«Programmieren, so wichtig wie schreiben und lesen»
Schule
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Nun ist das Fach Programmieren auch im Lehrplan 21 verankert. Das wird Sie freuen.

Nur zum Teil. Die Informatikinhalte sind zwar im Lehrplan 21 vorhanden, aber zusammengepackt mit Medienbildung und ICT. Es besteht die Gefahr, dass eine falsch verstandene Art von Informatik in den Lehrplan implementiert wird. Was die EDK als Schulfach «Medien und Informatik» bezeichnet, ist ein Mix aus Medienkunde, Anwenderwissen und Informatik.

Was heisst das für die Praxis?

Die meisten Dozenten an pädagogischen Hochschulen sind keine ausgebildeten Informatiker, sondern Professoren, die Medienkunde studiert haben. Sie fokussieren sich darum nur auf das Reflektieren und auf die Nutzung der modernen Kommunikationstechnologien sowie das Gestalten eigener medialer Auftritte. Der Umgang mit Facebook oder Excel-Kenntnisse haben aber mit echtem Informatikunterricht ungefähr so viel zu tun wie Autofahren mit Maschinenbau. Wenn also die Dozenten der Medienkunde den Informatikunterricht übernehmen würden, und so sieht es in einigen Kantonen derzeit aus, dann käme kein echter Informatikunterricht zustande.
2005 gründete Prof. Dr. Juraj Hromkovic an der ETH das Ausbildungs- und Beratungszentrum ABZ für Informatik. Zu den bekanntesten Projekten gehört der Programmierunterricht «Primalogo» für Primarschüler.
2005 gründete Prof. Dr. Juraj Hromkovic an der ETH das Ausbildungs- und Beratungszentrum ABZ für Informatik. Zu den bekanntesten Projekten gehört der Programmierunterricht «Primalogo» für Primarschüler.

Sie kritisieren die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK, dass beim Lehrplan 21 bei der Konzipierung eines Unterrichtsfachs Informatik Fachleute ausgeschlossen waren.

Beim Entwurf des Lehrplans 21 wurden nicht im notwendigen Mass Fachleute von Universitäten und ETH beigezogen. In der Kommission für Mathematik sass kein einziger diplomierter Mathematiker, nur Beamte und Didaktiker. Dasselbe bei den Informatikern, bis ich dazugestossen bin. Wenn in den Kommissionen keine Experten sitzen, kann auch keine Vision mit tieferen Zusammenhängen entstehen.

Im Rahmen des Programms «Primalogo» werden aber auch Lehrpersonen darin ausgebildet, Programmieren zu vermitteln.

Die ETH ist nicht in der Lage, die Anzahl an Primarlehrpersonen auszubilden, die es braucht, um den Bedarf zu decken. Ich denke auch, dass es nicht unsere Aufgabe ist, dies zu leisten. Das Ziel der Projekte des ABZ ist es primär, pädagogische Hochschulen zu motivieren, im Fach Informatik auf hohem Niveau auszubilden. In den USA, Grossbritannien und Frankreich hat man Informatik von Medienbildung getrennt und ICT als eigenes Schulfach eingeführt. Und in Osteuropa pflegt man die Informatik seit mehreren Jahrzehnten als hochangesehenes Fach. Wenn wir also in der Schweiz über die Einführung des Schulfachs sprechen, geht es nicht darum, eine Vorreiterrolle einzunehmen, sondern einem schon fahrenden Zug nicht mehr hinterherzulaufen.
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Welche Erfahrungen machen Sie mit den Lehrpersonen, die zu Ihnen in die Kurse kommen? Als Erwachsener das Programmieren zu lernen, ist sicher schwieriger.

Dem möchte ich gerne widersprechen. Wir hatten im Rahmen unserer ABZ-Programmierausbildungen viele Erwachsene und sogar Rentner, die trotz bisherigen frustrierenden Erfahrungen mit dem Programmieren eine Begeisterung für diese Tätigkeit entwickelt haben. Der Einstieg ins Programmieren ist auch für Erwachsene nicht so schwierig, wenn man es richtig gestaltet. Aber eben, dazu braucht es geschulte Informatiker, die darin ausgebildet wurden, dieses Fach richtig zu vermitteln.


