Die Lüge vom Mutterglück

Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, geben dies im Normalfall nicht zu. In Talkshows sieht man sie höchstens hinter Perücken und mit verstellter Stimme. Sarah Fischer hatte genug vom vorgetäuschten Mutterglück und schrieb ein Buch über ihr eigenes Bereuen. Damit ihre Tochter einmal ohne Lügen leben kann.
 Es ist nicht einfach, einen Termin bei Sarah Fischer zu bekommen. «Ich gebe nur noch schriftliche Interviews», sagt sie. Und erst nach einigen Mails willigt sie ein: «Gut, Sie haben sich offenbar wirklich mit dem Thema auseinandergesetzt – kommen Sie vorbei.»
Die Autorin ist vorsichtig geworden. Medien, so sagt sie, hätten oft ein vorgezeichnetes Bild von ihr, das sie dann in Interviews nur noch bestätigen solle. Dass die 43-Jährige ihre Mutterschaft bereut, könne ja nur daran liegen, dass sie es sich vorher nicht richtig überlegt habe. An ihrer Persönlichkeit, ihrer persönlichen Situation, den zu hohen Erwartungen. Ja, vielleicht sogar daran, dass Sarah Fischer adoptiert ist.
Was glaubt sie selbst? Zu wie viel Prozent ist es ihre Persönlichkeit, die ihr dabei im Weg steht, die Mutterschaft als Erfüllung zu sehen? Zu wie viel Prozent sind es die schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen, die sie in ihrem Buch ausführlich beschreibt? Der Kampf um die Vereinbarung von Beruf und Mutterschaft, die ständige Einmischung und Besserwisserei anderer, die schon mit der Schwangerschaft beginnt? «Das ist eine sehr schwierige Frage», sagt Sarah Fischer, grübelt und bittet darum, diese erst am Ende zu beantworten. 
«Ich liebe mein Kind über
 alles, aber ich bereue
 die Mutterschaft. Das ist ein
 Widerspruch, der viele
 überfordert.
»
Sarah Fischer
Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihrer dreijährigen Tochter in einer Dreizimmer-Altbauwohnung in einem ehemaligen Münchner Arbeiterviertel. Die Zimmer sind eher spärlich möbliert. Irgendwo springt immer wieder ein Boiler an. Man sieht noch, dass Sarah Fischer lange Zeit nur so viel besessen hat, dass sie jederzeit wieder umziehen oder auf Reisen gehen konnte. Mehr als 160 Länder hat sie bereist, in einigen davon gelebt.
Bevor ihr Wunschkind zur Welt kam, hat Sarah Fischer als leidenschaftliche Mongolei-Expertin gearbeitet: Vorträge gehalten und Fernsehdrehs in der Mongolei organisiert. Auch dafür musste und durfte sie sehr viel reisen. Ändern wollte sie daran nicht viel. Das Baby nahm sie anfangs noch mit zu ihren Vorträgen, beim Kleinkind funktionierte das nicht mehr. Auch in der Wohnung sieht man, dass sich etwas verändert hat: Im Kinderzimmer liegt so viel Spielzeug, dass es bei einem Umzug nun doch einen Umzugswagen bräuchte. «Alles geschenkt, nichts gekauft», erklärt die Mutter.

Von der Expertin zur Mutter – die Rolle, die alles überdeckt

Sarah Fischer hatte die Hoffnung, dass sie selbst entscheiden könnte, was sich in ihrem Leben durch die Mutterschaft verändert. Dass sie zum Beispiel selbst wählt, welche beruflichen Aufträge sie noch annimmt. Doch einige Auftraggeber meldeten sich nicht mehr. Sie gingen stillschweigend davon aus, dass sie als Mutter keine Zeit mehr habe. 

Sarah Fischer ist in ihren Augen von der Expertin zur Mutter geworden. Eine Rolle, die scheinbar alles andere überdeckt. Das ärgert sie. Schliesslich erlebt sie täglich,   dass es auch anders geht: «Meinen Mann fragt niemand, wo das Kind ist, wenn er auf Dienstreise ist. Für ihn ist unsere Tochter ein erfüllendes Plus – aber sein Leben geht weiter wie bisher.» Deshalb trägt ihr Buch auch den Untertitel «Warum ich lieber Vater geworden wäre».

Es ist nicht Sarah Fischers erstes Buch. 2012 schrieb sie in «Heimatroulette» ihre persönliche Geschichte auf: Wie sie als Adoptivtochter unbekannter Herkunft auf der Reise durch 160 Länder ihren Ursprung und irgendwie auch sich selbst suchte. Das Buch war ein grosser Erfolg und die Autorin ging wieder auf Reise: Lesereise. 

