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Wie gefährlich ist das Internet wirklich?

Lesedauer: 4 Minuten

Im Zusammenhang mit Kindern sehen wir in digitalen Medien zu oft nur das Negative. Wir tun ihnen damit keinen Gefallen.

Text: Thomas Feibel
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Kürzlich bekam ich den biografischen Roman «Stan» geschenkt, der vom Leben des Komikers Stan Laurel handelt. Kaum jemand konnte die trüben Stunden meiner Kindheit so schnell und bravourös aufhellen wie «Laurel & Hardy». Vermutlich wäre ich schon längst mit dem 500-seitigen Buch durch, wenn ich im Netz nicht ständig nach Fotos der darin genannten Personen stöbern würde. Und mit Hilfe einer Suchmaschine finde ich sogar die erwähnten Stummfilme anderer, längst vergessener Künstler. 

Auch im Wasser lauern Gefahren. Wenn wir deshalb mit Kindern über das Schwimmen reden ­würden wie über digitale Medien, hätte das fatale Folgen.

Das begeistert mich! Denn fast hatte ich schon aus den Augen verloren, welche ungeheuren Schätze das Internet bereithält. Für mich, für andere Erwachsene mit ihren jeweiligen Interessen, aber auch für Kinder und Jugendliche.

Doch wenn es um das Aufwachsen in der digitalen Welt geht, sehen wir oft nur das Schlechte. Es wird überwiegend problematisiert. «Was tun gegen Cybermobbing?» «Löst Instagram Bulimie aus?» «Machen Computer-Games süchtig und aggressiv?» «Können unbedacht versendete Nacktbilder zum Suizid führen?»

Digitale Probleme kennen keinen Stillstand

Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich möchte diese realen Gefahren nicht kleinreden. Tatsächlich steckt das Internet mit seinen diversen Angeboten für die aufwach­sende Generation voller Fallstricke und Gefahren. Immer wieder stellen sie Eltern und pädagogische Fachkräfte vor neue Herausforderungen. Darum kläre ich regelmässig in dieser Kolumne auf, mache probate Lösungsvorschläge.

Für mich persönlich bleibt das auch weiterhin eine spannende Aufgabe, weil die Welt des Digitalen keinen Stillstand kennt. Ständig halten uns neue, beunruhigende Themen, Trends und Angebote in Atem. Trotzdem frage ich mich: Wo bleibt eigentlich das Positive? Und damit meine ich in erster Linie unsere Haltung.

Die negativen Seiten stehen stark im Vordergrund

Es herrscht ein krasses Missverhältnis, sobald es um Kinder und digitale Medien geht. Zu 80 Prozent stehen dabei die negativen Seiten im Vordergrund, die positiven zu 20 Prozent. Zwar kann ich diese Einschätzung nicht wissenschaftlich belegen, aber ich mache das an den Fragen und Reaktionen der Eltern fest, mit denen ich bei Vorträgen ins Gespräch komme.

Sie wollen zum Beispiel wissen, was die Playstation beim 13-jährigen Sohn anrichten kann, und weniger, welche Kompetenzen durch Konsolenspiele gefördert werden. Soziale Medien, so fürchten manche Eltern, könnten Mädchen eher Flausen in den Kopf setzen, und übersehen dabei, dass die Sicherheit des Familiennestes diesen Mut zum Entdecken und Ausprobieren erst möglich macht.

Diese besonders kritische Haltung pflegen wir überwiegend bei digitalen Belangen. Möglicherweise weil der Mensch technischen Neuerungen zunächst mit Skepsis und Ängsten begegnet. Als zum Beispiel die ersten Computer aufkamen, wurde zunächst der Verlust von Arbeitsplätzen befürchtet.

Zudem tun wir uns Erwachsene mit Veränderungen besonders schwer, wenn sie technischer Natur sind. Während wir also meist etwas länger brauchen, um mit neuen Errungenschaften warm zu werden, erobern Kinder und Jugendliche die technischen Geräte mit beneidenswerter Mühelosigkeit und grosser Sorglosigkeit.

Manche Eltern können darüber lächeln und lernen von ihren Kindern. Andere empfinden diesen ­Rollentausch mehr als Autoritätsverlust und kompensieren ihn durch eine besonders kritische Haltung. Oder sie setzen auf bewahrpädagogische Massnahmen wie etwa Verbote. Was wäre jedoch, wenn wir bei anderen Erziehungsthemen auch nur das Negative in den Vordergrund rücken würden? 

