«Frau Stern, was bestimmt unsere Intelligenz?» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
Merken
Drucken

«Frau Stern, was bestimmt unsere Intelligenz?»

Lesedauer: 4 Minuten

Wem verdanken wir unsere geistigen Fähigkeiten? Intelligenzforscherin Elsbeth Stern über Sinn und Unsinn von IQ-Tests und den Einfluss der Umwelt auf unsere Intelligenz.

Frau Stern, was verstehen Sie unter Intelligenz?

Die Fähigkeit zum präzisen und schlussfol­gernden Denken. Intelligenz befähigt uns zum Verständnis komplexer Ideen und zum Problemlösen, zum Lernen durch Instruktion und zum Lernen aus Erfahrung. Sie ist eine stabile Eigenschaft, die wir uns in der Regel von der Jugend bis ins Alter bewahren. 
Psychologin Elsbeth Stern (1957) ist ordentliche Professorin für empirische Lehr- und Lernforschung und Vorsteherin des Instituts für Verhaltensforschung an der ETH Zürich.
Psychologin Elsbeth Stern (1957) ist ordentliche Professorin für empirische Lehr- und Lernforschung und Vorsteherin des Instituts für Verhaltensforschung an der ETH Zürich.

Wie stark bestimmen Gene unsere Intelligenz?

Sie spielen eine grosse Rolle. Es gibt nicht das Intelligenzgen per se, vielmehr bestimmt ein ganzes Orchester von Genvariationen unsere geistigen Fähigkei­ten. Alle Menschen bringen solche Gene mit, praktisch jeder kann schlussfolgernd denken – wie gut, hängt von den Genvaria­tionen ab. Wir gehen davon aus, dass Intelligenzunterschiede zu 50 bis 80 Prozent erblich bedingt sind. Diese Aussage wird allerdings oft falsch verstanden. 

Inwiefern?

Erzielt ein Kind im IQ­-Test 100 Punkte, würde eine Erblichkeit von 50 Prozent dann heissen, dass es die Hälfte dieser Punkte seinen Genen zu verdanken hat? Eben nicht. Das Missverständnis entsteht, wenn wir diesen Erblichkeitskoeffizienten auf ein Individuum anwenden.

Was sagt er stattdessen aus?

Nicht die Intelligenz eines Individuums ist zu 50 bis 80 Prozent erblich bedingt, es sind Intelligenzunterschiede innerhalb einer Gruppe, welche in diesem Ausmass auf Genvariationen zurückgehen – diese haben dort den höchsten Einfluss, wo viele Menschen von gleich guten Entwicklungs­möglichkeiten profitieren. 

«Grössenunterschiede sind auf Genvariationen zurückzuführen.»

Intelligenzforscherin Elsbeth Stern 

So ist es auch mit der Körpergrösse: Bei Erwachsenen, die in der Schweiz aufgewachsen sind, gehen Grössenunterschiede zu fast 100 Prozent auf Genvariationen zurück, weil diese Personen in der Wachstumsphase genügend zu essen hatten. In Entwicklungsländern ist der erbliche Faktor da erheblich kleiner, weil manche Menschen im Kindes­ und Jugendalter nicht ausreichend ernährt wurden.

Die Gene legen also unser Intelligenz­potenzial fest. Welche Rolle spielt die Umwelt?

Sie muss stimmen, damit besagtes Potenzial zum Tragen kommt. Dafür braucht es Eltern, die dem Kind emotional zugetan sind, auf seine Interessen eingehen und ihm von Anfang an viel sprachliche Zuwendung geben. Dabei sollten Eltern selbst eine korrekte Sprache pflegen, darauf sind Kinder angewiesen.

Wie stark lässt sich Intelligenz durch Disziplin kompensieren?

Durch Motivation, Ausdauer und Disziplin, aber auch Selbstvertrauen und Sozialkom­petenz können wir in Schule und Beruf vieles erreichen. Insgesamt sind diese Faktoren aber nicht so wirkungsmächtig wie die Intelligenz.

Auf die allein es für ein glückliches Leben nicht ankommt?

Richtig. Intelligenz betrifft unser geistiges Potenzial und ist damit einer von vielen Bausteinen, die menschliche Kompetenz auszeichnen. Mich stört allerdings, wenn Intelligenz als eine Art Inselbegabung dargestellt wird, die, wie man gerne betont, «im Sozialen» überhaupt keine Rolle spiele. Dass Intelligenz und Sozialkompetenz zwei völlig voneinander unabhängige Eigenschaf­ten seien, ist falsch. Intelligenz setzt geistige Flexibilität voraus, die dient uns auch im Umgang miteinander.

