«Im Lockdown haben wir als Familie zusammengefunden»

Serie: Familien und Corona weltweit – Teil 6

Wie geht es Familien im Ausland in der Corona-Zeit? Was wünschen sie sich und wie werden sie Weihnachten verbringen? Wir haben uns auf die Suche gemacht und einige Familien in anderen Ländern befragt. Hier berichtet Aline Bonnefoy, wie die Situation in Frankreich aussieht.
Mein Mann Romain und ich sind beide 37. Ich arbeite als freiberufliche Übersetzerin im Homeoffice und Romain ist Geschäftsführer eines kleinen Unternehmens, das in ganz Frankreich Spiegelwände installiert (miroir-sport.com). 

Wir haben uns vor 12 Jahren in Paris kennengelernt, ich hatte dort studiert, er ist waschechter Pariser. Vor neun Jahren sind wir in die Bretagne gezogen, an einen kleinen Badeort an der Südküste, der im Winter ganz gemütlich verschlafen ist. Hier sind unsere drei Buben geboren, Martin, 8 Jahre, Lucien, 4,5 Jahre und Antoine 2,5 Jahre. Meine Mutter, die bereits in der Nähe wohnte, ist im ersten Lockdown zu uns gezogen – zunächst nur vorübergehend, doch haben wir schnell ein für alle angenehmes Gleichgewicht gefunden und sie ist geblieben.

Wie ist aktuell die Situation mit dem Coronavirus in Frankreich? 

Wir hatten seit Ende Oktober einen halbherzigen Lockdown, die Schulen und viele Geschäfte blieben dabei offen. Wenn Romain beruflich unterwegs ist, kann er zum Beispiel im Hotel übernachten, doch da die Restaurants geschlossen sind, gibt es nur Zimmerservice.

Am 15. Dezember wurde der Teil-Lockdown mit einer Ausgangssperre ersetzt, die ab 20 Uhr beginnt. Geschlossen bleiben kulturelle und künstlerische Einrichtungen, Cafés, Bars und Restaurants sowie Wintersportorte. Vielleicht als Ausgleich dafür, dass bei uns im Frühling die Strände geschlossen wurden? Es herrscht mehrheitlich Maskenpflicht mit für Frankreich relativ hohen Bussen (rund 135 Euro, gleich viel, wie wenn man bei Rot über die Strasse fährt), in der Schule müssen Kinder ab 7 Jahren einen Mundschutz tragen.

Wie gehen Ihre Kinder mit der neuen Situation um? Was hat sich für sie konkret verändert? 

Die Kinder sind nach der Erfahrung im Frühling froh, dass sie in die Schule und wenigstens dort Zeit mit ihren Freunden verbringen können. Dennoch sind die Massnahmen für sie einschneidend. Martin und Lucien besuchen eine Mehrklassenschule, die bislang betont fliessende Übergänge zwischen den Jahrgängen pflegte. Sie konnten tagsüber zusammen spielen und mittags gemeinsam essen. Seit Oktober müssen die Klassen klar getrennt bleiben und die Gruppen dürfen sich tagsüber nicht austauschen. Das war schwierig, gerade da sie den ersten Lockdown ja zusammen gemeistert hatten.

Für Martin herrscht Maskenpflicht, weil er 8 Jahre alt ist, doch die 6-Jährigen in seiner Klasse müssen keine Maske tragen. Das hat für Unverständnis gesorgt. Am meisten fehlt den Kindern der Kontakt zu ihren Freunden und Cousins ausserhalb der Schule. Während des Lockdowns bis am 15. Dezember waren auch alle Spiel- und Pausenplätze gesperrt. Die Kinder durften ausser zur Schule und zum Arzt eigentlich nur zum Spazieren im Quartier raus. Am Wochenende durften die beiden Grossen nun erstmals seit Oktober wieder mit/bei einem Gspändli übernachten, für sie ein tolles Vorweihnachtsgeschenk.

Wie ist die Arbeitssituation bei Ihnen und Ihrem Mann? 

Wir verspüren beide einen Auftragsrückgang, der sich bis heute auswirkt. Mein Mann installiert Spiegelwände für Vereine, Sportclubs und Gemeinden, die angesichts der anhaltenden Planungsunsicherheit mit Investitionen zurückhalten. Er hält aber auch bewusst an einem weniger strengen Arbeitsrhythmus fest, da er die gemeinsame Familienzeit im Frühling geschätzt hat. So bleibt er jetzt meist eine Woche zu Hause und ist dann eine Woche unterwegs. Ich arbeite als Übersetzerin von zu Hause aus und stimme meine Arbeitszeiten auf den Stundenplan der Schule ab. Beruflich hatte ich das Gefühl, dass viele Unternehmen bei den Kommunikationsausgaben schnell den Rotstift angesetzt haben.

