In akuten Krankheitsphasen verliert der mittlerweile 36-Jährige den Bezug zur Realität, fühlt sich verfolgt und bricht alle Brücken hinter sich ab. Oder er greift zur Flasche.

Damals, in Thailand, als der junge Mann verzweifelt versuchte, sein Leben in den Griff zu bekommen und seinem Kind ein guter Vater zu sein, muss er gespürt haben, wie aussichtslos seine Situation war. Ines und Edi flogen so oft wie möglich nach Asien. Zeit nur für Siriwan, regelmässige Mahlzeiten, Gute-Nacht-Geschichten auf Züritüütsch. Wenn der Moment des Abschieds kam, brach für das Kind jeweils eine Welt zusammen. Zwei Mal durfte es alleine nach Zürich fliegen und jeweils für drei Monate bei den Grosseltern bleiben. Obwohl Siriwan ihren Papi vermisste, fühlte sie sich bei ihnen geborgen.

Die Veränderung

Gegen Ende des zweiten Aufenthaltes hoffte das Kind auf ein Wunder. Das Wunder kam, je nach Perspektive war es aber gleichzeitig die Katastrophe. Siriwans Vater rief wenige Tage vor dem geplanten Rückflug in der Schweiz an. Er wirkte instabil. Als er seine Eltern bat, die Tochter nicht wieder in den Flieger zu setzen, fackelten die ehemalige Kindergärtnerin und der frühere Elektromonteur nicht lange. Sie beschlossen noch in derselben Nacht, offiziell die Pflegschaft für ihre Enkelin zu beantragen. Siriwan war im ersten Moment einfach nur erleichtert, die Traurigkeit kam erst später dazu.

 Das Mädchen wurde in Zürich eingeschult, kam zur Ruhe und hatte nun ein echtes Zuhause. Anfangs skypte es sehr oft mit seinem Vater, doch mit der Zeit zog es sich mehr und mehr zurück. Die Jahre in Thailand, das Alleinsein, die Alkoholexzesse des Vaters, seine Aggressionen – all das hatte Spuren in Siriwans Seele hinterlassen. Die junge Frau mit den ausdrucksstarken Augen ist immer noch in Therapie. Je älter sie wird, desto besser versteht sie, was damals geschehen ist.  Aber viele ihrer Fragen bleiben unbeantwortet.
Heute lebt Siriwan in Zürich. Ihren leiblichen Vater sieht sie nur noch selten.
Heute lebt Siriwan in Zürich. Ihren leiblichen Vater sieht sie nur noch selten.

Die Grosseltern in der Elternrolle

Zu ihrer Mutter hat sie keinen Kontakt, und die Begegnungen mit ihrem Vater seitdem kann sie an einer Hand abzählen. Gerade ist er wieder in der Schweiz, wird stationär in der Psychiatrie behandelt. Es ist sein altes Muster: Wenn er eine schwere Krise hat, kommt er heim. Sobald es ihm etwas besser geht, flüchtet er nach Asien. Ines und Edi Schmid besuchen ihren Sohn regelmässig. Er fragt nach seiner Tochter. Die beiden Senioren müssen dann jeweils erklären, warum Siriwan nicht mitgekommen ist. Meistens versteht er.

Wenn man erlebt, wie liebevoll die drei miteinander umgehen, wie selbstverständlich sie über die Vergangenheit, das Jetzt und die Zukunft sprechen, hat man das Gefühl, dass diese Geschichte sich zum Guten gewendet hat. Die Grosseltern haben die Elternrolle nicht nur angenommen, sondern – trotz ihres Alters – komplett ausgefüllt.

Als Siriwan Schlittschuhlaufen lernen wollte, gingen Ines und Edi selbstverständlich mit ihr aufs Eis. Und wenn an der Kantonsschule Elternabend ist, dann sitzen die beiden zwischen den anderen Eltern. Die Grosseltern wissen, dass Siriwan für ihr Leben gerne Klavier spielt, wie wach ihr Verstand und wie gross ihr Herz ist, und dass sie nicht besonders gerne über ihre Geschichte spricht.
Anzeige

Vorsorge für die Zukunft

Obwohl der Teenager die Pflegeeltern jung hält, ist allen bewusst, dass sich das Blatt wenden kann. Doch Ines und Edi haben vorgesorgt. Wenn sie nicht mehr in der Lage sein sollten, umfassend für die Enkelin da zu sein, wird Ines Bruder mit seiner Familie übernehmen. Siriwan ist mit dieser Variante einverstanden, denn sie weiss, dass das keine Notlösung wäre.

Weiterlesen:

Im Dossier unserer Juni/Juli 2017 Doppelausgabe finden Sie weitere spannende Reportagen und Texte über Pflegefamilien. Bestellen Sie hier die Ausgabe!

0 Kommentare

Diesen Artikel kommentieren