Die traditionelle Auffassung von Intelligenz hat auch Kritiker. Diese bezweifeln, dass sich unser geistiges Vermögen allein durch IQ-Tests erfassen lässt.

IQ-Tests sind nicht perfekt. Sie erfassen ausschliesslich unsere kognitiven Fähigkeiten, dies aber ziemlich gut. So gesehen ist die kognitive Intelligenz dasjenige Persönlichkeitsmerkmal, das sich mit Abstand am zuverlässigsten messen lässt. Es gibt viele andere wichtige Fähigkeiten wie Emotionskontrolle oder eben Sozialkompetenz. Bloss: Wie messen Sie die? So würden wir einen Menschen, der mit Leuten rasch ins Gespräch kommt, als sozialkompetent bezeichnen. Wäre dieser Mensch aber auch der Richtige, um jemandem in Trauer beizustehen? Wie definieren wir nun sozialkompetent? Aber ich weiss schon: Bücher, in denen die Bedeutung der kognitiven Intelligenz relativiert oder bestritten wird, finden grossen Absatz. 

Warum?

Intelligenzmessung klingt für viele Menschen bedrohlich. Vielleicht, weil sie denken, sie verfügten selbst nicht über genügend Intelligenz, möglicherweise unterstellen sie den besonders Intelligenten auch Anspruch auf Herrschaft. Daher ist es wenig überraschend, dass Werke wie die des US-Psychologen Howard Gardner so viel Zuspruch erhalten. Gardner geht in seiner Theorie der Multiplen Intelligenz von acht verschiedenen Intelligenzen aus, dazu gehören die Fähigkeit, Wetterphänomene zu deuten, oder die Gabe, die eigenen Gefühle einzuordnen – sprich, da ist für jeden etwas dabei. Demgegenüber werden die kognitiven Fähigkeiten zur Nebensache.

Sie sagen, IQ-Tests könnten – zusätzlich zur Prüfung – auch beim Übertritt ans Gymnasium hilfreich sein.

Ja, in Einzelfällen, aber nicht flächendeckend. Ich denke dabei vor allem an Kinder, die das kognitive Potenzial fürs Gymnasium mitbringen, bei der Aufnahmeprüfung aber Schwierigkeiten hätten, weil Deutsch nicht ihre Muttersprache ist.

Ihre Forschung legt nahe, dass es in der Schweiz eine nicht unbedeutende Anzahl von Kindern gibt, die über das kognitive Rüstzeug fürs Gymnasium verfügen, dort aber nicht anzutreffen sind.

In der Tat. Die in der Schweiz geltende Maturaquote gibt vor, dass nicht mehr als 20 Prozent aller Kinder aufs Gymnasium sollen – sinnvollerweise wären das die intelligentesten 20 Prozent jeder Altersgruppe. Orientieren wir uns an ihnen, müsste der Mindest-IQ fürs Gymnasium bei 112 Punkten liegen. Unsere Untersuchungen zeigen jedoch, dass bis zu 45 Prozent der Schweizer Gymnasiasten diesen IQ nicht mitbringen.

Warum ist das problematisch?

Weil zu viele ungeeignete Leute die Universität besuchen, dort das Niveau drücken oder scheitern. Oder sie kommen mit Ach und Krach durch und später in berufliche Positionen, denen sie intellektuell nicht gewachsen sind. Leider spielt die soziale Herkunft beim Übertritt ins Gymnasium eine immer grössere Rolle. Gut situierte Familien finanzieren teure Prüfungsvorbereitungskurse und später die Nachhilfe. Es gibt aber auch in sozial schwächeren Familien intelligente Kinder – die stehen allein da. Das ist einer der Gründe, weshalb wir auch die Diskussion um Begabtenförderung etwas differenzierter führen sollten.

Wie meinen Sie das?

Es besteht die Tendenz, dass wir dabei vor allem die zwei Prozent der Hochbegabten im Auge haben. Wir täten jedoch gut daran, den Blick auch auf die erheblich grössere Gruppe der deutlich überdurchschnittlich intelligenten Kinder zu richten, sie machen 15 bis 20 Prozent der Schülerschaft aus. Bemühungen, Potenzial zu fördern, sollten schwergewichtig auch ihnen gelten.

Weiterlesen: 

1 2
Auf einer Seite lesen