Mami, ich bin schwul - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Mami, ich bin schwul

Lesedauer: 7 Minuten

Noch immer fällt es homosexuellen Jugendlichen schwer, sich zu outen. Zu gross sind die gesellschaftlichen Ressentiments: Schwule werden belächelt, beschimpft, attackiert. Der 20-jährige Nicola hat es gewagt – auch weil er dabei auf die Unterstützung seiner Eltern zählen konnte.

Franziska erinnert sich nur zu gut. «Ich fing an zu weinen, als mein Sohn Nicola mir sagte, er sei schwul», sagt die 48-Jährige. Nicola war 16 Jahre alt und mitten in der Pubertät. Wie so oft war er den ganzen Tag nicht erreichbar gewesen. Auf die Frage seiner Eltern, wo er sich herumgetrieben habe, gab er keine Antwort. Keine ungewöhnliche Sache in der Pubertät, «trotzdem hat mich sein Schweigen fast verrückt gemacht», erinnert sich Franziska.

Es gab Streit – und dann, einen Tag später, knallte Nicola seiner Mutter an den Kopf: «Übrigens – ich bin schwul.» Franziska schossen die Tränen in die Augen. Nicht etwa, weil sie dagegen war, wie sie sagt, sondern, weil sie realisierte, dass ihrem Sohn nun ein steiniger Weg bevorsteht. «Diesen hätte ich ihm gerne erspart.» 

Nicolas Eltern Franziska und Thomas haben verständnisvoll auf das Outing ihres Sohnes reagiert.
Nicolas Eltern Franziska und Thomas haben verständnisvoll auf das Outing ihres Sohnes reagiert.
Nichts hatte für sie darauf hingedeutet, dass ihr Ältester homosexuell sein könnte. «Rückblickend meint man immer, schlauer zu sein, da interpretiert man vieles hinein», sagt Thomas, Franziskas Mann und Nicolas Vater. Hatte sich sein Sohn nicht immer besonders gut mit Mädchen verstanden? Sich weder für Fussball noch für Autos interessiert? Und ist er nicht einmal als Kind mit Stöckelschuhen durchs Wohnzimmer gelaufen? Episoden aus dem Familienalltag, aber auch sichere Zeichen für Homosexualität «Wohl kaum», meint Thomas. 

In der Pubertät ist das Leben eine Baustelle: Der Körper verändert sich, die Gefühle fahren Achterbahn, alles wird infrage gestellt. Die Kinder sind keine Kinder mehr, aber noch keine Erwachsene. «Wer bin ich?», «Wer möchte ich sein?» oder «Wo gehöre ich hin?»: Das sind existenzielle Fragen, mit denen sich alle Teenager herumschlagen.

Für Homosexuelle ist die Identitätssuche besonders schwierig

Für Jugendliche, denen bewusst wird, dass sie sich vom gleichen Geschlecht angezogen fühlen, wird die Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich noch viel intensiver. Manche kapseln sich ab, ziehen sich vor Freunden und Eltern zurück, andere überkommt eine grosse Scham, weil sie sich zum ersten Mal in eine Person gleichen Geschlechts verlieben. Mit dem Bewusstsein für dieses Anderssein fallen sie aus dem gesellschaftlichen Rahmen. Der Prinz heiratet immer die Prinzessin, nie den Prinzen. 

Eltern müssen sich zu Verbündeten ihres Kindes machen

«Kinder erkennen in der Regel sehr schnell, was gesellschaftlich honoriert wird und was nicht», sagt der Sozial- und Präventivmediziner Jen Wang – und: «Buben, die auf Pausenplätzen lieber mit Mädchen Fangen spielen als Tore schiessen, werden auf der Stelle negativ bewertet.» Wang erforschte für die Universität Zürich den Zusammenhang zwischen Lebensführung und Gesundheit und untersucht jetzt für das Centre Hospitalier Universitaire (CHUV) in Lausanne die Gesundheit Jugendlicher in Bezug auf Homosexualität. 

