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Schule

Dicke Luft im Klassenzimmer

Für eine Studie begleitete ein Arzt drei Lehrpersonen während ihrer Arbeit. Ziel war es, die Lehrtätigkeit und den Arbeitsplatz aus Sicht der Arbeitsmedizin und -psychologie zu beobachten und zu beschreiben. Die Resultate sind beunruhigend.
Text: Franziska Peterhans
Um es vorwegzunehmen: Eltern wissen es genauso wie die BetreuerInnen in Kindertagesstätten: Das Zusammensein mit Kindern ist bereichernd und beglückend, aber
auch fordernd und anstrengend. Genauso ist es für die Lehrerinnen und Lehrer. Doch wie sieht das aus Sicht eines Mediziners aus? Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz
(LCH) hat die Arbeitsbelastung von Lehrpersonen durch das Institut für Arbeitsmedizin ifa beobachten und messen lassen. Die Ergebnisse wurden mit Vorgaben des Arbeitsgesetzes
sowie der für alle Berufe geltenden Bau- und Gesundheitsnormen verglichen. Die Untersuchung zeigte, dass der Lehrberuf eine Vielzahl von psychosozialen Belastungen aufweist und die Arbeitsräume teils erhebliche Mängel aufweisen.

Zu kurze Pausen und mangelnde Rückzugsmöglichkeiten

Was verursacht also konkret Stress und Belastung bei Lehrerinnen und Lehrern? Die Ergebnisse zeigen deutlich: Psychosoziale Faktoren wie die Häufigkeit der Interaktion zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern, die fehlenden oder zu kurzen Pausen, die mangelhaften Rückzugsmöglichkeiten und die ständige Erreichbarkeit machen
den Lehrberuf anstrengend und belasten die Lehrerinnen und Lehrer teilweise sehr.

So notierten die Fachpersonen des Instituts für Arbeitsmedizin ifa in Baden bei einer Kindergartenlehrperson während ihrer Arbeit über 200 Interaktionen pro Stunde.
Gleich hohe oder höhere Werte erzielen nur wenige Berufsleute, so etwa der Billettkontrolleur im Zug oder die Angestellte eines Takeaway- Stands zu Stosszeiten. Die Interaktionen
bei diesen Berufen sind jedoch bei Weitem nicht so komplex. Interessant ist auch der Unterschied, wenn nur die halbe Klasse anwesend ist: Die Interaktionen halbieren
sich nicht, sondern sind mit 70 deutlich geringer als die Hälfte.
Keine Pause: Gerade im Kindergarten müssen Kinder durchgehend beaufsichtigt sein.
Mit mehr als einer Kontaktaufnahme pro Minute ist die Interaktionsdichte zwar nach wie vor beachtlich, aber deutlich geringer als bei vollzähliger Klasse. Im Englischunterricht in einer Primarklasse wurden sogar 276 Interaktionen pro Stunde gemessen. Nicht verwunderlich, ist
doch der Fremdsprachenunterricht an der Primarschule stark auf das Mündliche ausgerichtet.
Auch wenn es unzählige Witze über Lehrer und ihre vielen Pausen gibt: Gerade für Lehrpersonen sind erholsame Pausen während der Unterrichtstage rar.

Rückzugsmöglichkeiten sind oft gar nicht gegeben. Gerade im Kindergarten müssen die
Kinder meist durchgehend und pausenlos beaufsichtigt sein, auch während dem Znüni.
Darum sind «Znünipausen» sicher keine Pausen für Kindergartenlehrpersonen. Bei einem derart intensiven Arbeitsalltag wären aber ein kurzer Gang nach draussen und die Möglichkeit, sich kurz zurückzuziehen, unabdingbar. Andernfalls entstehe eine ungünstige und ermüdende Dauerbelastung im Arbeitsleben, erklären die Arbeitsmediziner. 

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