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Schule

Hochbegabt – na und?

Im Atelier Plus in Arth-Goldau SZ werden hochbegabte Schüler unterrichtet. Sie sind intelligent, wissbegierig und kontaktfreudig – aber vor allem sind sie ganz normale Kinder. Ein Unterrichtsbesuch.
Text: Matthias von Wartburg
Fotos: Gabi Vogt / 13 Photo
Schulhaus Sonnegg, erster Stock. An der Tür des Ateliers Plus streckt einem Albert Einstein die Zunge entgegen. «Er erforschte die Zeit und den Raum», steht unter der Bleistiftzeichnung geschrieben. Wer den Raum betritt, sieht acht weisse Labormäntelchen an einer Kleiderstange. Auf dem Labortisch stehen Reagenzgläser, Trichter, Flaschen, Pipetten und Petrischalen. Im hinteren Bereich des Zimmers steht ein Aquarium. Die Schülerpulte sind zu vier Arbeitsstationen zusammengestellt. Darauf Laptops, Mikroskope und Lupen. Hier im Atelier Plus werden hochbegabte Kinder gefördert. Jede Woche verlassen sie an einem Vormittag ihre Regelklasse, streifen die Labormäntel über und werden zu kleinen Forscherinnen und Forschern. Das Förderprogramm besteht seit zehn Jahren. Es ist ein Pionierprojekt.
Experten schätzen, dass in der Schweiz 10 bis 15 Prozent der Kinder hochbegabt sind und gefördert werden sollten.
08.01 Uhr, die ersten Schüler betreten den Raum. Jonas, elf Jahre alt, packt seinen Zauberwürfel mit den verschiedenfarbigen Flächen aus, drehen, schrauben, drehen, schrauben, kurzes Innehalten – drehen, schrauben. «Ich kann ihn in 38 Sekunden lösen. Der Weltrekord liegt bei 4 Sekunden.» Jonas will einen neuen Zauberwürfel entwickeln. «Dafür werde ich das System eines älteren Würfels mit dem Innenleben des neusten Exemplars kombinieren.» Hochbegabte Kinder als solche überhaupt zu erkennen, ist die grosse Herausforderung. Noch vor zehn Jahren galt die Prämisse: Ab einem IQ von 130 gilt ein Kind als hochbegabt. «Von dieser Definition sind wir längst abgekommen», sagt Victor Müller-Oppliger. 

«Der klassische IQ-Test greift viel zu kurz»

Der Schweizer Experte in Sachen Hochbegabung leitet den Masterstudiengang Begabungsförderung an der Fachhochschule Nordwestschweiz, bei dem sich aktive Lehrkräfte zum Thema Hochbegabung weiterbilden. «Der klassische IQ-Test greift viel zu kurz. Er verengt die Hochbegabung auf eine akademische Intelligenz. Dabei gibt es zum Beispiel auch musikalische, gestaltende, soziale und kreative Begabungen, die sich mit IQ-Tests nicht erfassen lassen», sagt Müller-Oppliger. Die derzeit in der Wissenschaft anerkannte Definition der Hochbegabung bestehe aus verschiedenen Aspekten: «Hochbegabung wird definiert als Möglichkeit zu Hochleistungen, die im Vergleich zu Gleichaltrigen durch Exzellenz, Seltenheit, Produktivität, Demonstrierbarkeit und besonderen Wert auffallen.»
Die morgendliche Konferenz im Atelier Plus beginnt, die Kinder sprechen mit Lehrer Thomas Berset über den Stand ihrer Forschung. Aktuelles Thema: Salzwasserkrebse. 
Die morgendliche Konferenz im Atelier Plus beginnt, die Kinder sprechen mit Lehrer Thomas Berset über den Stand ihrer Forschung. Aktuelles Thema: Salzwasserkrebse. 
Im Atelier Plus bittet Thomas Berset die Schüler an den Konferenztisch. Als Beobachter erhält man den Eindruck, die Lehrperson spreche zu einer Gymnasialklasse und nicht zu Zweit- bis Fünftklässlern. «Wir sind heute etwas dezimiert. Minus drei. Ein Junge ist krank, zwei sind am Skitag.» Die morgendliche Konferenz beginnt, die Kinder sprechen über den Stand
ihrer Forschung. Der neunjjährige Jeremia untersucht momentan den Körper von Salzwasserkrebsen. Die Tierchen sind nur wenige Millimeter lang. Sie zu untersuchen, braucht Geduld und technische Hilfsmittel. Jeremia präsentiert ein stark vergrössertes Foto. «Ich habe diese Härchen hier entdeckt. Die haben wir vorher noch nie gesehen. Wir vermuten, dass nur die Männchen solche Härchen am Körperende haben.» – «Das wäre natürlich spannend», sagt Karol, 11 Jahre, «das wäre ein weiteres Merkmal für die Geschlechterunterscheidung. » 
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«'Das trau ich mir nicht zu' hab ich von einem hochbegabten Kind noch nie gehört»
Thomas Berset, Lehrer und Biologe
Solche Förderprogramme gibt es längst nicht an jeder Schweizer Schule. Hochbegabte Kinder gibt es aber überall. Der Experte Victor Müller- Oppliger sagt: «Wir gehen davon aus, dass 10 bis 15 Prozent der Kinder das Potenzial hätten, mehr zu leisten. Und diese Kinder sollte man unbedingt fördern.» Dabei sei die Förderung von Hochbegabten in der Schweiz nach wie vor keine Selbstverständlichkeit. «Es ist grobfahrlässig, dass wir nicht besser hinschauen. Es ist problematisch für hochbegabte Kinder, die sich nicht verstanden fühlen und leiden. Und es ist ein Problem für die Volkswirtschaft, denn wir verpassen die Chance, Begabungen zu fördern, auf die unsere Gesellschaft zum Erhalt ihrer Wohlfahrt dringend angewiesen ist.»

