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Schule

Herr Lembke, können Computer motivieren?

Computer würde Professor Gerald Lembke am liebsten aus der Primarstufe verbannen. Warum? Das erklärt der Autor des Buches «Die Lüge der digitalen Bildung» im Interview.
Interview: Fabian Grolimund
Foto: 
Salvatore Vinci/ 13 Photo
Herr Lembke, wie sehen Sie den Einsatz digitaler Medien in der Grundschule?

Ich halte den Einsatz digitaler Medien bis zur 5. Klasse nicht für sinnvoll. Danach ist er nur fächerübergreifend und nur mit passenden Rahmenbedingungen und hinreichend pädagogischem Personal zielführend. Ich plädiere in den jungen Klassen für mehr digitalfreie Oasen, denn je später Computer in den Schulen eingesetzt werden, umso früher erlernen unsere Kinder die Kompetenz für den zielgerichteten Einsatz und die Produktion digitaler Medien.

Dabei haben digitale Lernmedien doch Vorteile: Sie passen sich an den Leistungsstand eines Kindes an und unterstützen so besonders die schwachen und die sehr starken Schüler, heisst es.

Das funktioniert nur, wenn Schüler selbständig und zielorientiert mit digitalen Medien umgehen können. Schulanfänger sind dazu nicht in der Lage. Im späteren Alter, ab dem zehnten bis zwölften Lebensjahr, macht es auch nur dann Sinn, wenn der Lernprozess durch einen Pädagogen begleitet wird, und dieser die Schüler mit digitalen Endgeräten nicht alleine lässt.
Beim Lernen mit digitalen Medien erhalten Schüler auch ein rasches Feedback, gleichzeitig wird die Wiederholung des Lernstoffes durch einen Algorithmus garantiert. Macht dies das Lernen nicht effektiver?

Ich bin überzeugt, dass Lernmotivation in jungen Jahren nicht durch eine Maschine, sondern durch einen Pädagogen gefördert werden sollte. Ich schätze den Gedanken als fatal ein, dass Software-Algorithmen den Lernprozess durch Wiederholungen oder stetiges Feedback effizienter machen. Denn Lernen benötigt eine intrinsische Motivation, Zeit und Raum. Dies mit Technologie zu substituieren in der Erwartung, schneller bessere Lerneffekte zu erzielen, ist ein Mythos, der bis heute wissenschaftlich nicht aufgeklärt ist.

Vor dem Computer blamiert man sich nicht und er wertet die Ergebnisse ohne Sympathiebonus aus. Das kann doch auch eine Chance für zurückhaltende Schüler sein, die sich sonst eher gar nicht am Unterricht beteiligen ...

Beobachtungen, dass introvertierte Schüler durch digitalorientiertes Lernen eher aktiviert werden, stimmen in Einzelfällen. Sie sind aber nicht repräsentativ belegt. Daher kann dies als Argument für einen flächendeckenden Einsatz von Lerncomputern in niedrigen Schulen nicht Stand halten.

Die meisten Schülerinnen und Schüler nutzen zu Hause bereits einen Laptop. Dabei zeigt sich immer wieder: Wer das Zehnfingersystem nicht von Beginn an lernt, gewöhnt sich meist ein eigenes, ungünstigeres Tippsystem an und bleibt dabei. Spricht das nicht dafür, den Schülern das Tippen von Anfang an zu vermitteln?

Kinder im Grundschulalter sollten zunächst lernen, handschriftlich fehlerfrei zu schreiben und sich über die Schrift auszudrücken. Eine Substitution des Handschreibens mit technischen Tastaturen fördert dies nicht, ganz im Gegenteil: Ausländische Studien zeigen, dass der Einsatz von Tablets in Grundschulen die Fähigkeit des Schreibens geschädigt hat.

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Gerald Lembke
Prof., leitet den Studiengang für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Mannheim. Er ist Autor mehrerer Bücher zum Thema Medien. In seinem Buch «Die Lüge der digitalen Bildung: Warum unsere Kinder das Lernen verlernen» setzt er sich mit den negativen Folgen kindlichen Medienkonsums auseinander.

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