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Mediennutzung

Chatroom im Hosensack

Die beliebteste Smartphone-App der Jugendlichen heisst WhatsApp91 von 100 Messenger-Nutzern chatten in der Schweiz mit diesem Dienst. Was Eltern über Chat-Programme wissen und mit ihren Kindern besprechen sollten.
Text: Bianca Fritz
Das Handy vibriert nonstop. Bis zu 300 Nachrichten tummeln auf Anina Merz' Handy, wenn die 17-Jährige einmal eine Stunde lang nicht auf den Bildschirm schaut. Besonders wenn in Gruppenchats Bilder und Witze verschickt werden, kommt diese Zahl schnell zusammen.

«Für Jugendliche gilt: raus aus dem Schulbus, rein in den Chat. Unterhaltungen, die im realen Leben begonnen wurden, werden nun mit Messenger-Diensten fortgesetzt», sagt der Vater von Anina, Professor Thomas Merz, Medien- pädagoge an der Pädagogischen Hochschule Thurgau.

Dass Messenger-Programme wie WhatsApp, Threema und Snapchat so beliebt sind, ist nicht verwunderlich: Flugs wie eine SMS landen die Kurznachrichten auf dem Handy des gewünschten Empfängers – aber ohne die hohe Gebühr für jede einzelne Nachricht. Ein Foto oder eine Sprachnachricht werden kinderleicht mitangehängt. Und da diese Form der Datenübertragung häufig über eine Internetflat abgedeckt ist, denken viele gar nicht mehr nach, bevor sie auf «Senden» drücken.

Besonders für Jugendliche geht es bei WhatsApp und anderen Messenger-Programmen längst nicht mehr darum, Informationen auszutauschen – sondern einfach darum, zu plaudern – in Kontakt zu bleiben. Das moderne Chatten eben.

WhatsApp? Ab 16 Jahren

«Wir nutzen neue Medien so, wie es unseren Alltagsgewohnheiten entspricht – gleichzeitig prägen die Medien durch ihre Möglichkeiten natürlich auch unser Nutzverhalten», sagt Thomas Merz. Den Chat-Programmen kann er viel Positives abgewinnen: «Es findet wertvolle Kommunikation statt – Freundschaftspflege. Und die schliesst auch jene mit ein, die weiter weg wohnen.» Gleichzeitig seien aber Ausgrenzung und Belästigung ein Thema.

«Was viele Eltern und Jugendliche nicht wissen oder gern wieder vergessen: Der beliebteste Messenger WhatsApp wird laut den eigenen Geschäftsbedingungen erst ab 16 Jahren empfohlen. Und das nicht zu Unrecht: Denn die Messenger-Programme sind, was die Nutzer mit ihnen machen. Es gibt keine eingebauten Filter, die beispielsweise das Verschicken von pornografischem oder gewaltverherrlichendem Material verhindern. Es gibt niemanden, der kontrolliert, wie, wie viel oder über was kommuniziert wird.

Die Jugendlichen sollten also bereits über eine sehr hohe Kommunikationskompetenz verfügen, bevor sie drauflostippen. «Wenn ich weiss, wie ich menschliche Beziehungen führe und pflege, kann ich neue Medien als Hilfsmittel nutzen und auch erkennen, wann sie mich mehr am Leben hindern, statt mich zu unterstützen», sagt Merz.

Er plädiert dafür, dass es für Eltern wichtiger ist, die Kommunikationsfähigkeit ihrer Kinder grundsätzlich zu stärken, als sich mit jeder einzelnen neuen Technik auszukennen. Dazu gehörten eine gute, offene Gesprächsatmosphäre zu Hause und das Interesse der Eltern für Erlebnisse und Gedanken ihrer Kinder. Grundsätzlich sei es natürlich gut, wenn Eltern ebenfalls Erfahrung mit Messengern sammelten. Merz: «Damit erlebe ich Faszination wie auch Fragen und Herausforderungen direkt und kann meine Kinder auch viel besser begleiten.»

Die Unterhaltung ist nicht privat

Zudem herrscht bei Messenger-Programmen eine grosse Unsicherheit darüber, wie sicher verschickte Texte, Bilder und Videos sind. Und das nicht erst, seit Facebook im vergangenen Jahr WhatsApp erworben hat. «Es wird eine Privatheit der Nachrichten suggeriert, die so nicht stimmt», sagt Merz. Um sicherzugehen, dass Verschicktes wirklich nur den Empfänger erreicht, sollte man wissen, wie Messenger die Daten verschicken. «Ein sicherer Messengerdienst hat eine End-to-End-Verschlüsselung», sagt Medienpädagoge und Sicherheitsexperte Daniel Seitz.

Das, heisst: Die Daten werden für den Übertragungsweg von Smartphone zu Smartphone verschlüsselt – selbst der Betreiber der App hat keinen Zugriff auf die Daten. Mit End-to-End-Verschlüsselung kann zum Beispiel verhindert werden, dass ein Dritter die privaten Unterhaltungen über ein Crack-Programm ausliest – zum Beispiel der WG-Mitbewohner oder sonst jemand, der im selben WLAN eingeloggt ist. «Das ist unter Jugendlichen durchaus ein Thema», sagt Seitz. Einfache Anleitungen, wie man eine Unterhaltung crackt, gebe es sogar bei YouTube.

