Was tun, wenn das Kind auf dem Schulplatz geprügelt hat? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Was tun, wenn das Kind auf dem Schulplatz geprügelt hat?

Lesedauer: 4 Minuten

Die Mutter von Tobias zuckt zusammen, als sie die Nummer der Lehrerin auf dem Display sieht: «Ja? … Oh nein, nicht schon wieder! Wie gehts dem anderen Jungen?» Fabian Grolimund gibt Eltern Tipps: So reagieren Sie, wenn Ihr eigenes Kind in eine Rauferei involviert ist …

Text: Fabian Grolimund

Meiner Meinung nach darf eine Prügelei ruhig ab und zu vorkommen. Ich kann mich gut daran erinnern, dass die eine oder andere Rauferei unser Schülerleben auch aufgepeppt hat. Wichtig finde ich, dass es dabei fair zugeht, Regeln eingehalten werden – insbesondere keine Schläge ins Gesicht, und der Kampf wird sofort abgebrochen, wenn einer aufgibt. Auch sollte kein systematisches Mobbing dahinterstehen.

Wann sollen Eltern reagieren?

Wenn ein Kind seine Gefühle jedoch überhaupt nicht im Griff hat, immer wieder und aus nichtigen Anlässen heraus explodiert und unkontrolliert zuschlägt, müssen Eltern und Lehrpersonen reagieren.

Impulsiven Kindern fällt es schwer, in intensiven Situationen die Kontrolle zurückzugewinnen.

Dem Zuschlagen geht meist ein Gefühl intensiver Wut voraus. In diesem Zustand sind wir kaum fähig, vernünftig zu handeln. Das Adrenalin pumpt durch die Venen, das Herz hämmert, es wird einem fast schwindlig, und der Kopf schaltet sich aus. Gerade impulsiven Kindern gelingt es nicht, in dieser Situation die Kontrolle zurückzugewinnen, den ersten Impuls zu unterdrücken und den Kopf wieder einzuschalten. Diese Fähigkeit kann aber ein Stück weit trainiert werden.

«Warum hast du das getan?», ist meist die erste Frage, die wir einem Kind stellen, wenn es zugeschlagen hat. Darauf ernten wir lange Recht­fertigungen, unverständliches Genuschel oder halbherzige Ent­schuldigungen. Nichts davon trägt dazu bei, dass sich ein Kind das nächste Mal anders verhält. Die spannendere Frage lautet: Wie könnte es dem Kind das nächste Mal gelingen, nicht zuzuschlagen?

Es braucht eine Alternative!

Als Eltern oder Lehrperson können Sie einiges unternehmen, um das Kind in diese Richtung zu unterstützen. Arbeiten Sie mit ihm an einer Alternative:

  • Wenn das Kind nicht zuschlagen darf, benötigt es eine andere Mög­lichkeit! Wie soll oder kann es beispielsweise reagieren, wenn es von anderen provoziert wird? Wenn ich Eltern oder Lehrperso­nen diese Frage stelle, wird es meist für einen Moment ruhig. Es ist gar nicht so einfach, anders zu reagieren. Viele Lösungen wie «Sag es der Lehrerin» oder «Dreh dich um und geh weg» sind für Kinder gänzlich unattraktiv. Schliesslich will man kein Verräter und kein Feigling sein.
  • Suchen Sie gemeinsam mit dem Kind nach Alternativen – und zwar so lange, bis eine Lösung gefunden wird, die das Kind gerne ausprobieren möchte. Oft ist es hilfreich, wenn die Kinder ihrer Wut Ausdruck verleihen dürfen, bevor sie sich umdrehen. Bei­spielsweise: Ich sage zum anderen Kind: «Du nervst mich, du Depp! Mit dir rede ich heute nicht mehr!» – dann drehe ich mich um und gehe. Oder: «Du bist es nicht wert, dass ich dir eine reinhaue – am Ende mache ich mir noch die Hände dreckig und muss nach­sitzen!» Der Pausenplatz kann ein ziemlich raues Pflaster sein. Oft wissen die Kinder besser als die Eltern, welche Möglichkeiten noch angemessen sind – und womit man den Respekt seiner Klassenkollegen verliert und sich erst recht zur Zielscheibe macht.
  •  Wenn das Kind weiss, wie es reagieren möchte, kann die neue Reaktion vorbereitet werden. Zur Vorbereitung kann überlegt wer­den, was das Kind zu sich selbst sagen kann, um sich abzukühlen. Zum Beispiel, wenn es immer vom gleichen Klassenkameraden gehänselt wird: «Tobias, du kennst das – jetzt heisst es cool bleiben. Denk dran: Du lässt es nicht zu, dass du wegen diesem Idioten wieder nachsitzen musst.» Gerade bei Jungs ist es hilfreich, wenn sie sich selbst als cool sehen können.
  • Dem Kind wird es eher gelingen umzusetzen, was es sich vorge­nommen hat, wenn es vorher ein wenig übt. So könnte es in der Vorstellung die brenzlige Situa­tion durchgehen. Oder Sie als Elternteil übernehmen die Rolle des anderen Kindes und provozie­ren, was das Zeug hält, während Ihr Kind sich bemüht, cool zu bleiben.
  • Zu Beginn einer Veränderung ist es hilfreich, wenn das Kind regel­mässig an sein Ziel erinnert wird. So könnten die Eltern morgens Tobias ermutigen, indem sie etwas sagen wie: «Ich bin gespannt, ob du es heute schaffst, in der Pause cool zu bleiben.» Die Lehrerin könnte ihn weiter bekräftigen, indem sie ihm vor der Pause mit einem geheimen Zeichen signali­siert: «Ich glaube, dass du es heu­te schaffst!»

Ein Lob auf das Coolbleiben

Ist das Kind motiviert, cool zu blei­ben, und hat es sich auf die typischen brenzligen Situationen vorbereitet, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es sich beherrschen kann. Jetzt ist es wichtig, dass seine Anstrengungen gesehen werden. Meist reagieren wir Erwachsenen gerade bei Gewalt nur auf Übertretungen.

Sehr impulsive Kinder wie Tobias benötigen jedoch eine Lehrerin und Eltern, die ihre Bemühungen sehen und darauf reagieren. Vielleicht mit einem aner­kennenden Nicken, wenn Tobias sich umdreht. Vielleicht mit einer Frage wie: «Hey …ich habe gerade mitbekommen, was Roger zu dir gesagt hat. Du bist ja total cool geblieben. Wie hast du das geschafft?»

Erzählen Sie Ihrem Kind, wie wütend Sie gewisse Personen machen.

Kinder werden hellhörig, wenn Eltern von sich erzählen. Haben Sie einen Kollegen, der Sie zur Weiss­glut treibt? Erzählen Sie Ihrem Kind davon, wie wütend Sie diese Person macht. Und wie Sie es schaffen, sich trotzdem zu beherrschen.

Das Cooles-Training im Überblick

  1. Zeigen Sie Verständnis für die Gefühle des Kindes, aber nicht für seine Reaktion.
  2. Erarbeiten Sie mit ihm eine gewaltlose Alternative, die ihm gefällt.
  3. Überlegen Sie gemeinsam mit dem Kind, was es zu sich sagen könnte, um ruhig zu bleiben.
  4. Üben Sie – in der Vorstellung oder im Rollenspiel – die neue Reaktion und feilen Sie daran, bis sich das Kind sicher fühlt.
  5. Erinnern Sie das Kind an sein Ziel, sich zu beherrschen.
  6. Zeigen Sie dem Kind Anerkennung, wenn es anders mit der Situation umgehen kann.


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Fabian Grolimund
ist Psychologe und Buchautor. Gemeinsam mit ­Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Er ist verheiratet, Vater eines Sohnes und einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Fribourg.

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