Dossier: Hochbegabung

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Als hochbegabt gilt ein Kind, wenn es einen IQ von mehr als 130 Punkten hat. Was bedeutet dies für seine schulische Laufbahn? Und wie muss es gefördert werden? Antworten und ­Hintergründe zum Thema Hochbegabung in unserem grossen Dossier.  

Im Atelier Plus meldet sich der neunjährige Noel zu Wort: «Wir fragten uns: Können die Salzwasserkrebse riechen? Wir haben einen Versuch gemacht, in dem wir acht Krebse und Algenfutter in eine Petrischale gegeben haben. Unsere Vermutung war, dass alle acht zum Futter schwimmen. Das war dann aber nicht der Fall. Wir fanden heraus, dass das Licht einen Einfluss hat. Die Salzwasserkrebse schwimmen weg vom Sonnenlicht.» Noel erhält den Auftrag, das Experiment mit der doppelten Versuchszeit zu wiederholen. «Die Schüler sollen lernen, sich in andere Projekte hineinzudenken und konstruktive Kritik anzubringen. Gleichzeitig lernen die Kinder so, andere Ideen anzunehmen und Kritik zu ertragen. 
«Der grösste Unterschied zum Unterricht in der Regelklasse: Wir haben hier viel mehr Zeit.»
Thomas Berset, Lehrer für hochbegabte Schüler
Heute war es diesbezüglich noch harmlos», sagt Thomas Berset. Berset war ursprünglich Primarlehrer, promovierte später in Biologie und war lange in der Forschung tätig. Warum er beim Atelier Plus arbeitet? «Ich wollte den hochbegabten Kindern die Möglichkeit geben, das naturwissenschaftliche Forschen zu entdecken. Ausserdem betreibe ich Lernforschung und entwickle Lernmittel. Die hochbegabten Kinder sind sozusagen Teil meines Forschungsprojektes. Habe ich eine neue Idee für ein Lernmittel, teste ich sie hier bei meinen Schülern.» Thomas Berset schaut zu, wie Noel mit einer Pipette acht Salzwasserkrebse aus dem Aquarium fischt, um sie später für seinen Test in die Petrischale zu geben. «Ich gebe ihnen Strukturen vor, aber innerhalb dieser Strukturen haben sie alle Freiheiten», sagt die Lehrperson. 

«Der grösste Unterschied zum Unterricht in der Regelklasse ist, dass wir hier viel mehr Zeit haben. Wir können uns viel länger einem Thema widmen. Dieses Setting lässt es auch zu, dass die Kinder Misserfolge haben, dass sie mit ihrer Forschung in eine Sackgasse geraten. Solche Prozesse brauchen Zeit, sind aber enorm lehrreich.» Hinter all dem steht für Thomas Berset ein Ziel: «Im Grunde geht es darum, die hochbegabten Kinder anzustacheln und für die Welt der Wissenschaft zu begeistern.» Derweil werkeln die Schüler im Atelier Plus in Zweierteams an ihren Aufgaben. Es sind ausschliesslich Knaben. Das einzige Mädchen ist heute am Skitag. Der elfjährige Karol programmiert eine Webseite. Zusammen mit einem anderen Schüler hat er im Tierpark stundenlang die Fütterung von Steinböcken beobachtet und verhaltensbiologisch untersucht. 
«Wir gehen davon aus, dass 10 bis 15 Prozent der Kinder das Potenzial hätten, mehr zu leisten», sagt Victor Müller-Oppliger Experte für Hochbegabung. 
«Wir gehen davon aus, dass 10 bis 15 Prozent der Kinder das Potenzial hätten, mehr zu leisten», sagt Victor Müller-Oppliger Experte für Hochbegabung. 
Wer darf zuerst zum Futter? Wer hat am meisten Rechte in der Gruppe? Aus den Erkenntnissen haben die Schüler einen Fragebogen erstellt. Künftig können Schüler im Tierpark via Smartphone die Webseite von Karol aufrufen und so ein interaktives Lehrmittel nützen. Für die Schüler sei es enorm wichtig, dass ihre Forschung produktorientiert sei, sagt Thomas Berset: «Forschung kann man nicht im kleinen Kämmerlein machen. Letztes Jahr hielten meine Schüler zum Beispiel einen grossen Vortrag an der Uni Freiburg.» Aber auch Berset selbst hat den Anspruch, dass sein Unterricht Produkte erzeugt. Aus den Experimenten seiner Schüler entstehen immer wieder ganze Forschungskisten für Regelklassen. 

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