Philip Tarr: «Ärzte müssen sich mit den Sorgen impfkritischer Eltern auseinandersetzen»
Arztbesuch

Warum sind Eltern kritisch gegenüber Impfungen?

Kaum ein Thema wird unter Eltern so kontrovers diskutiert wie das Impfen. Warum stehen manche Mütter und Väter einer Immunisierung gegen diverse Krankheiten so kritisch gegenüber? Der Infektiologe Philip Tarr kennt die Gründe und rät dringend zu mehr Aufklärung. 
Interview: Claudia Füssler
Bild: Philip Tarr / zVg

Herr Tarr, die Frage, ob man sein Kind impfen lässt oder nicht, erhitzt regelmässig die Gemüter. Sie haben sich mit den sogenannten Impfskeptikern und ihren Motivationen beschäftigt. Was ist Ihrer Erfahrung nach der wichtigste Grund für die Vorbehalte gegen eine Impfung?

Wir reden hier von rund 30 Prozent der Bevölkerung in den westlichen Ländern. Diese Menschen trauen den Behörden nicht so ganz, sie finden, da wird immer nur auf die Impfrate abgezielt und nicht auf das individuelle Kind. Sie wollen mitreden und sich nicht einfach autoritär «von oben» Dinge verordnen lassen. Dass die Individualität im Impfplan untergeht, ist ein Hauptkritikpunkt. Diejenigen, die einer Impfung skeptisch gegenüberstehen, fragen sich, wie es sein kann, dass wir sonst bei jedem anderen Thema immer berücksichtigen, dass jedes Kind anders ist: Das eine ist robuster und hat weniger Erkältungen, das andere kränkelt dauernd. Auch Ernährung und Sport sind Bereiche, in denen wir ganz selbstverständlich schauen, welches Kind was braucht. Nur beim Impfen, so die Skeptiker, werde das vernachlässigt. Da wird auch gerne das Bild einer Tierherde bemüht. Nach dem Motto: Jedes Rind wird gleich geimpft.

Können Sie diese Vorbehalte nachvollziehen?

Ein Stück weit, ja. Wenn die Gesundheitsbehörde sagt: Unser Ziel ist es, die Impfrate zu steigern, dann ist das so.
Prof. Dr. med. Philip Tarr ist seit 2007 am Kantonsspital Baselland tätig, als Leitender Arzt, Infektiologie und Spitalhygiene und seit 2016 Co-Chefarzt an der Medizinischen Universitätsklinik. Seine Interessen gelten dem zurückhaltenden Antibiotikaeinsatz in der Medizin und einer patient*Innen-orientierten Medizin. Seit 2017 leitet er das Nationale Forschungsprogramm NFP74 zu Impfskepsis. 
Prof. Dr. med. Philip Tarr ist seit 2007 am Kantonsspital Baselland tätig, als Leitender Arzt, Infektiologie und Spitalhygiene und seit 2016 Co-Chefarzt an der Medizinischen Universitätsklinik. Seine Interessen gelten dem zurückhaltenden Antibiotikaeinsatz in der Medizin und einer patient*Innen-orientierten Medizin. Seit 2017 leitet er das Nationale Forschungsprogramm NFP74 zu Impfskepsis. 
Ich als Arzt aber, der einer Mama mit Kind gegenübersitzt, sollte und muss meiner Meinung nach versuchen, individuell zu beraten statt zu signalisieren: Das ist halt so, das verlangt eben der Impfplan.

Täuscht der Eindruck oder hat die Zahl der Impfskeptiker zugenommen?

Die genannten 30 Prozent sind seit Jahren recht konstant. Das Problem ist aus meiner Sicht eher, dass heute mehr darüber gesprochen und es mehr in den Medien thematisiert wird. Die Bevölkerung ist wissenschaftskritischer, behördenkritischer geworden. Das war vor 30, 40 Jahren noch anders. Um das mal sehr vereinfacht zu sagen: Da hat man einfach gemacht, was der Doktor gesagt hat. Wobei auch heute noch der Arzt die wichtigste Informationsquelle ist für Eltern, auch für solche, die Impfungen skeptisch gegenüberstehen.
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Woher wissen Sie das?

