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Medienerziehung

«Social Media macht so süchtig wie Kokain»

Der Psychiater Dr. Kurosch Yazdi gehört zu den führenden Suchtmedizinern Österreichs. Vor kurzem veröffentlichte er das «Facebook-Aufhörbuch». Im Interview mit dem Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi spricht Yazdi über die «digitale Droge» Social Media und die Gefahr für Kinder und Jugendliche, sich darin zu verlieren. 
Interview: Irena Ristic

Herr Yazdi, Sie schreiben über die Social-Media-Sucht, haben selber aber kein einziges Konto in den Sozialen Medien. 

Nun, ich treffe lieber Menschen persönlich auf einen Kaffee, als über einen virtuellen Kanal zu kommunizieren. 

Was hat Sie zu diesem Buch bewogen? 

Als wir vor acht Jahren die Ambulanz für Verhaltenssüchte in Linz eröffneten, hatten wir internetabhängige Patienten, die meist schon erwachsen waren – viele von ihnen Studenten, die süchtig waren nach dem Online-Rollenspiel «World of Warcraft». Das hat sich seither drastisch geändert: Unsere Patienten werden immer jünger. Jetzt behandeln wir schon 12- und 13-Jährige. Auch Eltern mit 9-Jährigen kommen bereits zu uns. Zum Vergleich: die anderen Suchtkrankheiten, mit Ausnahme von Cannabis, sind in dieser Zeit konstant geblieben. Die Social Media- und Onlinesucht ist die einzige Sucht, die in einem so grossen Ausmass Kinder betrifft. Das Suchtpotenzial von Social Media ist mit jenem von Kokain oder Heroin vergleichbar, zumal das Gehirn wenig zwischen Abhängigkeit von Suchtmitteln oder Abhängigkeit von gewissen Verhaltensweisen unterscheidet. 
Dr. Kurosch Yazdi ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeut. Seit 2010 leitet er in Linz die Ambulanz für Spielsucht, seit 2012 eine Krankenhausabteilung für Suchtkranke. 
Dr. Kurosch Yazdi ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeut. Seit 2010 leitet er in Linz die Ambulanz für Spielsucht, seit 2012 eine Krankenhausabteilung für Suchtkranke. 

Instagram oder Snapchat sind heute bei den Jugendlichen viel beliebter als Facebook, trotzdem konzentriert sich Ihr Buch auf Facebook?

Einerseits steht hier Facebook generell für sogenannte soziale Medien, die übrigens nicht sozial sind. Auf der anderen Seite wurde Facebook schon oft tot gesagt und ist immer noch die bei weitem erfolgreichste Plattform mit über 2 Milliarden Mitgliedern. 

Warum macht die Onlinewelt so extrem süchtig? 

Jede Droge stimuliert das Belohnungssystem. Dieses reagierte bei Neugierde und wenn wir mit anderen Menschen kommunizieren. Das extrem Verführerische beim Internet respektive bei Social Media ist diese Scheinwelt, die vermittelt, dass man scheinbar viele wertschätzende Freunde hat, scheinbar attraktiv und beliebt sein kann und dabei erst noch, scheinbar, Abenteuer erleben kann. 
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Gibt es ein bestimmtes Persönlichkeitsprofil, das besonders anfällig ist dafür?

Kinder und Jugendliche, die Mühe haben sich zurechtzufinden, laufen besonders Gefahr, sich in der Onlinewelt komplett zu verlaufen. Aber auch Kinder, die ein gutes Sozialleben haben, können sich darin verlieren. Wenn Jungs süchtig sind, dann meist nach Onlinespielen, Mädchen hingegen überwiegend nach sozialen Medien wie Instagram. 
«Das Gehirn unterscheidet wenig zwischen Abhängigkeit von Suchtmitteln oder Abhängigkeit von gewissen Verhaltensweisen.»
Dr. Kurosch Yazdi, Psychiater und Suchtmediziner

Wie äussert sich dies? 

Sie sind nonstop online, egal ob sie unterwegs sind, essen oder in der Schule sind. Oder sie sind die ganze Nacht auf und schlafen dann in der Schule auf dem Pult ein. Mit dem Resultat, dass sich diese Kinder und Jugendliche in der realen Welt sozial völlig isolieren. 

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