Schule
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Wie stellen Sie sich die Schule der Zukunft vor?

In meiner Vorstellung wird das perfekte Schulzimmer eine Mischung aus Wohnzimmer, Werkraum und Küche – ein Ort, wo man an einem grossen Tisch zusammenkommt und gemeinsam produktiv wird. 

Dann sind Sie ein Befürworter von jahrgangsübergreifenden Klassen und individualisiertem Unterricht?

Schule wird sich dahingehend verändern. Davon bin ich überzeugt. Das preussisch geprägte Schulsystem, der Lehrer als Autoritätsperson vorne an der Tafel, der seinen Schülern Wissen eintrichtert, ist passé. 

Diese Vorstellung überfordert einige Lehrpersonen.

Und ich kann diese Kollegen auch verstehen. Aber es geht nicht darum, jedem einzelnen Schüler, jeder einzelnen Schülerin sofort ein passendes Programm zu bieten, sondern vielmehr darum, zuzulassen, dass die Kinder und Jugendlichen selbst etwas kreieren. Manche Kinder werden das sehr gut und eigenverantwortlich leisten können, andere werden dabei stärker begleitet werden müssen. Und dafür braucht es gute Lehrpersonen, sie sich als Motivator beziehungsweise Coach verstehen sollten. Die Zeiten, in denen die Kinder aufgestanden und strammgestanden sind, weil die Lehrperson die Klasse betreten hat, sind vorbei. Heute geht es um den persönlichen Kontakt zu jedem einzelnen Schüler, um Empathie und um Beziehung.
Thomas Minder ist überzeugt, dass sich die Schule zu jahrgangsübergreifenden Klassen und einem individualisierten Unterricht entwickeln wird.
Thomas Minder ist überzeugt, dass sich die Schule zu jahrgangsübergreifenden Klassen und einem individualisierten Unterricht entwickeln wird.

Aber es gibt vielleicht Kollegen, die können und wollen sich nicht mehr auf diese neue Situation einstellen.

Das ist richtig. Die Aufgabe einer Schulleitung wird auch sein, solche Kollegen anständig in die Pension zu begleiten. Ihre Art zu unterrichten ist ja auch nicht per se schlecht. Aber ich bevorzuge den persönlichen Kontakt zu den Schülern.
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Gelingt es Ihnen immer, eine gute Beziehung zu Ihren Schülern aufzubauen?

Es ist stets mein Ziel. Aber ich hatte immer wieder Schülerinnen und Schüler, bei denen ich gedacht habe: Die brauchen eigentlich jemand anderen als mich. Wenn man ein System hätte, in dem Kinder frei wählen könnten, bei welchem Lehrer sie Unterricht haben, jemanden, der ihnen guttut, dann könnte man mit diesen Kindern auch anders arbeiten. Natürlich besteht unsere Aufgabe nicht ausschliesslich darin, Wünsche zu erfüllen. Eine gewisse Allgemeinbildung tut not. Aber im Grunde geht es darum, die individuellen Stärken der Kinder zu fördern.

Wenn sich Ihre drei Kinder etwas vom obersten Schulleiter der Schweiz wünschen könnten, was wäre das? 

Sie würden sich wünschen, die Unterstützung zu bekommen, um ihre eigenen Ideen umsetzen zu können. In den Kindern steckt so viel Kreativität, und wir schaffen es doch immer wieder, diese im Keim zu ersticken.

Mehr über die Entwicklung von Schulen:


  • Rituale als Helfer im Alltag. Die Schule wird für Kinder immer mehr zur Lebenswelt, die Strukturen sind komplexer geworden. Umso wichtiger sind stetig wiederkehrende Abläufe.

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