Wir haben gerade eine Umfrage ausgewertet. Dafür haben wir 1400 Eltern einen Fragebogen mit 15 Fragen ausfüllen lassen, anhand dessen wir die Impfskepsis messen können. Der Score reicht von 0 bis 100. Bis 50 zählen wir die Befragten nicht zu den Impfskeptikern. Ab einem Score von 50 sprechen wir von Impfskeptikern. Wir sehen, dass ein Score über 50 mit einer verspäteten oder gar nicht erfolgten Masernimpfung oder einer nicht erfolgten Impfung gegen die sexuell übertragbaren humanen Papillomaviren, kurz HPV, korreliert. Und auch diese Impfskeptiker geben an, sich am häufigsten bei ihrem Arzt über Impfungen zu informieren.

Und worin liegt der Unterschied zu den nicht skeptischen Eltern?

Die Skeptiker lesen mehr Bücher zum Thema Impfen, sie informieren und unterhalten sich mehr in ihrer Familie, mit Freunden darüber. Die Bücher kommen sehr überzeugend daher. Ein Klassiker zum Thema ist beispielsweise «Impfen – pro & contra» von Martin Hirte. Das ist nicht schlecht geschrieben, es ist einfach und verständlich. Wenn Sie viele Fragen haben zum Impfen, hören Sie hier die Stimme eines freundlichen, Ihnen wohl gesonnenen Arztes, der Ihnen gegenübersitzt und alles in Ruhe erklärt. Aber es ist eben nicht alles richtig, was er erklärt.

Zum Beispiel?

Im Buch steht beispielsweise, dass Feigwarzen vor Gebärmutterhalskrebs schützen können und es deshalb keine diesbezügliche Impfung gegen die potentiell Gebärmutterhalskrebs auslösenden HPV braucht. Doch das Gegenteil ist richtig: Grosse Studien haben gezeigt, dass die Menschen, die Feigwarzen haben, langfristig auch häufiger an Gebärmutterhalskrebs erkranken.

Die Impfskeptiker konzentrieren sich also bewusst nur auf die Sachen, die gegen eine Impfung sprechen?

Nein, so würde ich das nicht sagen. Sie sehen den ganzen Komplex eher als ein Thema, das ein Abwägen der Vor- und Nachteile erfordert, deswegen suchen sie sich Argumente für und gegen das Impfen zusammen. Wir haben mit sehr vielen Komplementärmedizinern gesprochen, da sagen viele: Die Behörden machen Impfpropaganda, die reden nur von den Vorteilen, das können wir nicht mehr hören. Diese Mediziner verlangen, dass das Impfen differenzierter betrachtet wird, so wie sie es tun. Und dass man sich die Zeit nimmt, um mit Eltern genau das durchzusprechen.

Ein Ansatz, den Sie ganz gut finden.

Ich denke, es wäre recht erfolgversprechend, wenn man – statt ständig auf den Komplementärmedizinern und deren Skepsis rumzureiten – umgekehrt ansetzt und schaut, was man bei der Schulmedizin verbessern kann. Das bedeutet vor allem, sich mehr Zeit für die Beratung von impfskeptischen Eltern zu nehmen. Nicht einfach nur mit einem «Ach Quatsch, davon kriegt man keinen Autismus, die Wirkstoffe sind sicher» auf mögliche Ängste reagieren, sondern den Eltern zuhören, ihre Sorgen ernst nehmen und sich damit auseinandersetzen. Hier fehlt es meiner Meinung nach übrigens auch an impfspezifischem Fachwissen bei den Kinderärzten, das helfen könnte, auf kritische Bemerkungen seitens der Eltern einzugehen.

Warum ist das so?

Das Problem ist, dass man zum Thema Impfen im Medizinstudium recht wenig lernt. Da heisst es einfach: Schau her, das ist der Impfplan, demnach muss man die Kinder im Alter von zwei Monaten gegen Tetanus impfen, mit vier Monaten gegen dies, später gegen jenes. Wir haben also den Zeitpunkt gelernt plus die Info, dass Impfungen wirksam sind, plus die Info, dass sie sicher sind – das ist quasi alles. Das ist aber zu wenig, um in einem Gespräch mit impfskeptischen Eltern deren Nachfragen befriedigen und ihnen Ängste nehmen zu können. 

Das hilft?

Ich bin überzeugt, dass sich damit 80 Prozent des Impfskepsisproblems neutralisieren lassen. Man sollte die Skepsis nicht als eine Art Krankheit der doofen Impfgegner behandeln, und gleich gar nicht in dem militärischen Tonfall, der damit oft einhergeht. Das ist seit vielen Jahren wenig zielführend, wir brauchen da neue Ansätze.

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