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Schule

Vielfalt im Schulalltag bringt uns weiter 

Kinder bringen Behinderungen, Lernschwächen, unterschiedliche kulturelle Prägungen und natürlich auch besondere Fähigkeiten mit in den Schulalltag. Wie kann man mit dieser bunten Vielfalt umgehen? Hier ist ein Umdenken gefragt. 
Text: Susanne Schriber
Melissa hört gut, sieht Hindernisse aber nicht und bewegt sich mit dem Langstock. Jan ist stark, sehr hilfsbereit, aber auch langsam. May ist sehr schnell, klein und motorisch wendig, sie kann aber nicht gut lesen und schreiben. Joshua wäre lieber ein Mädchen als ein Junge und zeichnet sich oft und gekonnt als Zirkustänzerin. Léonie ist laut und zappelig, sie liebt das Theaterspielen, hat immer witzige, coole Ideen. Andrej ist meist für sich alleine, er liebt die Welt der Zahlen, in Mathematik ist er spitze. Yanis liegt oft auf einer gepolsterten Matte, er spielt mit seinen Händen, sein Lachen steckt alle an. Silja spricht kaum, sie schreibt wunderbare Fantasiegeschichten. Diese bunt gemischte Kindergruppe existiert nicht real. Und dennoch werden viele Kinder in den Figuren wohl ihre Schulkolleginnen und Freunde wiedererkennen. Die Gruppe veranschaulicht das «Prinzip Vielfalt», und einige Namen sind der App «Unstoppables» entlehnt. In dieser Spiele-App von Cerebral erleben die Kinder Abenteuer auf der Suche nach ihrem entführten Hund – und lassen sich dabei von ihren Einschränkungen nicht behindern, sondern nutzen ihre Fähigkeiten (siehe Box unten). Das «Prinzip Vielfalt», auch unter den Begriffen «Diversity» oder «Diversity Management» bekannt, will einen konstruktiven Umgang mit Vielfalt aufzeigen. Bereits in den 70er-Jahren wurde in der Pädagogik die Frage gestellt, wie ein «Miteinander des Verschiedenen» gelingen kann. Die Idee: Wenn kulturelle und religiöse Unterschiede, Aspekte des «Behindert-Gleich-Anders- Seins» und Geschlechts- sowie Geschlechtsidentitätsunterschiede richtig thematisiert werden, können sie als Chance für das Lernen und als Bereicherung für die Gesellschaft gesehen werden.

Prinzip Vielfalt: die rechtliche Seite 

Die Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten klar in Richtung Vielfalt entwickelt. Es ist eine Frage der Ethik und der Klugheit, konstruktiv mit Vielfalt und Heterogenität umzugehen. Das Fortbestehen und der Zusammenhalt moderner Gesellschaften werden darauf angewiesen sein. Die ersten Lernorte dafür sind natürlich Schule und Familie. Unsere Gesellschaft hat sich zudem mit der Behindertenrechtskonvention» klar zur uneingeschränkten Wertschätzung von Menschen mit Behinderungen bekannt. Die Schweiz hat sich damit verpflichtet, den Weg der Inklusion in allen Bereichen der Gesellschaft zu gehen, also Menschen mit Behinderung beispielsweise die Teilhabe an Schule, Freizeitaktivitäten und am Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Die Grundidee der Inklusion ist, dass nicht die Behinderung des Einzelnen gesehen wird, sondern das Potenzial und die Stärke des Menschen. Es geht also beispielsweise nicht darum, dass Melissa blind ist, sondern darum, dass sie ein gutes Gehör hat. Ihre Schwierigkeit, Hindernisse zu erkennen, soll dabei nicht verleugnet werden.
Es geht darum, eine Einstellung zu entwickeln, bei der Vielfalt  als Chance und Bereicherung für unsere Gesellschaft gesehen wird.
Der Fokus liegt auf der Frage, was verändert werden muss, wie soziale und materielle Bedingungen geschaffen werden können, damit «Behinderungen nicht entstehen. Akustische Signale bei den Strassenübergängen beispielsweise gleichen aus, dass Melissa die Ampel nicht sieht. Ferner geht es um die Frage, was eine Gesellschaft beitragen kann, damit Kinder wie Melissa, Jan und Co. so am Schul- und Freizeit leben teilhaben können, wie sie sind. Es geht also um den Abbau von gesellschaftlichen Barrieren und Vorurteilen. Es geht darum, eine Einstellung zu entwickeln, bei der Vielfalt selbstverständlich als Chance und Bereicherung für unsere Gesellschaft gesehen wird. Die Vision der inklusiven Gesellschaft ist, dass alle Stärken und Schwächen der Schülerinnen und Schüler zum Tragen kommen. Es ist ein langer Weg, bis dies der Alltag sein wird. Aber hier gilt einmal mehr: Der Weg ist das Ziel. Ein Mittel auf dem Weg zur Inklusion ist das sogenannte «Kooperative Lernen».