Dass Buben mit Mädchen Fangis spielen, widerspricht den herrschenden Wertvorstellungen, die sich überall manifestieren: auf Plakatwerbungen vor unseren Haustüren, in der Kinderkleiderabteilung eines Warenhauses, im Fernsehen und in Büchern. 

 Viele Jugendliche überkommt eine grosse Scham, wenn sie sich zum ersten Mal in eine Person gleichen Geschlechts verlieben.

Auf einen Blick wird klar, was Frau- und Mannsein in unserer Gesellschaft bedeutet und mit welchen hartnäckigen Rollenvorstellungen dieses Bild einhergeht. Auch heute noch. «Kein Wunder, geraten selbst Eltern mit einer offenen Haltung beim Coming-out ihres Kindes in eine Krise», sagt Kathrin Meng, Präsidentin der Milchjugend Schweiz, des Vereins für «falschsexuelle Welten ». Meng: «Eltern von homosexuellen Jugendlichen muss aber unbedingt klarwerden, dass sich ihre eigene Angst auf das Kind überträgt. Und dass sie ihre Kids nicht vor einer homophoben Gesellschaft schützen können, sondern sie dafür stark machen müssen.» 

Mütter und Väter müssten sich zu Verbündeten ihrer Kinder, zu sogenannten Allys, machen, betont Kathrin Meng. Nicola hat Glück, denn seine Eltern sind vorbildliche Allys. «Bereits bevor meine Mutter wusste, dass ich schwul bin, hat sie immer darauf geachtet, wie sie Dinge formuliert », erinnert sich der 20-Jährige, der im Sommer sein drittes Lehrjahr als technischer Zeichner abschliessen wird. 

«Sie sagte oft: Wenn du später mal deine erste Freundin oder deinen ersten Freund nach Hause bringst …». Diese offene Haltung hat den jungen Mann entspannt. Er vertraute darauf, dass er zu Hause mit einer respektvollen Reaktion auf sein Outing rechnen kann. 

Dass das nicht selbstverständlich ist, weiss Nicola nur allzu genau. Aus seinem Bekanntenkreis sind ihm zahlreiche negative Beispiele bekannt. Selbst Jahre nach dem Coming-out eines Freundes spreche dessen Vater nach wie vor davon, dass sein Sohn eine Freundin habe. Die Homosexualität blende er komplett aus, erzählt Nicola.

Schwulenwitze auf dem Pausenplatz

Solche Reaktionen kennt Nicola aus seinem familiären Umfeld nicht. Nur seine jüngere Schwester reagierte auf Nicolas Outing mit einem Wutausbruch. Sie war damals 13 Jahre alt und sorgte sich um ihren Ruf an der Schule. «Das tut ihr heute extrem leid», meint Nicola.

Heute kann Nicola die Bedenken seiner Schwester gut nachvollziehen. Denn auch für ihn war das Comingout an der Schule die schwierigste Hürde: «Es vergeht kein Tag, an dem du auf dem Pausenplatz nicht mit Schwulenwitzen konfrontiert wirst oder blöde Kommentare zu hören bekommst». Ausdrücke wie «Mann, das ist so schwul!» oder «Du schwule Sau!» seien an der Tagesordnung. Am Ende seiner Schulzeit wurden diese Sprüche für Nicola unerträglich. 

«Meine Eltern sind meine Verbündeten», sagt Nicola. «Ihre offene Haltung hat mir sehr geholfen.»
«Meine Eltern sind meine Verbündeten», sagt Nicola. «Ihre offene Haltung hat mir sehr geholfen.»
Auf die sexistischen Bemerkungen zu reagieren traute er sich aber nicht. Schliesslich outete sich Nicola gegenüber drei Freunden, die sein Geheimnis bewahren konnten. Kathrin Meng von der Milchjugend versteht das gut: «Solange Homosexualität nicht im Schulalltag thematisiert wird, vom Musik- über den Mathematikunterricht bis hin zur Englischstunde, werden homosexuelle Schülerinnen und Schüler nicht befreit über ihre Sexualität reden können und von einem Coming-out an ihrer Schule absehen.»