Wie ist die Kinderbetreuung organisiert? 

Ab Januar gehen alle drei Kinder an vier Tagen pro Woche in die Schule. In Frankreich müssen Kinder spätestens ab 3 Jahren in die Vorschule, als Vorbereitung auf die Grundschule. Ihr Tag beginnt dort um 8 Uhr 45, mittags können sie wahlweise zu Hause oder in der Kantine essen. Am Nachmittag steht für die ganz Kleinen dann vor allem Schlafen auf dem Programm, um 16 Uhr 30 ist Feierabend. Mittwochs sind sie zu Hause, wobei sie hauptsächlich von meiner Mutter betreut werden.

Wie nah ist Corona? Waren Sie selber schon in Isolation oder Quarantäne? 

Die Bretagne scheint im landesweiten Vergleich wenig betroffen. In unserer Wohngemeinde wurde schon früh ein Cluster ausgemacht und sogleich eine gemeindeweite Quarantäne ausgerufen, zwei Wochen vor dem nationalen Lockdown im März. Das hat die weitere Entwicklung sicherlich stark eingedämmt. Die wenigen Personen, die sich in unserem Umkreis mit Covid-19 angesteckt haben, hatten keine schweren Symptome.

Weihnachten steht vor der Tür: Wissen Sie schon, wie Sie feiern werden?

Normalerweise feiern wir mit meiner Schwiegerfamilie im weiteren Sinn, mit den Kindern sind wir an die 30. Das sind immer sehr ausgelassene Tage. Dieses Jahr feiern wir im bescheideneren Rahmen mit meiner Mutter und meinen Schwiegereltern. Den traditionellen Besuch bei Familie und Freunden in der Schweiz lassen wir für einmal ausfallen.

Wie erleben Sie die Situation als Ganzes: Hat Corona dem Familienleben ungewohnte Türen geöffnet oder eher für zusätzlichen Stress gesorgt?

Während des ersten Lockdowns sind unsere drei Buben fast drei Monate lang zu Hause geblieben, ohne ihre üblichen durchgetakteten Alltagsprogramme. Das gemeinsame Erleben dieser ungewohnten Situation hat sie stark zusammengeschweisst. Durch den Unterricht zu Hause haben wir einen unverhofften Einblick in ihren Schulalltag erhalten, ihre Lehrerin hat uns per Lernapp ausführliche Unterrichtspläne vorbereitet und sich bemüht, spannende und abwechslungsreiche Aktivitäten zu finden.
 
Wir haben auch als Familie zusammengefunden. Romain war zuvor immer öfter nur am Wochenende und in den Ferien zu Hause, womit er schon vor Corona unzufrieden war. An den Wochenenden waren wir oft unterwegs, Familienfeste, Kurzurlaube, usw. Durch diese «von oben» verordnete Auszeit war da plötzlich eine Möglichkeit, aus dem üblichen Trott zu fallen und uns Zeit nur für uns zu nehmen. Wir haben gemeinsam dekoriert und gebastelt und gezimmert und geschlemmt.

Mit Abstand ist gut reden, natürlich sind wir in diesem alles andere als alltäglichen Alltag auch regelmässig an unsere Grenzen gestossen. Homeoffice, Homeschooling und Kleinkinderbetreuung passen einfach nicht unter einen Hut, auch wenn der Rahmen lockerer war als gewohnt. Im positiven Sinne habe ich heute das Gefühl, dass ich an guten Tagen gelassener auf Unvorhergesehenes reagieren und fünf auch mal gerade sein lassen kann.

Was wünschen Sie sich für 2021?

Dass wir unsere Familien- und Freizeit wieder mehr nach den eigenen Wünschen gestalten und mit gutem Gewissen Zeit mit Freunden, Familie und Nachbarn verbringen können. Ich wünsche mir auch, dass wir für die Kinder diese Berührungsangst ablegen können, dass sie wieder ihre Kerzen über dem Geburtstagskuchen auspusten und «Schläckstängel» teilen können – wenn ihnen danach ist.
Lesen Sie in Teil 7 unserer Serie Familien im Corona-Alltag auf der ganzen Welt, wie die Situation in Argentinien aussieht. Alle bisher erschienen Familienporträts können Sie hier nachlesen: Familien und Corona weltweit. 

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