«Wir machen Homeschooling – für viele eine Provokation»

Céline und ihre fünf Geschwister werden zu Hause unterrichtet – von ihrer Mutter. Wie funktioniert Homeschooling? Ein Besuch bei der Familie Hanhart in Lyss BE.
Es fühlt sich an, wie in ein Schulzimmer zu platzen, in dem gerade unterrichtet wird – und einen plötzlich 22 Schüler anstarren. Hier im bernischen Lyss nahe Biel starren nicht 22, sondern lediglich 4 Schüler. Aber das Empfinden, einen konzentrierten Unterricht gestört zu haben, ist dasselbe. Die Kinder schauen kurz auf, sagen höflich «Grüessech» und beugen gleich wieder die Köpfe über die Bücher. Es ist kurz nach zehn Uhr an diesem Freitag; unterrichtet wird Mathematik. Das Ambiente wirkt familiär, aufgeräumt, strukturiert und auf jeden Fall: schweizerisch-unauffällig.

Und sogleich schämt man sich still für seine exotischen Vermutungen vor diesem Besuch. Womöglich auf tanzende Hippie-Eltern zu treffen, die ihre Kinder im Wohnwagen unterrichten. Oder eine klandestine Sektengemeinschaft vorzufinden, in der die Frauen lange Röcke tragen und die Männer wirre Dogmen predigen. So stellt man sich landläufig Eltern vor, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken, sondern zu Hause unterrichten. Aber auf keinen Fall stellt man sie sich so vor wie Therese und Marcel Hanhart. Nicht wie einen Bundesbeamten für Eisenbahnsicherheit und eine gelernte Hauspflegerin. Sie haben sechs Kinder, ein Haus, einen Familien-Van und sind überzeugte Homeschooler, also Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten.

Nach den ältesten Töchtern Céline (20) und Gwenaëlle (18) sind es aktuell noch Naïm (16), Ruven (13), Josia (11) und Rabea (7), deren Schulweg kürzer kaum sein könnte: die Treppen von den Kinderzimmern hinunter ins Untergeschoss des Hauses. Hier haben die Hanharts zwei Schulzimmer eingerichtet – inklusive Unterrichts-Cachet. Ein grosser Tisch zum Arbeiten, eine Art Wandtafel, Fächer, Mäppli, Schulmaterial, Hefte, Lernkarten, Buchstabentafeln, Etuis und mit Namen beschriftete Kartonschachteln. Willkommen im Heimunterricht einer besonderen Familie.

Der Unterricht beginnt spätestens um acht Uhr – manchmal sogar früher. Dann wird den ganzen Vormittag gearbeitet, die drei Kleinen zusammen, der ältere, Naïm, geht den Oberstufenstoff separat durch. Es gibt normale Znünipausen, und wenn die Kids konzentriert gearbeitet haben, steht der Nachmittag zur freien Gestaltung. Respektive ist ziemlich vollgestopft mit Sport- und Musikstunden. Das alles liest sich wie das Programm an einer Kinderakademie: Flöte, Hornussen, Hockey, Ballett, Fussball, Geige, Curling, Rhythmik und Schwimmen. Das fördere nebenbei die sozialen Kontakte, sagt die Mutter.

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