Diese Ansicht teilt auch Jen Wang. In seinem Berufsalltag hat der Sozial- und Präventivmediziner immer wieder mit homosexuellen Jugendlichen zu tun, die an der Schule diskriminiert werden und sogar Gewalt ausgesetzt sind. 

Selbst Eltern mit einer offenen Haltung können beim Coming-out ihres Kindes in eine Krise geraten.

«Vielfach sind Lehrpersonen mit solchen Situationen komplett überfordert», sagt Wang. Deshalb plädiert der Wissenschaftler dafür, sie in dieser Thematik speziell zu schulen. «Zwar findet Homosexualität als Thema im neuen Lehrplan 21 statt, allerdings wurde bislang versäumt, das Erlernen von sozioemotionalen Kompetenzen in die Ausbildungsgänge für Lehrpersonen einzubinden.»

Noch mehr als die Angst vor Diskriminierung plagte Nicola die Einsamkeit. «Ich trug ein Geheimnis mit mir herum, das ich niemandem anvertrauen konnte und für das ich erst nach und nach einen Namen fand.»

Zwar traf Nicola in Chats auf Gleichgesinnte, mit denen er sich austauschen konnte und von denen er sich verstanden fühlte, im realen Leben hingegen gab es für den damals 15-Jährigen keine Berührungspunkte zur homosexuellen Lebenswelt.

Weder war ihm jemand in seinem Umfeld bekannt, der schwul oder lesbisch sein könnte, noch hatten seine Eltern homosexuelle Freunde, die ihm als Identifikationsfiguren hätten dienen können. Die Welt um ihn herum schien durch und durch heterosexuell zu sein. Eine Welt, die für ihn nicht passte.

Hohe Suizidgefährdung bei Homosexuellen

Zwischen dem inneren und dem äusseren Coming-out – also zwischen dem eigenen Eingeständnis, schwul zu sein, und dem Schritt an die Öffentlichkeit – vergehen im Schnitt dreieinhalb Jahre. Eine lange Zeit im Leben eines Teenagers. Sie fällt in jene Zeitspanne, in der «normale » Jugendliche sich allmählich fürs andere Geschlecht zu interessieren beginnen, anfangen zu schwärmen, sich zum ersten Mal verlieben oder bereits erste sexuelle Erfahrungen machen.

Erfahrungen, die homosexuelle Jugendliche meist nicht machen – zu gross ist die Angst vor Ressentiments, vor Ablehnung oder Spott. So bleiben diese Teenager weitgehend allein mit ihrem Geheimnis und führen ein Doppelleben in der virtuellen Welt. Befürchten homosexuelle Jugendliche eine negative Reaktion der Eltern, können die Folgen fatal sein. 

Zwischen dem inneren und dem äusseren Coming-out eines Jugendlichen vergehen im Schnitt dreieinhalb Jahre.

«Gerade was die psychische Verfassung von schwulen oder lesbischen Kindern betrifft, spielt das Elternhaus eine enorm wichtige Rolle», sagt Wang. Nur die Faktoren «problembehaftete Liebesbeziehungen» sowie «Akzeptanz der eigenen Sexualität » fallen mehr ins Gewicht, so Wang. Der Mediziner untersuchte im Genfer Projekt «Projet santé gaie» unter anderem die Auslöser für depressive Erkrankungen und Suizidversuche bei Jugendlichen. Die Zahlen zu Depressionserkrankungen, Angstzuständen und Suizidgedanken unter homosexuellen Jugendlichen sind seit Jahrzehnten beinahe unverändert hoch. 

Angst vor Angriffen

Studien zufolge haben 20 Prozent aller homosexuellen Personen im Laufe ihres Lebens einen Selbstmordversuch unternommen. Die Hälfte dieser Suizidversuche wurde vor dem 20. Lebensjahr verübt und steht weitgehend in Zusammenhang mit dem Coming-out.

Und: Die Suizidgefahr liegt bei Homosexuellen im Alter zwischen 16 und 20 Jahren zwei- bis fünfmal höher als bei ihren heterosexuellen Altersgenossen. «Es ist schlicht nicht verantwortbar, dass junge Schwule und Lesben in unserem Land einem derart starken psychischen Leidensdruck ausgesetzt sind», so Wang.

