Ruth Huggenberger: «Viele Kinder haben wegen Corona schulisch den Anschluss verpasst»
Schule

«Viele Kinder haben wegen Corona schulisch den Anschluss verpasst»

Fernunterricht, Quarantäne und Homeoffice haben Kinder wie Eltern an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht. Die Psychotherapeutin Ruth Huggenberger warnt vor den Folgen und beschreibt, warum es insbesondere Eltern von Kindern mit ADHS schwer haben.
Interview: Claudia Landolt
Bild: Rawpixel.com / zVg

Frau Huggenberger, Sie sind Psychotherapeutin in einer Gemeinschaftspraxis in Baden. Derzeit werden Sie mit so vielen Anfragen bestürmt wie noch nie.

Tatsächlich habe ich einen derartigen Ansturm in meiner Laufbahn als Psychotherapeutin noch nie erlebt. Es ist für die meisten Menschen beinahe unmöglich einen Therapieplatz zu bekommen, und es beschäftigt mich, wenn ich jeden Tag Patienten ablehnen oder weiterverweisen muss.

Ist dieser Ansturm der Corona-Pandemie geschuldet?

Ja, wir Psychotherapeuten spüren die Auswirkungen der Pandemie jetzt ganz deutlich. Bei fast allen Kindern und Jugendlichen haben Massnahmen wie Homeschooling oder Fernunterricht die Kontaktbeschränkungen, die damit verbundene Isolation und die vielen anderen Einschränkungen im Freizeitbereich zu einem hohen Leidensdruck geführt. Neu ist zudem, dass sich auch die Erziehungsberechtigten meiner jugendlichen Patienten bei mir melden und um Hilfe bitten. Ich stelle fest, dass viele Familiensysteme momentan dysfunktional sind.
Ruth Huggenberger ist Psychotherapeutin und Spezialistin für ADHS-Therapie. Sie ist zudem Dozentin an der Fachhochschule Nordwestschweiz und gründete eine Non-Profit-Vereinigung für Menschen mit ADHS. Sie hat eine eigene Praxis in Baden. 2019 erschien ihr Buch «ADHS in der Familie. Strategien für den Alltag». Hogrefe AG, 256 Seiten,  ISBN 978-3-456-85798-5.
Ruth Huggenberger ist Psychotherapeutin und Spezialistin für ADHS-Therapie. Sie ist zudem Dozentin an der Fachhochschule Nordwestschweiz und gründete eine Non-Profit-Vereinigung für Menschen mit ADHS. Sie hat eine eigene Praxis in Baden. 2019 erschien ihr Buch «ADHS in der Familie. Strategien für den Alltag». Hogrefe AG, 256 Seiten,  ISBN 978-3-456-85798-5.

Was bedeutet das?

Aus psychotherapeutischer Sicht sind Familien ein System. Geht es einem Mitglied dieses Systems nicht gut, wirkt sich das auf alle anderen Mitglieder dieses Systems aus. Überforderte und frustrierte Kinder oder Jugendliche treffen auf Eltern, die selbst am Anschlag sind, weil sie Homeoffice, Care-Arbeit und Homeschooling irgendwie vereinbaren müssen. Nicht nur Kinder sind in Not, auch Mütter und Väter sind am Anschlag, leiden an Burnout, Depressionen und Angststörungen. Die Beziehungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern sind mehr und mehr belastet. Es gibt mehr Streitereien, Eltern hegen vermehrt Trennungsabsichten.

Wie genau sind Kinder durch die Pandemie belastet?

Kinder haben beispielsweise Angst, in der Schule nicht mehr mitzukommen oder den Anschluss beziehungsweise Übertritt in die nächste Klasse oder Stufe nicht zu schaffen. Sie realisieren jetzt, dass sie in der langen Phase des Homeschoolings vergangenen Frühling zu wenig lernten oder das Wenige nicht festigen konnten.
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Warum das?

Jede Schule, jede Lehrperson und jede Stufe hat im ersten Lockdown den Fernunterricht  ganz unterschiedlich gehandhabt. Manche Kinder haben nur zwei bis drei Stunden pro Tag gelernt. Das heisst, Schülerinnen mussten und müssen stets noch einen erheblichen Mehraufwand betreiben, um den verpassten Schulstoff nachzuholen. Das haben nicht alle getan.

Das heisst, die Kinder kommen nicht mehr mit?

Jetzt, wo der Schulstoff voranschreitet, realisieren viele Kinder erst, was sie alles verpasst haben. Das löst ein Gefühl des Ungenügens oder gar Versagensängste aus. Jugendliche, die es vorher schon schwer hatten in der Schule, haben nun noch mehr Angst vor der Zukunft.

Können Sie das erklären?

Versetzen Sie sich in das Leben eines jungen Erwachsenen, der oder die gerade erst ihr Studium an einer höheren Schule begonnen hat und seit eineinhalb Jahren die Mitstudentinnen und Dozenten nur virtuell trifft. Das ist doch gravierend. Normalität muss man erst wieder erlernen. Andere Jugendliche wiederum wollten eine Lehrstelle finden, was pandemiebedingt nicht möglich war, Schnuppern kann man eben nicht virtuell. So wählen wohl viele das 10. Schuljahr. Die Problematik wird aber dadurch nicht gelöst, sondern nur vertagt.

Wie erleben Sie das in Ihrer Praxis?

Schüler, die bereits vor der Pandemie eher knapp und/oder schulmüde waren, sind es nun noch mehr. Ich höre oft den Satz: «Corona ist doof.» Fast alle Kinder haben eine grosse Lückenlast. Jede neuerliche Quarantäne, jeder zusätzliche Unterrichtsausfall verschlimmert diese Situation.

Was ist mit den Eltern?

Viele Mütter und Väter haben wirtschaftliche Sorgen, Angst vor Arbeitsplatzverlust oder sind bereits arbeitslos. Andere sind ausgebrannt. Sehr viele machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder, besonders wenn diese schon etwas älter sind. Das alles zusammen ist eine sehr grosse Belastung.

Inwiefern belastet Fernunterricht die Eltern?

Besonders bei Müttern hat Homeschooling und Fernunterricht Gefühle der Verzweiflung aufkommen lassen. Viele hatten bereits in der ersten Welle Mühe, ihrem Kind die nötige Unterstützung zu bieten. Primarschulkinder haben oft gewechselt zwischen Präsenzunterricht und Homeschooling. Jede Quarantäne verschlimmert die Situation. Immer sind es die Eltern und sehr oft die Mütter, die solche Situationen auffangen müssen.

1 Kommentar

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Von Anja am 08.06.2021 18:36

Wir haben einen Drittklässler zu Hause. Die Himeschooling-Zeit war echt anstrengend. Aber sonst merkt unser Kind nicht viel von den Einschränkungen. Er beschwert sich nur, wenn sich andere Erwachsene und Kinder sich über Corona-Massnahmen beschweren.

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