Ruth Huggenberger: «Viele Kinder haben wegen Corona schulisch den Anschluss verpasst»
Schule

«Eltern sollten für eine Klassenwiederholung kämpfen, wenn sie grosse Lücken sehen»

Die Psychotherapeutin Ruth Huggenberger sagt, Fernunterricht, Quarantäne und ­Homeoffice hätten Kinder wie Eltern an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht. Sie warnt vor den Folgen und sagt, was Familien in den bevorstehenden Sommerferien brauchen.
Interview: Claudia Landolt, Evelin Hartmann
Bild: Melanie Defazio / Stocksy

Frau Huggenberger, Sie arbeiten als Psychotherapeutin in einer Gemeinschafts­praxis in Baden. In den letzten Monaten wurden Sie mit ­Anfragen bestürmt wie nie. Warum?

Wir Psychotherapeuten spüren die Auswirkungen der Pandemie ganz deutlich. Bei fast allen Kindern und Jugendlichen haben Massnahmen wie Homeschooling oder Fernunterricht, die Kontaktbeschränkungen, die damit verbundene Isolation und die vielen anderen Einschränkungen im Freizeitbereich zu einem hohen Leidensdruck geführt. Neu ist zudem, dass sich auch die Erziehungsberechtigten meiner jugendlichen Patienten bei mir melden und um Hilfe bitten. Ich stelle fest, dass viele Familiensysteme aufgrund der Erfahrungen der letzten anderthalb Jahre dysfunktional sind.

Was bedeutet das? 

Aus psychotherapeutischer Sicht sind Familien ein System. Geht es einem Mitglied dieses Systems nicht gut, wirkt sich das auf alle anderen Mitglieder dieses Systems aus. Überforderte und frustrierte Kinder oder Jugendliche trafen auf Eltern, die selbst am Anschlag waren, weil sie Homeoffice, Care-Arbeit und Homeschooling irgendwie vereinbaren mussten und zum Teil auch noch müssen. Die Folgen treten nun deutlich zutage. Viele Mütter und Väter sind am Anschlag, leiden an Burnout, Depressionen und Angststörungen.
Ruth Huggenberger ist Psychotherapeutin und Spezialistin für ADHS-Therapie. Sie ist zudem Dozentin an der Fachhoch­schule Nordwestschweiz. Sie hat eine eigene Praxis in Baden. 2019 erschien ihr Buch «ADHS in der Familie. Strategien für den Alltag»,   Hogrefe AG, 256 Seiten. Zurzeit schreibt sie an ihrem zweiten Buch «ADHS – unter der Spitze des Eisbergs», das 2022 erscheint.
Ruth Huggenberger ist Psychotherapeutin und Spezialistin für ADHS-Therapie. Sie ist zudem Dozentin an der Fachhoch­schule Nordwestschweiz. Sie hat eine eigene Praxis in Baden. 2019 erschien ihr Buch «ADHS in der Familie. Strategien für den Alltag», 
Hogrefe AG, 256 Seiten. Zurzeit schreibt sie an ihrem zweiten Buch «ADHS – unter der Spitze des Eisbergs», das 2022 erscheint.

Wie genau sind Kinder durch die Pandemie belastet?

Kinder haben beispielsweise Angst, in der Schule nicht mehr mitzukommen oder den Anschluss nach den Sommerferien in der nächsten Klasse nicht zu schaffen. Sie realisieren jetzt, dass sie in der langen Phase des Homeschoolings im Frühling 2020 zu wenig lernten oder das wenige nicht festigen konnten.

Warum das?

Jede Schule, jede Lehrperson und jede Stufe hat im ersten Lockdown den Fernunterricht ganz unterschiedlich gehandhabt. Manche Kinder haben nur zwei bis drei Stunden pro Tag gelernt. Das heisst, Schülerinnen und Schüler mussten einen erheblichen Mehraufwand betreiben, um den verpassten Schulstoff nachzuholen. Das haben nicht alle getan. Das löst ein Gefühl des Ungenügens oder gar Versagensängste aus. Jugendliche, die es vorher schon schwer hatten in der Schule, haben nun noch mehr Angst vor der Zukunft. 
Anzeige

Können Sie das erklären? 

Versetzen Sie sich in das Leben eines oder einer jungen Erwachsenen, der oder die gerade erst das Studium an einer höheren Schule begonnen hat und anderthalb ­Jahre die Mitstudentinnen und Dozenten nur virtuell getroffen hat. Das ist doch gravierend. Normalität muss man erst wieder erlernen. Andere Jugendliche wiederum wollten eine Lehrstelle finden, was pandemiebedingt nicht möglich war, Schnuppern kann man eben nicht virtuell. So wählen wohl viele das 10. Schuljahr. Die Problematik wird aber dadurch nicht gelöst, sondern nur vertagt.

Wie erleben Sie das in Ihrer Praxis?

Schülerinnen und Schüler, die bereits vor der Pandemie eher knapp und/oder schulmüde waren, sind es nun noch mehr. Ich höre oft den Satz: «Corona ist doof.» Fast alle Kinder haben eine grosse Lückenlast. Jede neuerliche Quarantäne, jeder zusätzliche Unterrichtsausfall verschlimmert diese Situation.

Was ist mit den Eltern?

Viele Mütter und Väter haben wirtschaftliche Sorgen, Angst vor Arbeitsplatzverlust oder sind bereits arbeitslos. Andere sind ausgebrannt. Sehr viele machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder, besonders wenn diese schon etwas älter sind. Das alles zusammen ist eine sehr grosse Belastung.

Inwiefern belastet Fernunterricht die Eltern?

Besonders bei Müttern haben Homeschooling und Fernunterricht Gefühle der Verzweiflung aufkommen lassen. Viele hatten bereits in der ersten Welle Mühe, ihrem Kind die nötige Unterstützung zu bieten. Primarschulkinder haben oft gewechselt zwischen Präsenzunterricht und Homeschooling. Jede Quarantäne verschlimmert die Situation. Immer sind es die Eltern und sehr oft die Mütter, die solche Situationen auffangen müssen.

Sie sind Spezialistin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Aufmerksamkeitsdefizit, AD(H)S. ­Welche Auswirkungen haben Fernunterricht und Homeschooling auf diese Kinder?

Kinder mit ADHS sind bis weit in die Oberstufe, in weiterführenden Schulen und sogar der Universität mit Fernunterricht überfordert. Sie brauchen wirklich viel Unterstützung, da es ADHS-Menschen an Selbststeuerung, an der Fähigkeit zur Strukturierung fehlt. Sie haben kein Zeitgefühl und vor allem keinen angemessen funktionierenden Reizfilter.

Was heisst das?

ADHS-Kinder können sich auf einer virtuellen Plattform schlecht konzentrieren, sind ständig abgelenkt und verlieren den Faden, die eigentliche Anforderung rasch aus den Augen. Oft träumen sie vor sich hin, schieben ungeliebte Aufgaben auf. Da fast alle einen Bereich haben, in dem sie besonders gut sind, wenden sie sich diesen Tätigkeiten zu, vertiefen sich und vergessen dabei aber, was sie sonst noch zu erledigen hätten. Wegen der Informationsflut und der mangelnden Reizfilterung sind sie zudem oft müde. 

1 Kommentar

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Von Anja am 08.06.2021 18:36

Wir haben einen Drittklässler zu Hause. Die Himeschooling-Zeit war echt anstrengend. Aber sonst merkt unser Kind nicht viel von den Einschränkungen. Er beschwert sich nur, wenn sich andere Erwachsene und Kinder sich über Corona-Massnahmen beschweren.

> Auf diesen Kommentar antworten

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.