Kooperatives Spielen, Lernen und Arbeiten 

Beim «Kooperativen Lernen» steht das Lernen an gemeinsamen Aufgaben, Herausforderungen und Zielen im Vordergrund. Die Verschiedenheit der Gruppenmitglieder wird zur Ressource. Im gemeinsamen Lernen und Arbeiten sollen Verschiedenheiten als positiv und produktiv erlebt werden: Stärken und Schwächen gleichen sich in einem grösseren Ganzen aus, durch intensive Kommunikation und Kooperation werden neue Lösungswege entdeckt, die zu einem Gewinn, ja einem «Mehrwert» werden. Geduld, gegenseitige Unterstützung und Rücksichtnahme stärken die Wertschätzung, Selbstachtung und Kreativität aller Gruppenmitglieder. Zurück zu unserer Gruppe: Eines Tages wird der Blindenführhund von Melissa entführt. Den Kindern gelingt es, die Fährte aufzunehmen und Hund Tofu zu befreien, weil sie je ihre persönlichen Stärken in Kooperation einsetzen. Gemeinsam sind sie eben grosse Klasse! So heisst übrigens auch ein Kinderbuch, welches das Prinzip Vielfalt altersgerecht und in vielen schönen Bildern erklärt (siehe Box unten).
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Prinzip Vielfalt: Schule und Lehrplan 21 

Der Lehrplan 21 gilt als grosses gesellschaftliches Werk der Volksschule, in welchem pädagogische Ziele und Kompetenzen für die Schulen aller Kantone aufgeführt sind, die für die nahe Zukunft Bedeutung haben. Insbesondere im Fachbereich «Natur, Mensch und Gesellschaft » sind dabei explizit Lernziele im Themenbereich «Prinzip Vielfalt» angegeben. Und unter «überfachlichen Kompetenzen» lesen wir wörtlich, dass es darum geht, «Beziehungs-, Kooperations- und Konfliktfähigkeit» sowie den «Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt» zu erlernen. Das Thema «Prinzip Vielfalt» wurde also auch hier erkannt und berücksichtigt, denn der Umgang mit Vielfalt ist eine Kompetenz und muss erlernt werden. Es ist uns und der Gesellschaft zu wünschen, dass Melissa, Jan und Co. mit ihren Kolleginnen und Kollegen in eine Welt hineinwachsen, in welcher Verschiedenheit (Diversity) als Ressource für gemeinsames Spielen, Lernen und Arbeiten erkannt wird. Erst damit wird das «Prinzip Vielfalt» gelebte Realität werden.

Bild: fotolia.com

Game und Lehrmittel 

The Unstoppables ist ein Spiel für Smartphones und Tablets. Melissa, Jan, Achim und Mai befreien dank guter Kooperation und gegenseitiger Unterstützung in ihren Stärken den entführten Führhund Tofu. Mehr Informationen und Downloadlink unter: theunstoppablesgame.ch

Prinzip Vielfalt ist ein Lehrmittel zur Auseinandersetzung im Thema Anderssein und Gleichsein. Es liegen drei Versionen für die Unter-, Mittel- und Oberstufe vor. Zu beziehen unter www.lehrmittelverlag.ch.

Bilderbücher 

Zum Grundgedanken «Prinzip Vielfalt» liegen einige Bilderbücher vor. Zum Beispiel: 

Einer für alle – Alle für einen! 
von Brigitte Weninger und Eve Tharlet, Minedition 2005, 8. Auflage, 32 Seiten, ab Fr. 18.90. 

nur wir alle
von Lorenz Pauli, Kathrin Schärer, Atlantis 2012, 32 Seiten, Fr. 24.90. 

Gemeinsam sind wir grosse Klasse
 von Franz-Joseph Huainigg und Verena Ballhaus, Annette Betz/Ueberreuter 2014, 112 Seiten, Fr. 20.90.

Zur Autorin

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Prof. Dr. Susanne Schriber, ist Bereichsleiterin und Dozentin für Pädagogik für körper- und mehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche im Studiengang Sonderpädagogik, Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik, Zürich.

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