*ICT: Information and Communication Technology oder zu Deutsch IKT (Informations- und Kommunikationstechnologie) umfasst Computer, Handy und das Internet sowie das Wissen um deren Anwendung.

Dieser Beitrag wurde am 18. April 2018 aktualisiert.

Info-Box

MINT-Lernzentrum

Das Ziel des MINT-Lernzentrums der ETH Zürich ist es, das schulische Lernangebot in den MINT-Bereichen nachhaltig zu optimieren. MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Das MINT-Lernzentrum ist Teil des ETH-Kompetenzzentrums für Lehren und Lernen, EducETH. Im MINT-Lernzentrum entwickeln Lehr- und Lernforscherinnen und Lehr- und Lehrforscher gemeinsam mit erfahrenen Gymnasiallehrpersonen Unterrichtseinheiten zu zentralen Themen der Schulfächer Biologie, Chemie, Mathematik und Physik.

Website: www.educ.ethz.ch/lernzentren

«Primalogo»

«Primalogo» führt Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen in die Welt der Informatik ein. Mit Hilfe der kindergerechten Programmiersprache Logo werden die Grundlagen für eine Informatikbildung gelegt. Lehrpersonen der 5. bis 7. Primarklasse lernen, wie sie in ihren Klassenunterricht Logo-Unterrichtseinheiten einbauen und ihrer Klasse erste Erfahrungen im Entwickeln von Programmen vermitteln können. Das Projekt wird zurzeit von der Hasler Stiftung unterstützt. Die Finanzierung ist nur noch bis Herbst 2017 gesichert.

Websites: www.primalogo.ch und www.abz.inf.ethz.ch/primalogo-kurse

EDK 

Die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) ist der Zusammenschluss der 26 kantonalen Regierungsmitglieder der Schweiz, die für Erziehung, Bildung, Kultur und Sport verantwortlich sind. Das Fürstentum Liechtenstein ist ständiger Gast der Konferenz mit beratender Stimme. 

Mehr zum Thema:


Zur Person:

Juraj Hromkovic ist Experte für theoretische Informatik. Seit 2004 ist er als Professor an der ETH für die Ausbildung von Informatiklehrern verantwortlich. 2005 gründet Hromkovic an der ETH das Ausbildungs- und Beratungszentrum ABZ für Informatik. Zu den bekanntesten Projekten gehört der Programmierunterricht «Primalogo» für Primarschüler, an dem bislang mehr als 100 Schulen mit über 3000 Schülerinnen und Schülern in der Deutschschweiz teilgenommen haben. Website: www.abz.inf.ethz.ch

Zur Autorin:

<div><strong>Irena Ristic</strong> ist Online-Redaktorin beim ElternMagazin Fritz+Fränzi. Sie betreut die Webseite <a href="https://fritzundfraenzi.ch">www.fritzundfraenzi.ch</a></div>
Irena Ristic ist Online-Redaktorin beim ElternMagazin Fritz+Fränzi. Sie betreut die Webseite www.fritzundfraenzi.ch

2 Kommentare

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Von Petra am 12.07.2017 23:19

Sehr guter Bericht auf den Punkt gebracht.
An unserer Schule wird ebenfalls dieser Ansatz verfolgt. Mit den Raspbotics Lernboards gehen SchülerInnen mit Spaß und Motivation ans Programmieren mit Scratch. Taster, Joystick, LEDs und zahlreiche Sensoren machen selbst programmierte Spiele noch realistischer, wobei die Schulstunden im Flug vergehen.

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Von Madeleine am 16.04.2017 19:45

Ein absolut toller Beitrag und so wichtig wie noch nie. Die jungen Menschen müssen vorbereitet werden auf das, was uns erwartet in Zukunft.

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