Ein Gedankenexperiment

Wenn wir mit Kindern über das Schwimmen reden würden, wie wir mit ihnen über digitale Medien sprechen, hätte das fatale Folgen. Auch im Wasser lauern bekanntlich schreckliche Gefahren. Es sind schliesslich schon Kleinkinder gestorben, weil sie ihren Kopf in einen Putzeimer voller Wasser gesteckt haben. Wir wissen auch, dass Schwimmärmel und Schwimmreifen keinen ausreichenden Schutz vor Ertrinken bieten. Das macht uns extrem vorsichtig.

Würden wir aber deshalb versuchen, unsere Kinder so lange wie möglich vor Gewässern fernzuhalten? Das Gegenteil ist der Fall: Wir fördern sie, lassen sie einen Schwimmkurs machen, weil die Fähigkeit, zu schwimmen, überlebenswichtig sein kann. Je früher Kinder es darum erlernen, desto sicherer und angstfreier bewegen sie sich durch das Wasser.

Schwimmen ist eben in der Gesellschaft positiv konnotiert und bietet eine wunderbare Form der Selbstwirksamkeit. Es fördert die motorischen Fähigkeiten der Kinder und stärkt die körper­liche Haltung und die Muskeln. Wer ausserdem in einem Schwimmverein aktiv ist, kann auch seine sozialen Kompetenzen ausbauen. Und wer vom Zehnerturm springt, lernt dabei, Ängste abzubauen.

Kinder machen dicht

Auch der gute und gesunde Umgang mit der digitalen Welt muss erlernt werden. Unglücklicherweise ist das Internet keine so konkrete und handfeste Angelegenheit wie das Schwimmen. Am Strand zeigen rote Flaggen oder meterhohe Wellen bedrohliche Situationen an. Im Netz sind die Gefahren nicht so einfach ersichtlich.

Ich finde dennoch, dass Kinder ein Recht darauf haben, ebenso angstfrei mit digitalen ­Medien aufzuwachsen. Darum sollten wir an unserer Haltung arbeiten. Machen wir uns bewusst: Wer bei digitalen Themen unsicher ist, kann eben auch keine Sicherheit vermitteln. 

Kinder haben ein Recht darauf, angstfrei mit digitalen Medien aufzuwachsen.

Dagegen lässt sich etwas tun – Medienkompetenz ist nicht nur für Heranwachsende ein wichtiges Instrumentarium, um diffuse Ängste abzubauen. Reden wir hingegen überwiegend negativ von Gaming, Instagram und dem Handy, machen unsere Kinder dicht. So erreichen wir sie selbst dann nicht mehr, wenn es wichtig ist.

Ich verlange ja nicht, dass wir nun unsere Haltung gefühlt 80:20 ins Positive verkehren, 50:50 würde schon ausreichen. Der Computerpionier Joseph Weizenbaum hat dieses Dilemma sehr gut zusammengefasst: Das Internet sei ein grosser Misthaufen, meinte er, allerdings mit vielen Perlen und Schätzen darin. Das wäre doch schon mal eine gute Ausgangslage.

Das Wichtigste in Kürze:
  • Lassen Sie uns die guten Seiten der digitalen Welt stärker betonen und die schlechten nicht verschweigen.
  • Die Stigmatisierung von Games und sozialen Medien kann das Verhältnis zu Kindern und Jugendlichen trüben. Sie ziehen sich dann mehr in diese Medien zurück. Und droht Gefahr, werden sie sich vielleicht nicht gerade an uns wenden.
  • Machen wir uns noch einmal gemeinsam mit Kindern die Vorzüge der digitalen Welt in Bezug auf Information, Kommunikation und Unterhaltung bewusst.
  • Nicht ausschliesslich auf die Gefahren einzugehen, bedeutet keinen Verzicht auf Erziehung und Regeln.
  • Kinder und Jugendliche können uns ihre digitalen Spielwiesen zeigen und erklären, wenn sie Offenheit statt Misstrauen spüren.

Thomas Feibel
ist einer der führenden ­Journalisten zum Thema «Kinder und neue Medien» im deutschsprachigen Raum. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

Alle Artikel von Thomas Feibel

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