Ihr neues Buch sorgt für eine andere Art von Wirbel. Es verkauft sich gut, mit einer ungewöhnlichen Bilanz aber: Der E-Book-Anteil ist besonders hoch. «Offenbar will man sich nicht mit diesem Titel in der Öffentlichkeit zeigen», sagt Sarah Fischer schmunzelnd. Mit ihren Aussagen hat die Autorin ein Tabu gebrochen – und wird jetzt lieber in Talkshows und Diskussionsrunden als zu gemütlichen Lesungen in Buchhandlungen eingeladen. Sie ist die erste Frau, die mit Namen und Gesicht für die Aussage steht: «Ja, ich bereue die Mutterschaft.» 
Der Satz steht so aber nie alleine. «Ich liebe mein Kind über alles», ergänzt die 43-Jährige sofort. Und damit stösst sie auf Verwirrung und Ablehnung. Reue und Liebe? Wie kann man beides gleichzeitig empfinden? «Das geht. Genau deshalb bin ich ja so zerrissen. Ich habe lange gedacht, dass etwas nicht stimmen kann mit mir», sagt Sarah Fischer. Kinder haben und sie zu lieben entspreche der Norm. Jammern dürften Mütter auch, solange sie es lustig verpackten. Aber bereuen? 

Sarah Fischer liest im Kinderzimmer ihrer Tochter aus dem Buch «Die Mutterglücklüge» – Teil 1 von 2 der Lesung exklusiv für Fritz+Fränzi.
Sarah Fischer war erleichtert, als sie 2015 von der israelischen Studie «Regretting Motherhood» hörte. Dort gaben 23 Frauen im Schutz der Anonymität ihr Bereuen zu. Es brach ein Sturm der Entrüstung in den sozialen Medien über sie herein. Unnatürlich sei das!  Und wer denke an die armen Kinder? Diese Argumente kennt auch Sarah Fischer – aus den bösen Mails und Kommentaren zu ihrem Buch. Als Schlampe wird sie beschimpft, einer hat sogar gedroht, sie abzustechen. Seither sieht sie vorsichtig um sich, wenn sie das Haus verlässt. Aber was sie mehr verletzt als die Hasskommentare sind die beleidigenden und destruktiven Vorwürfe, dass sie dem Menschen, den sie am meisten liebt, unrecht tue. Dass sie sich das alles hätte vorher überlegen müssen. «Wie denn? Ich war 39, hatte genug erlebt. Aber Mutterschaft kann man leider nicht ausprobieren.» 
Im Mailfach Tag für Tag: wüste Beschimpfungen, aber auch Dank, Erleichterung, Zuspruch.
Genau das ist das Dilemma: Ausgerechnet für die einzige Lebensentscheidung, die man öffentlich nicht bereuen darf, gibt es keine Probephase. Wie sehr Frau sich aufzugeben hat in der Mutterschaft und wie es sich anfühlt, wenn alle erwarten, dass man dabei auch noch strahlt – niemand hätte das Sarah Fischer vorab erzählen können. 

Sarah Fischer schrieb das Buch für ihre Tochter

Doch dass sie mit der Enttäuschung über ihre Situation bei Weitem nicht alleine ist, zeigen auch die vielen positiven Mails, die die Autorin bekommt. Seitenlang erzählen ihr Mütter ihre eigene Geschichte, suchen Verständnis, manche sogar Freundschaft. Väter schreiben Sarah Fischer auch: Sie sehen, wie ihre eigene Frau leidet, und fragen die Autorin, wie sie helfen könnten. Und auf den Bewertungsplattformen für das Buch taucht ein Satz immer wieder auf: «Danke – endlich sagt es mal eine!» Eine Leserin schreibt, sie habe geweint vor Zustimmung.
«Solange uns das grosse Mutterglück suggeriert wird, müssen sich all die Frauen schlecht fühlen, für die Mutterschaft nicht die absolute Erfüllung ist. Ich möchte nicht, dass meine Tochter in so einer Welt aufwächst. Wenn sie mal Mutter werden sollte, möchte ich, dass sie all  ihre Gefühle äussern kann und mehr unterstützt wird», sagt Sarah Fischer. Genau deshalb ist das Buch ihrer Tochter gewidmet. 

