So lernt Ihr Kind den Umgang mit seinen Emotionen - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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So lernt Ihr Kind den Umgang mit seinen Emotionen

Lesedauer: 3 Minuten

Wie entwickeln Kinder emotionale Fähigkeiten? Wir zeigen Ihnen, was Sie als Eltern tun können, um Ihr Kind dabei zu unterstützen.

Text: Jessica Massonnié
Bild: Rawpixel

Erwachsene haben viele Begriffe, um die positiven und negativen Emotionen zu beschreiben, die sie täglich erleben: Freude, Zufriedenheit, Enthusiasmus, Wut, Angst, Irritation oder Traurigkeit. Kleine Kinder neigen dazu, ihre Gefühle eher spontan auszudrücken – durch Tränenausbrüche oder überschäumenden Enthusiasmus.

Es braucht Zeit, um die Fähigkeit zu entwickeln, sich auf komplexe und tiefe Gespräche über Emotionen einzulassen. Vertraute Erwachsene können Kindern auf diesem Weg helfen, indem sie mit ihnen über ihre Emotionen und ihre Strategien zum Umgang mit Gefühlen sprechen. 

Emotionen erkennen und benennen

Die englische Stiftung Education Endowment Foundation empfiehlt Eltern in diesem Zusammenhang, ihren Kindern emotionale Kompetenzen bewusst beizubringen. Kinder müssen die einzelnen Bezeichnungen für Emotionen kennen und wissen, wie sich diese äussern, damit sie ihre eigenen Emotionen verstehen können.

Ein Stimmungstagebuch oder ein Gefühlsrad kann ­einem Kind dabei helfen, seine Emotionen zu erkennen.

Eine Möglichkeit für Erwachsene, den Kindern zu helfen, ihre Emotionen zu benennen, ist ihren Sprachwortschatz zu erweitern. Wenn Sie Ihrem Kind eine Geschichte vorlesen, kann es beispielsweise hilfreich sein, die Bedeutung bestimmter emotionaler Begriffe zu erklären und näher auf die Gefühle der Figur einzugehen. 

Ein Stimmungstagebuch (online oder auf Papier) oder ein Gefühlsrad kann einem Kind sehr gut dabei helfen, seine Gefühle an einem beliebigen Tag oder in einem bestimmten Moment des Tages zu erkennen. Diese Hilfsmittel lassen sich an das Alter und die Vorlieben des Kindes anpassen. Ein Stimmungstagebuch enthält Wörter, Symbole oder Bilder von Gesichtsausdrücken. Das Kind wählt das Wort, Symbol oder Bild aus, das seine momentane Stimmung am besten trifft. Wenn es möchte, kann es seine Stimmung noch näher beschreiben. 

Erwachsene befähigen Kinder dazu, Emotionen auszudrücken, indem sie deren Gesichtsausdruck spiegeln, und das Gesprochene umschreiben. Das kann Kindern helfen, ihre Emotionen besser zu verstehen, und gibt ihnen das Selbstvertrauen, um ihre Gefühle zu erkennen. Wenn die Dinge ausser Kontrolle zu sein scheinen, ist das Erkennen der Gefühle oft der erste Schritt, um herauszufinden, welche Emotion eine Situation ausgelöst hat, und um über die angemessene Reaktion zu entscheiden. 

Wut signalisiert uns, dass etwas im Widerspruch zu unseren Zielen oder Werten steht.

Wenn Sie die momentane Emotion Ihres Kindes erkennen, kann das helfen, mit ihm darüber zu sprechen, was diese Emotion für es bedeutet. Positive Emotionen wie Freude lösen ein spielerisches Annäherungsverhalten aus, was die Erkundung der Umgebung und den Kontakt mit anderen erleichtert. Negative Emotionen können ebenfalls nützlich sein. Sie helfen uns zu erkennen, dass etwas fehlt, verändert oder beschützt werden muss.

Wut signalisiert uns, dass etwas im Widerspruch zu unseren Zielen oder Werten steht. Sie veranlasst uns, diese Ziele und Werte zu schützen oder zu verteidigen. Traurigkeit ist eine Reaktion auf den Verlust einer Person oder Sache, die uns wichtig war. Sie führt eher zu einem Rückzug anstatt einer Handlung. Und zu guter Letzt hilft uns die Angst, Gefahren in der Natur oder Gesellschaft zu vermeiden. 

Negative Gefühle kontrollieren

Negative Emotionen können nützlich sein, wenn sie helfen, Gefahren zu vermeiden oder einen Verlust zu verarbeiten. Werden sie aber nicht kontrolliert, können sie zu Angststörungen führen und die Kommunikation mit anderen beeinträchtigen.

Um die Balance zwischen einer impulsiven Reaktion auf eine äus­sere Ursache und einer überlegten Reaktion zu finden, ist es wichtig, zu verstehen, was negative Emotionen auslöst, was diese Emotionen bedeuten und wie sie zu interpretieren sind.

Erwachsene spielen eine wichtige Rolle darin, Kindern zu helfen, ein Verständnis für die Perspektive anderer Personen zu entwickeln.

Ein Kind kann zum Beispiel wütend darüber sein, dass seine Freundin auf einem Fest das letzte Tortenstück genommen hat. Wenn das Kind über die Situation nachdenkt und auch in Betracht zieht, dass die Freundin das Tortenstück vielleicht teilen wollte, könnte es ­seine Wut überdenken und einen Konflikt verhindern. Erwachsene spielen eine wichtige Rolle darin, Kindern zu helfen, ein Verständnis für die Perspektive anderer Personen zu entwickeln. 

Geschichten und Rollenspiele sind gute Hilfsmittel, um Kinder zu ermutigen, über die Emotionen und Perspektiven von anderen zu sprechen. Das hilft ihnen, ein soziales Bewusstsein zu entwickeln und Beziehungen zu knüpfen.

Es gibt auch zahlreiche Strategien, um Raum zwischen einer impulsiven und einer überlegten Reaktion zu gewinnen. Kinder können diesen Raum selber schaffen, indem sie die Handlung verzögern (innehalten und zuerst nachdenken), sich entspannen oder Techniken zur Selbstberuhigung wie zum Beispiel Atemübungen anwenden. Dabei können sie ermutigt werden, die Bedürf­nisse und Perspektiven anderer zu berücksichtigen. 

Als Autoritäten und Vorbilder können Erwachsene das emotionale Lernen von Kindern unterstützen, indem sie ausdrücklich über Emotionen reden, auf die gezeigten Emotionen der Kinder reagieren und eingehen, die Perspektiven anderer ansprechen und den Kindern die Hilfsmittel mitgeben, die sie für die Emotionsregulierung brauchen. Emotionales Lernen ist eine lebenslange Reise, auf der Erwachsene und Kinder gemeinsam Fortschritte machen und sich entwickeln können.

BOLD

Die Plattform BOLD, eine Initiative der Jacobs ­Foundation, hat sich zum Ziel gesetzt, einer weltweiten und breiten Leserschaft näherzubringen, wie Kinder und Jugendliche lernen.

Spitzenforscherinnen wie auch Nachwuchswissenschaftler teilen ihr Expertenwissen und diskutieren mit einer wissbegierigen Leserschaft, wie sich Kinder und Jugendliche im 21. Jahrhundert entwickeln und entfalten, womit sie zu kämpfen haben, wie sie spielen und wie sie Technologien nutzen.

Mehr lesen: www.bold.expert

Jessica Massonnié
ist Entwicklungspsychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institute of Education, University College London. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört die Entwicklung mündlicher Sprachfähigkeiten beim Schuleintritt.

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