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Schule

Frau Jensen, wie baut man eine gute Beziehung zum Kind auf?

Ob mit Eltern oder Lehrpersonen: Lernen erfolgt in Beziehungen, sagt Helle Jensen. Die dänische Psychologin und Co-Autorin von Jesper Juul über natürliche Autoritäten, zu volle Familienagenden und die Bedeutung von Achtsamkeit und Authentizität.
Interview: Evelin Hartmann
Bilder: Paolo Dutto / 13 Photo 
Helle Jensen kommt soeben von einem  Seminar für Lehr- und andere Fach­personen, das sie leitete («Intelligenz des Herzens. Wie Empathie Kinder stark macht»). Es ist Sonntag Morgen, in wenigen Stunden geht ihr Flug. Helle Jensen wirkt in sich ruhend, gelassen, erfahren. «Ich bin gespannt auf ihre Fragen», sagt sie in ihrem Deutsch mit dänischem Akzent und lächelt 

Frau Jensen, Studien zufolge gibt in der Schweiz jede fünfte Lehrperson in den ersten vier Jahren ihren Beruf auf. Woran liegt das?

Ob das wirklich so viele sind, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, weder für die Schweiz noch für Dänemark. Was mir in meiner Berufspraxis aber auffällt, ist eine hohe Frustration, die sich im Laufe ihres Arbeitslebens bei vielen Lehrpersonen aufbaut. 
Helle Jensen ist diplomierte Psychologin und Familientherapeutin. Ihre grosse Erfahrung erarbeitete sie sich über viele Jahre als klinische Psychologin innerhalb des dänischen Schulsystems und in privater Praxis. Zudem war Helle Jensen über lange Zeit Lehrbeauftragte der Kempler-Institute in Dänemark und Norwegen, wo sie für Lehrpersonal und Programm verantwortlich war. Neben der Arbeit in ihrem eigenen Institut gibt sie unter anderem Kurse für Familylab Schweiz. Helle Jensen ist ebenfalls bekannt als Mitautorin von Jesper Juul, dem bekanntesten Familientherapeuten Europas. www.ddif.de/fortbildungsangebote/training-empathie
Helle Jensen ist diplomierte Psychologin und Familientherapeutin. Ihre grosse Erfahrung erarbeitete sie sich über viele Jahre als klinische Psychologin innerhalb des dänischen Schulsystems und in privater Praxis. Zudem war Helle Jensen über lange Zeit Lehrbeauftragte der Kempler-Institute in Dänemark und Norwegen, wo sie für Lehrpersonal und Programm verantwortlich war. Neben der Arbeit in ihrem eigenen Institut gibt sie unter anderem Kurse für Familylab Schweiz. Helle Jensen ist ebenfalls bekannt als Mitautorin von Jesper Juul, dem bekanntesten Familientherapeuten Europas. www.ddif.de/fortbildungsangebote/training-empathie

Worauf führen Sie dies zurück? 

Viele Lehrerinnen und Lehrer berichten heute von grossem Stress und von Burnout. Sie sind nicht bei sich selbst, sondern richten alle Energie nach aussen: darauf, dass Ruhe in der Klasse herrscht, dass alle Kinder, auch diejenigen mit besonderen Bedürfnissen, ihrem Unterricht folgen können. Sie fordern Disziplin und Gehorsam und setzen dabei auf Massnahmen und Methoden, die sie in ihrer eigenen Erziehung durch Eltern und Lehrer erfahren haben. Das funktioniert aber heute nicht mehr. 

Warum ist das so? 

Weil es die Rollenautorität des Lehrerberufes nicht mehr gibt. Kinder folgen einer Person nicht mehr nur aus der Tatsache heraus, dass sie ihr Lehrer ist. Die soziale wie kognitive Entwicklung eines Kindes vollzieht sich in Beziehungen. Daher ist es notwendig, dass eine Lehrperson in Beziehung zum Kind gehen kann, empathisch ist, spürt, wie es ihm geht, was es braucht. 
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Dann folgt ihr das Kind?

Dann hat die Lehrperson eine Situation geschaffen, in der sich das Kind auf ihre Anforderungen einlassen kann.
«Viele Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich hilflos und schieben die Schuld auf die Kinder.»

Wie können Lehrpersonen diese Beziehung aufbauen? 

Lehrerinnen und Lehrer müssen sich erst einmal im Klaren darüber sein, dass sie die Verantwortung für die Beziehung zum jeweiligen Schüler, zur jeweiligen Schülerin tragen. Sie haben als Erwachsene und durch ihre Position an der Schule mehr Macht als die Kinder und Jugendlichen. Aber es kann schwierig sein, sich dieser Verantwortung zu stellen. Viele Lehrer fühlen sich tatsächlich hilflos und schieben die Schuld auf die Kinder, wenn die Stimmung in der Klasse schlecht ist oder es Konflikte gibt. 

Was raten Sie in solchen Fällen? 

Oftmals ist es regelrecht zu sehen, wie eine Lehrperson in Konfliktmomenten aus der Balance gerät. Der Atem wird unregelmässig, vielleicht steht sie auch nicht mehr so stabil. Sie verliert den Kontakt zu sich selbst. Wenn die Lehrperson wieder in die Balance kommt, wird sich auch das Kind anders verhalten.

Können Sie ein Beispiel aus Ihrer Beratungspraxis schildern? 

Da ist ein Bub, 5. Klasse. Seine Lehrerin hat für diese Stunde Gruppenarbeit angesetzt, weiss aber, dass der Schüler sich schwertut mit dieser Form des Unterrichts. Daher hat sie ihn einer Mädchengruppe zugeteilt, von der sie denkt, dass der Bub gut mit ihr zurechtkommt.

Aber der Plan der Lehrerin geht nicht auf? 

Der Schüler steht ständig auf, spitzt seinen Bleistift, holt sich etwas zu trinken. Die Lehrerin bittet ihn wieder­holt, mit der Aufgabe zu beginnen. Dann geht der Bub Richtung Tür, sagt, er müsse aufs WC. «Nein», antwortet die Lehrerin, «die Stunde ist in drei Minuten vorbei, du kannst warten.» Da bekommt er Panik, packt die Lehrerin an den Schultern, schiebt sie zur Seite und rennt aus dem Klassenzimmer.

Haben Sie anschliessend mit der Lehrerin gesprochen? 

Ja, im Rahmen einer Supervisionsstunde. Sie war ratlos, fühlte sich als schlechte Lehrerin, ihre Autorität war beschädigt. Sie wollte von mir wissen, wie sie solch eine Situation das nächste Mal anders lösen kann. 

Und wie? 

Ich wollte erst einmal wissen, wie es für sie selbst war, wie sie diese Stunde empfunden hat. Oft ist es so, dass wir nur auf das Kind schauen: Was hat das Kind gemacht? Wie hat es sich verhalten? Was braucht er oder sie? Aber ich möchte erst einmal über die erwachsene Person und ihre Gefühle sprechen. 


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