Dass der Wunsch nach einer solchen Verschlüsselung gross ist, hat nun auch Marktführer WhatsApp erkannt und Ende 2014 eine Endto-End-Verschlüsselung eingeführt. Allerdings bisher nur für Textnachrichten. Fotos, Audiodateien und Videos sind nach wie vor nicht verschlüsselt und können beim Anbieter gespeichert werden. Und da bei den meisten Anbietern, Threema und iO einmal ausgenommen, die Server nicht in der Schweiz liegen, unterliegen die Fotos von Kater Ruedi und der betrunkenen Kollegin auch nicht dem strengen Schweizer Datenschutzgesetz.

Sicherheitsexperten bemängeln zudem, dass nur wenige Messenger ihre Programmcodes offenlegen. So ganz sicher kann man sich also nicht sein, dass das Programm nicht doch auch filmt und fotografiert, ohne dass ich es will.
Wenn das Handy ständig vibriert, pflegt Ihr Kind Kontakte. Das kann aber auch Stress auslösen.

Klare Sicherheitsregeln für Familien

Bei Kindern und Jugendlichen muss abgewogen werden: «Die sicherste Messenger-App hilft nichts, wenn sie ausser mir niemand benutzt», sagt Seitz. Ein Verbot von beliebten Apps bringe überhaupt nichts. «Und Kinder verschicken ja im Normalfall auch keine Staatsgeheimnisse.» Eltern sollten mit ihnen aber über mögliche Sicherheitslücken sprechen, damit sie ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass die Kommunikation von Handy zu Handy eben nicht immer privat bleibt.

Intime Bilder oder Fotos, die den Aufenthaltsort erkennen lassen, sollten nie mit Messenger-Programmen verschickt werden. Zudem empfiehlt Seitz, immer zu prüfen, ob man den Absender einer Nachricht wirklich kennt. «So oft wie junge Menschen die Handynummer wechseln, kann es gut einmal sein, dass plötzlich ein anderer behauptet, mein Freund XY zu sein. Und schon hat man einem Fremden etwas gezeigt oder erzählt, was ihn gar nichts angeht.»
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Auch Schulklassen chatten

Ausserdem kann durch die ständige Berieselung mit Nachrichten bei Jugendlichen das Gefühl entstehen, dass sie immer erreichbar sein müssten. Insbesondere wenn nichtnur Freunde untereinander Nachrichten austauschen, sondern per WhatsApp auch Klassenchats geführt werden. Mit und ohne die Lehrperson diskutieren die Schüler via Messenger zum Beispiel die Hausaufgaben. «Gruppen zu bilden ist bei WhatsApp noch leichter als bei Facebook – daher bietet sich diese Kommunikationsform geradezu an», meint Merz.

Unter Experten wird die Angst, etwas zu verpassen, FOMO genannt, kurz für «Fear of missing out». Merz relativiert: «Man nutzt etwas, man findet es spannend und schliesslich entsteht ein Druck – aber langfristig bemerken das viele Jugendliche selbst und diskutieren darüber, wie schnell und worauf man antworten muss.» Seine Tochter sehe das inzwischen recht locker. Selbst 300 Nachrichten pro Stunde stressen Anina nicht mehr, weil sie gut entscheiden kann, wann sie offline ist und was sie danach beantworten muss.

Messenger-Apps

  • WhatsApp: Nach wie vor der beliebteste Messenger hierzulande. Jugendlichen ist WhatsApp sogar wichtiger als die Facebook-App. Weltweit über 500 Millionen Nutzer. Seit Kurzem eine End-to-End-Datenverschlüsselung – aber nur für den Text. Die Server stehen in den USA und gehören zu Facebook. Preis: kostenlos.
  • Textsecure: Von Sicherheitsexperten empfohlen, da der Programmiercode öffentlich ist und eine sehr sichere End-to-End-Verschlüsselungsmethode gewählt wurde. Das Programm steht allerdings nicht für das iOS-Betriebssystem zur Verfügung. Preis: kostenlos.
  • Threema: Bei Threema sind die Sicherheitslevel verschiedener User einsehbar und man muss keine Handynummer angeben. Zudem liegen die Daten auf Schweizer Servern und werden verschlüsselt versendet. Nur Einblick in den Quellcode gibt es nicht. Preis: 2 Franken.
  • Snapchat: Verschickte Fotos erscheinen nur für wenige Sekunden auf dem Handy des Empfängers. Das gaukelt Nutzern falsche Sicherheit vor: Die Fotos werden unverschlüsselt verschickt und der Empfänger kann sie sehr wohl speichern – z. B. als Screenshot. Preis: kostenlos.
  • Swisscom iO: Telefonieren, Daten verschicken und Livechat – all das funktioniert mit iO verschlüsselt und über die Server der Swisscom in der Schweiz. Zwei Haken gibt es: die noch geringe Nutzerzahl (unter einer Million) und der verborgene Programmcode. Preis: kostenlos.

Surftipp, um noch mehr Messenger auf Sicherheit zu testen: www.eff.org/secure-messaging-scorecard 
Je mehr grüne Häkchen bei einer App angezeigt werden, umso sicherer sind die verschickten Daten.


Weiterlesen:
Tina Zeinlinger erklärt im Teenie-Blog, warum man auf Whats-App-Nachrichten sofort antworten MUSS.
Foto: zVg
Thumbnail bianca fritz sw
Bianca Fritz 
hat ihre SMS-Flat abbestellt und dafür ihr monatliches Smartphone-Datenvolumen hochgeschraubt – für WhatsApp und Co.

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