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Schule

Hochbegabung: Eine Diagnose zum Fürchten?

Das Thema Hochbegabung ist in der Schweiz noch immer ein Tabu. Darunter leiden Eltern und Kinder, sagt Giselle Reimann. Sie führt an der Uni Basel Abklärungen von Hochbegabten durch. 
Interview: Matthias von Wartburg
Fotos: Gabi Vogt / 13 Photo

Frau Reimann, wie merke ich, dass mein Kind hochbegabt ist?

Sehr häufig haben hochbegabte Kinder einen enormen Wissensdurst. Sie interessieren sich sehr stark für verschiedene Themen. Sie haben auch eine sehr gute Auffassungsgabe und können erstaunlich schnell Schlüsse ziehen. Es gibt aber auch hochbegabte Kinder, die nach aussen sehr langsam wirken. Weil sie sehr viel denken und viel überlegen, bevor sie überhaupt etwas sagen.

Es ist also gar nicht so einfach, Hochbegabung zweifelsfrei zu erkennen? 

Nein, gerade bei den sogenannten Minderleistern, bei Kindern, die ihr Potenzial nicht zeigen, keine guten Noten schreiben, sich im Unterricht nicht melden, ist es teilweise nicht auf den ersten Blick erkennbar, dass sie hochbegabt sind.

Wie schlimm ist es, wenn hochbegabte Kinder nicht als solche erkannt werden? 

Das kann problematisch sein. Bei uns landen häufig Familien, bei denen dies zu Schwierigkeiten geführt hat. Wenn ein Kind permanent auf einem Niveau arbeitet, das eigentlich viel zu tief ist, kann es überhaupt nicht stolz sein auf das, was es macht, dann ist es einfach gelangweilt und auch enttäuscht von den eigenen Leistungen. Das kann sich negativ auf den Selbstwert auswirken, und in den schlimmen Fällen können ernsthafte psychische Probleme oder Verhaltensauffälligkeiten entstehen. 
Viele Eltern fürchten sich vor der Diagnose «hochbegabt»

Sollen Kinder also im Zweifelsfall immer abgeklärt werden?

Es braucht nicht immer eine Abklärung. Aber wenn ein Leidensdruck da ist, würde ich das sehr empfehlen. Eine sorgfältige Abklärung kann viele Fragen der Eltern beantworten und vor allem dann auch Lösungsmöglichkeiten aufzeigen, um die Situation zu entschärfen.
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Wie reagieren Eltern auf die Diagnose «hochbegabt»? 

Viele glauben, dass Eltern zu einer Abklärung kommen und beweisen wollen, dass ihr Kind hochbegabt ist, und dann ganz stolz sind. Tatsächlich fürchten sich aber die allermeisten vor dieser Diagnose. Sie haben Angst vor dem Stigma, das sie als Eltern bekommen könnten,
wenn sie zum Beispiel an die Schule gelangen und sagen: «Mein Kind hat eine hohe Begabung und braucht eine spezielle Förderung.» Es ist wirklich immer noch ein Tabu. Einzelne Eltern halten die Diagnose dann auch geheim. Sie machen zwar eine Abklärung, behalten das Resultat aber für sich.

So etwas machen Eltern?

Ja, das passiert. Ich bedauere das sehr. Bei einer Abklärung geht es schliesslich nicht nur darum, die Hochbegabung festzustellen, sondern vor allem darum, herauszufinden, wie der Alltag des Kindes verbessert werden kann. Es wird geschaut, welche individuellen Lösungen es gibt, die zur Familie passen. Die müssen dann aber umgesetzt werden, sonst bringt eine Abklärung wenig. Auch muss man aufpassen, dass bei der Familie kein «fixed mindset» entsteht, also kein Glaube, dass die hohen Begabungen sich nun ohne jede Anstrengung in hohen Leistungen zeigen müssen.
«Hochbegabte Kinder kommen sozial und emotional meist sehr gut zurecht.»

Haben wir Schweizer ein Problem mit herausragenden Leistungen? Sind wir lieber Durchschnitt? 

Durchaus. Viel Forschung zum Thema Hochbegabung kommt aus dem amerikanischen Raum, und dort ist es viel selbstverständlicher, dass Leistungen nach oben ausschlagen. Bei uns sieht man das halt nicht so gerne. In der Schweiz möchte man, dass alle gleich behandelt werden. Das ist im Prinzip ja auch ein schöner Gedanke, aber so wird man nicht allen gerecht.

Es gibt den Mythos, dass Hochbegabte intellektuell stark, jedoch sozial schwach sind. Was spielen solche Vorurteile für eine Rolle im Umgang mit dem Thema? 

Die spielen eine grosse Rolle. Gerade dieser Mythos hält sich tatsächlich sehr hartnäckig. Den höre ich immer wieder von Eltern, von Lehrpersonen und auch von Kindern selber. Aber das ist wissenschaftlich widerlegt. Es hat sich gezeigt, dass hochbegabte Kinder sozial und emotional meist sehr gut zurechtkommen. Es ist aber so, dass ein Kind, das lange in einer unpassenden Umgebung ist, emotionale Probleme entwickeln kann. Das kann zum Beispiel passieren, wenn es nicht gut gefördert wird oder wenn es von anderen Kindern wegen der Hochbegabung abgewiesen wird.

Zur Person:

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Giselle Reimann ist stellvertretende Leiterin des Zentrums für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie an der   Universität Basel. Sie ist unter anderem auf die Abklärung und Beratung von Hochbegabten spezialisiert.

Weiterlesen:
Wie sieht Förderunterricht für Hochbegabte aus? Wir haben eine Schule in Arth-Goldau besucht und zugeschaut. Die Reportage finden Sie in unserer April-Ausgabe. 

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