Neues Gesetz zum Unterhalt polarisiert
Familienleben
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Was bedeutet das für die Kinder?

Auch das muss immer wieder einzeln angeschaut werden. Es ist ja auch nicht so, dass Fremdbetreuung für Kinder grundsätzlich schlecht wäre oder dass sie per se darunter leiden, wenn beide Elternteile berufstätig sind. Aber das ist eher ein psychologisches Problem als ein juristisches.

Nach jahrelanger Abwesenheit vom gelernten Job und in einem gewissen Alter ist es schwierig, wieder ­einzusteigen. Was raten Sie Frauen in einem solchen Fall?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele nach einer langen Abwesenheit nicht interessiert daran sind, in ihren ursprünglichen Job zurückzukehren. Sie fassen sehr gern eine Umschulung oder eine neue Ausbildung ins Auge. Bei der Frage der Finanzierung spielen die finanziellen Verhältnisse des Ehemanns eine Rolle. Lassen es diese zu, könnte man sich zum Beispiel auf Unterhaltszahlungen bis zum Ende der Umschulung einigen.

Und wenn das nicht klappt?

Dann kann nach dem bundes­gerichtlichen Entscheid verlangt werden, dass die Ex-Ehefrau zur Überbrückung einen Aushilfsjob annimmt.

Es ist immer wieder von den ­berühmten «besonderen Umständen» die Rede, welche zu Ausnahmen ­führen. Welche könnten das sein?

Wenn zum Beispiel eine Frau ihre Kinder sehr spät bekommen hat, greift eher das Schulstufenmodell als der Grundsatz, dass man mit 45 wieder voll einsteigen kann. Wer ein Kind mit Behinderung hat und deshalb nur eingeschränkt arbeitsfähig ist, wird ebenfalls gesondert beurteilt.
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Kommen wir auf den Fall zurück, um den es beim aktuellen Urteil des ­Bundesgerichts geht: Hätte es für die Frau einen juristischen Trick gegeben, den sie hätte anwenden können, um nicht mehr arbeiten zu müssen?

In meinem Alltag erlebe ich es äusserst selten, dass jemand kein Interesse daran hat, nach einer Trennung wieder zu arbeiten. Den meisten ist es ein Anliegen, auf eigenen Beinen zu stehen. Viele müssen mit dem Umstand klarkommen, dass die bisherige Arbeit der Kindererziehung nicht wertgeschätzt wird und dass der Wiedereinstieg ins Berufsleben langwierig und mühsam sein kann.

Hat das Urteil auch Auswirkungen auf unverheiratete Paare?

Nicht wirklich. Es gibt seit ein paar Jahren den Betreuungsunterhalt, nach welchem Elternteile ohne Betreuungsaufgaben Alimente zahlen. Dieser gilt nach wie vor, deckt aber grundsätzlich nur das Existenzminimum des betreuenden Elternteils.

Würden Sie Paaren, die heute heiraten und eine Familie gründen wollen, zu einem Vertrag raten, der alles regelt?

Ein solcher Vertrag wäre mehr eine Absichtserklärung als eine verbindliche Regelung. Es ist nicht gesagt, dass er zum Zeitpunkt der Scheidung noch seine Gültigkeit hat. Zum Beispiel, wenn einer der Partner dann sehr viel mehr oder weniger verdient, als zum Zeitpunkt, an dem der Vertrag abgeschlossen wurde.

Neue Ehe-Rechtsprechung – darum geht es

Das Bundesgericht hat wichtige Fragen zum Unterhaltsrecht geklärt und teilweise die bisherige Praxis geändert. 

Zum einen hat es die sogenannte «45er-Regel» aufgegeben. Diese besagte, dass einem Ehegatten die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit nicht mehr zuzumuten ist, wenn er während der Ehe nicht berufstätig war und im Zeitpunkt der Aufhebung des gemeinsamen Haushalts beziehungsweise bei der Scheidung das 45. Altersjahr bereits erreicht hat.

Neu ist stets von der Zumutbarkeit einer Erwerbsarbeit auszugehen, soweit eine solche Möglichkeit tatsächlich besteht und keine Hinderungsgründe vorliegen wie namentlich die Betreuung kleiner Kinder. Massgeblich sind die tatsächlichen Verhältnisse des Einzelfalles und damit unter anderem Kriterien wie das Alter, die Gesundheit, bisherige Tätigkeiten, persönliche Flexibilität oder die Lage auf dem Arbeitsmarkt. 

Zum anderen hat das Bundesgericht den Begriff der lebensprägenden Ehe weiterentwickelt, welche im Scheidungsfall einen Anspruch auf Beibehaltung des bisherigen ehelichen Lebensstandards gibt. Bislang wurde eine lebensprägende Ehe bereits nach einer Dauer von zehn Jahren oder – unabhängig davon – bei einem gemeinsamen Kind angenommen. 

Nach der neuen Definition ist eine Ehe dann lebensprägend, wenn ein Ehegatte seine ökonomische Selbständigkeit zugunsten der Haushaltsbesorgung und Kinderbetreuung aufgegeben hat und es ihm deshalb nach langjähriger Ehe nicht mehr möglich ist, an seiner früheren beruflichen Stellung anzuknüpfen, während der andere Ehegatte sich angesichts der ehelichen Aufgabenteilung auf sein berufliches Fortkommen konzentrieren konnte.

Quelle: Bundesgericht, 9. März 2021

Praktische Tipps von Catarina Nägeli

  • Realistisch sein! «Wir trennen uns nie» gibt es nicht! Vor diesem Hintergrund muss man sich bei der Heirat ernsthaft überlegen, was man möchte und wie man sich aufteilt.

  • «Ich würde grundsätzlich allen raten, sich nicht allzu abhängig vom Partner oder von der Partnerin zu machen, wenn das irgendwie drinliegt. Auch wenn man im Moment vielleicht das Gefühl hat, es lohne sich nicht, zu arbeiten – auf lange Sicht wird es auf jeden Fall ein Vorteil sein.»

  • Wenn man sich trotzdem für das traditionelle Modell ­entscheiden möchte: «Ganz aus dem Berufsleben aus­zusteigen, ist meiner Meinung nach die schlechteste Option. Vielleicht kann man ja mit einem Fuss in der Tür bleiben. Mit einem niedrigen Pensum, Einzelaufträgen als Selbständige oder auch mit Weiterbildungen, um à jour zu bleiben. Das macht ja auch Spass.»

  • Den Partner in die Pflicht nehmen! «Man kann auch Erziehungsaufgaben wahrnehmen, wenn man zu 100 Prozent arbeitet.»

  • Wer vor einer Trennung oder Scheidung steht: sich informieren! «Der Vorteil ist, dass man nach einer Trennung zwei Jahre Zeit hat bis zur Scheidung. Die kann man nutzen, um sich damit auseinanderzusetzen, was man möchte, wie es im beruflichen Umfeld aussieht, welche Aus- oder Weiterbildungen einen interessieren würden, ob man Ideen hätte, die sich umsetzen lassen. Und man soll sich unbedingt auch beraten lassen und Unterstützung holen, sei das bei einer Berufs- und der bei einer Rechtsberatung.»

Zur Autorin:

<div><strong>Sandra Casalini </strong>ist freie Autorin und zweifache Mutter. Sie lebt mit ihrer Familie im Kanton Zürich.</div>
Sandra Casalini ist freie Autorin und zweifache Mutter. Sie lebt mit ihrer Familie im Kanton Zürich.

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