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Psychologie

Frau Eser, warum wird jemand Jihadist?

Warum radikalisieren sich Jugendliche? Und was können Eltern tun, wenn sie merken, ihr Kind gerät auf Abwege? Ein Gespräch mit der Radikalismusforscherin Miryam Eser Davolio über Jihadismus, den Wunsch vieler junger Männer nach Orientierung und die Frage, ob Menschen mit Migrationshintergrund besonders gefährdet sind. 
Text: Claudia Landolt
Bilder: Hans Schürmann / 13 Photo

Frau Eser, wie kommt man auf die Idee, Jihadist(in) zu werden? 

Sich zu radikalisieren, hat meist vielfältige Ursachen. Grundsätzlich kann es sowohl politische als auch religiöse Beweggründe geben. Meist besteht aber kein profundes religiöses Vorwissen, deshalb können die Betroffenen die religiösen Botschaften weniger gut einordnen und sind einfacher zu manipulieren. Stammen Jihadisten nicht zwingend aus religiösen Familien? Nein. Die Aussagen des Nachrichtendienstes und des Fedpol zeigen, dass Jihadisten in der Regel nicht aus streng religiösen, sondern aus säkularisierten Familien stammen. Ausserdem gibt es einige Konvertiten in der Schweiz, die sich radikalisiert haben. Insgesamt machen sie einen Fünftel der jihadistisch motivierten Reisenden in Konfliktgebiete aus.

Stammen Jihadisten nicht zwingend aus religiösen Familien? 

Nein. Die Aussagen des Nachrichtendienstes und des Fedpol zeigen, dass Jihadisten in der Regel nicht aus streng religiösen, sondern aus säkularisierten Familien stammen. Ausserdem gibt es einige Konvertiten in der Schweiz, die sich radikalisiert haben. Insgesamt machen sie einen Fünftel der jihadistisch motivierten Reisenden in Konfliktgebiete aus.
«Jihadisten stammen in der Regel nicht aus besonders religiösen Familien.»
Extremismusforscherin Miryam Eser Davolio 

Am Anfang steht also nicht das religiöse Bedürfnis im Vordergrund?

Genau. Es geht vielmehr um Orientierungslosigkeit und die damit verbundene Sinnsuche. In der Pubertät sind Jugendliche ja in einem sensiblen Alter, sie sind auf Identitätssuche. Der Jihadismus befriedigt diese Suche mit Idealismus und der Utopie, einen neuen Staat mit einer klaren Weltordnung aufzubauen.

Und zementiert alte Rollenbilder. 

Jihadismus bedeutet immer auch Inszenierung. Der IS weiss sehr genau, dass junge Männer sich von klassischen Heldenbildern, von inszenierter Männlichkeit und von klaren Feindbildern angezogen fühlen. Rausgehen und gemeinsam einen Kampf gegen einen Feind führen – das ist ein uralter Topos.
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Gibt es Zahlen über Jugendliche, die jihadistisch motiviert in Kriegsgebiete reisen? 

Die Zahl von jihadistisch motivierten Reisenden in Konfliktgebiete ist in der Schweiz gemessen an der Landesbevölkerung im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarländern weniger hoch. Insbesondere Belgien und die skandinavischen Länder als auch die Niederlande, Grossbritannien, Frankreich, Österreich und Deutschland weisen höhere Zahlen auf, doch sind solche Vergleiche mit Vorsicht anzustellen, bilden sie doch nur das ab, was die nachrichtendienstlichen Ermittlungen ergeben, und nicht alle Länder erfassen diese nach denselben Kriterien. Von den Zahlen des Nachrichtendienstes wissen wir aber, dass es sich hierzulande um ein vorwiegend männliches Phänomen handelt, das heisst um Männer zwischen 20 und 35 Jahren. Von den 66 Fällen sind 12 Konvertiten – Letztere haben alle einen Schweizer oder einen EU-Pass. Was Bildung, sozialeHerkunft und ökonomische Verhältnisse angeht, gibt es aber kein typisches Profil.
«Hinter plötzlichem Radikalismus kann allenfalls auch nur Protestpotenzial stecken», sagt die Forscherin Miryam Eser Davolio zur Frage, was Jugendliche in den Jihad treibt. Bild: Hans Schürmann / 13 Photo
«Hinter plötzlichem Radikalismus kann allenfalls auch nur Protestpotenzial stecken», sagt die Forscherin Miryam Eser Davolio zur Frage, was Jugendliche in den Jihad treibt. Bild: Hans Schürmann / 13 Photo

Wie steht es mit den jungen Frauen? 