Sarah Fischer liest im Kinderzimmer ihrer Tochter aus dem Buch «Die Mutterglücklüge» – Teil 2 der Lesung exklusiv für Fritz+Fränzi.
Und doch: Selbst in Sarah Fischers direkter Umgebung wissen viele nicht recht, wie sie mit der Reue-Enthüllung umgehen sollen. «Ich verstehe genau, was du meinst, aber das darf man ja nicht laut sagen», flüstert ihr so manche Mutter zu. Im Treppenhaus begegnet ihr ein Nachbar und sagt: «Ich habe dich im Fernsehen gesehen!» Da­­nach weiss er nichts mehr hinzuzufügen. Viele Bekannte würden sich in letzter Zeit auffällig wenig melden, hat Sarah Fischer beobachtet. Und wenn sie ihr dann begegneten, legten sie fürsorglich die Hand auf ihren Arm, blickten ihr tief in die Augen und fragten mit leiser Stimme: «Du, wie geht es dir denn?» Ein bisschen so, als wäre Sarah Fischer sehr krank. «Mir geht es gut – aber ich will auch darüber reden können, was für mich nicht stimmt», sagt sie.

Die Mutter sieht sich nicht unbedingt als Feministin. Aber die Forderungen für politische Lösungen in ihrem Buch sind es. Den Gender-Pay-Gap schliessen, steuerliche Benachteiligungen für Doppelverdiener abschaffen, die Betreuungssituation verbessern – all diese Massnahmen könnten Mütter entlasten, sagt Fischer. Mit diesen Aussagen ist sie natürlich nicht allein. Aber sie verleiht ihnen Nachdruck durch ihre eigene Geschichte.
Sie küsst ihre Tochter auf die Stirn, lacht, erklärt, seufzt. Eine ganz normale Mutter eben.
Die Tochter von Sarah Fischer geht jetzt zu einer privaten Elterninitiative, damit ihre Mutter tagsüber arbeiten kann. Diese erwartet allerdings auch Engagement von den Eltern. Sarah Fischers Mann kocht also abends noch für 23 Kinder, sie selbst muss dann alles in den Kindergarten bringen, und manche ihrer Arbeitstage bestehen darin, als Springerin die Betreuer zu unterstützen. Im Sommer ist Sarah Fischer Stadtführerin in München. «Ich arbeite ja nicht nur, um mich zu verwirklichen,  wie mir oft vorgeworfen wird. Familien brauchen heute zwei Einkommen!», betont sie. 

Vorträge gibt sie fast keine mehr – dafür fehle als Mutter die Flexibilität. Stattdessen macht sie Werbung für einen Kollegen und versucht seine Vorträge in die Hallen zu bringen. Drehs in der Mongolei organisiert sie momentan auch nur noch von zu Hause aus – und vermisst ihre Nomadenfreunde in der gefühlten Heimat.  
Nach ein paar Telefonaten, Me­­dienanfragen und Mails ist es auch schon wieder kurz vor 17 Uhr.  Sarah Fischer schlüpft in ihre Jacke, heute will sie mal nicht die Letzte bei der Kindergruppe sein. 
Freut sie sich auf ihre Tochter? «Heute sehr! Das hängt auch immer davon ab, wie viel ich geschafft habe und wie viel ich noch im Kopf habe», sagt sie. Im Kindergarten fällt ihr ihre Tochter um den Hals. Aber die Jacke anziehen will sie nicht. Die Schuhe auch nicht. Dafür aber die Brezel essen, die sie am Morgen unbedingt haben wollte und dann den ganzen Tag nicht angerührt hat. Und zwar genau in dem Moment, als sie aufs Laufrad steigt und beide Hände bräuchte. Sarah Fischer erklärt geduldig, küsst ihre Tochter auf die Stirn, lacht, wenn sie etwas Absurdes erzählt. Zwischendurch seufzt sie. Eine ganz normale Mutter eben. Eine, die aber auch gerne aus dem Kinderzimmer geht, wenn eine wichtige Nummer auf dem Handy erscheint. 
«Ich denke, es ist 30 zu 70», sagt sie abschliessend. Zu 30 Prozent läge es an ihrer Persönlichkeit, zu 70 an den Rahmenbedingungen, dass ihr die Mutterschaft so schwerfalle.

Bianca Fritz Fritz war schockiert darüber, wie heftig jemand angegangen wird, der negative Gefühle über seine Elternschaft äussert.
Bianca Fritz Fritz war schockiert darüber, wie heftig jemand angegangen wird, der negative Gefühle über seine Elternschaft äussert.

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