Auch diese werden mit einem klaren Rollenverständnis und dem damit verbundenen Rückzug auf das Weibliche angelockt. Dies ist zusammen mit der romantischen Vorstellung, mit einem Helden und Kämpfer zusammenzuleben, für viele junge Frauen attraktiv. Hinzu kommt – und das gilt für beide Geschlechter – das Bild der egalitären, also gleichwertigen Bruder- und Schwesternschaft. Beides deckt das Bedürfnis nach Gemeinschaft, aber auch nach Anerkennung und Solidarität ab.

Social Media spielen bei der Rekrutierung eine grosse Rolle. Welches sind da ihre Erfahrungen?

Wir haben drei Fake-Profile auf Facebook gestellt, um zu sehen, welche Reaktionen diese auslösen. Zwei waren weiblich. Das Profilbild zeigte je eine verschleierte Frau, der eine Name deutete auf eine nordafrikanische Herkunft hin, der andere war ein Schweizer Name. Wir unterlegten das Profil mit einer Koransure. Innert weniger Stunden bekam das eine Profil 341 Freundschaftsanfragen und mehrere Heiratsanträge. Auch das andere weibliche Profil fand viel Anklang. Das männliche Profil fand eher wenig Beachtung.

Wie läuft eine IS-Anwerbung genau ab?

 Die IS-Propaganda richtet sich an unterschiedlichste Zielgruppen, und die Anwerbung läuft psychologisch sehr raffiniert. Indem man gewisse Messages liked, gerät man auf weitere Websites mit immer eindeutigerem Inhalt. Dann wird man zum Beispiel auf Facebook angesprochen und beginnt einen Chat, der sich sehr lange hinziehen kann und durch den man weitere Freunde gewinnt und sich so weiter vernetzt. Zentrales Thema in der Kommunikation sind meist die Ungerechtigkeiten gegenüber Muslimen in Syrien und anderswo sowie die Aussicht auf eine neue, gerechte Gesellschaftsordnung, die alle herrschenden Probleme zu lösen vermag. Bis es aber dazu kommt, dass der oder die Jugendliche sich schliesslich ein Flugticket kauft, ist meist ein längerer Weg.
«In der Schweiz hat spätestens mit dem Minarettverbot ein Polarisierungsprozess in der Gesellschaft begonnen, der auch politische Dimensionen hat.»
Extremismusforscherin Miryam Eser Davolio

Soziologen betonen, dass gerade der islamische Extremismus sehr geschickt manipuliert. 

Die Hinwendung zu salafistischen Gruppierungen operiert mit alternativen Sinn- und Glaubenswelten und propagiert ein Schwarz-Weiss-Weltbild. Zum Beispiel: Die USA und der Westen seien die Bösen, welche die Araber unterdrückten und zum Opfer machten. Dieses Schwarz-Weiss-Denken wird auch auf die Beurteilung internationaler Konflikte übertragen und mündet in eine Opferideologie, welche mit einem starken Antiamerikanismus sowie Antisemitismus verbunden ist. In der Folge sehen sich solche radikalisierten jungen Menschen als Avantgarde einer religiösen Revolution mit strenger sozialer und moralischer Verpflichtung – bis hin, das eigene Leben für diese Ideale aufs Spiel zu setzen.

Welche Rolle spielen Videos, in denen Gewalt gegen Muslime gezeigt wird?

Eine grosse. Die Gewalt wird oft sehr explizit dargestellt. Es werden Bilder aus Syrien von Kinderleichen oder Vergewaltigungen durch US-Soldaten gezeigt, die zur Gegenwehr und in der Folge zum Kampf auffordern. Das hat eine grosse Anziehungskraft und löst starke Emotionen aus. 

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