Nicola hat sein Outing gut gemeistert und ist froh über diesen Schritt. «Seitdem bin ich definitiv selbstsicherer geworden», sagt der Lehrling. Seine Mitschüler an der Berufsschule wissen, dass Nicola schwul ist, ebenso seine Arbeitskolleginnen und -kollegen. Seither fallen in seiner Gegenwart kaum mehr sexistische Sprüche. In seiner Freizeit bewegt sich der 20-jährige Nicola allerdings meist nur in schwulen, städtischen Kreisen, wenn er abends oder an den Wochenenden unterwegs ist. 
Nicolas Eltern sind seine Allys. Der Lehrling hat sein Outing gut gemeistert und ist froh über diesen Schritt. «Seitdem bin ich definitiv selbstsicherer geworden». 
Nicolas Eltern sind seine Allys. Der Lehrling hat sein Outing gut gemeistert und ist froh über diesen Schritt. «Seitdem bin ich definitiv selbstsicherer geworden». 
Selbst wenn er mit schwulen Kollegen Zug fahre, achte er stets darauf, was er sage und wer in seiner Nähe sitze. «Leider sind gewalttätige Handlungen gegenüber Homosexuellen nach wie vor keine Seltenheit», sagt Nicola. Trotzdem sei es wichtig, sich nicht zu verstecken, sich so zu geben und zu kleiden, wie man es möchte, so der 20-Jährige. Und letztlich eben auch gleichgesinnte Verbündete zu suchen, die einem zu mehr Selbstsicherheit verhelfen. Denn Andersartigkeit wird erst dann zur Normalität, wenn sie sichtbar wird.

Glossar

Ally
Eine Person, die zwar heterosexuell ist, sich aber dennoch für die Rechte von LGBT-Menschen einsetzt.
 
Homophobie
Angst vor Homosexuellen. Beschreibt ein Verhalten, das durch eine starke Abneigung gegenüber homosexuellen Menschen gekennzeichnet ist.
 
LGBT
Der Begriff steht für Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender, also für die sexuelle Orientierung und Varianten der Identität von Menschen.
 
Queer
Steht für Schwule, Lesben, Transgender, Bisexuelle, Pansexuelle, Asexuelle usw. Für alle Menschen also, die aus dem heteronormativen Rahmen fallen.

Infos und Adressen

Milchjugend
Die Milchjugend ist die grösste Jugendorganisation für lesbische, schwule, bi-, trans- und asexuelle Jugendliche in der Schweiz. Sie gibt u. a. eine eigene Zeitschrift, das «Milchbüechli», heraus und organisiert einen wöchentlichen Bar-Abend, veranstaltet regelmässig Partys sowie ein dreitägiges Wochenende namens «Milchreise».
www.milchjugend.ch
 
Anyway
Anyway besteht aus einem Leitungsteam von jungen Erwachsenen mit einem breiten Spektrum an (Coming-out-)Erfahrungen. Ihr Hauptanliegen ist es, mit dem Jugendtreff eine Plattform für junge Menschen zu bieten, welche sich mit ihrer eigenen Sexualität und/oder Identität auseinandersetzen und unkompliziert Leute kennenlernen wollen.
www.anyway-basel.ch
 
Du-bist-du
Du-bist-du fördert durch Peer-Beratung, Wissensvermittlung und Workshops via Fachpersonen die psychische und physische Gesundheit von jungen LGBT-Menschen und hilft ihnen dabei, sich ihrer sexuellen Orientierung und/oder Geschlechtsidentität sicher zu werden. www.du-bist-du.ch
 
Checkpoint
Bei Ängsten, depressiven Störungen oder Selbstmordgedanken braucht es professionelle Hilfe. Das Gesundsheitszentrum Checkpoint bietet u. a. Beratungsgespräche mit Psychologen für junge Schwule.
www.mycheckpoint.ch

Zur Autorin:

Nicole Gutschalk ist freie Journalistin. Sie beschäftigte das Thema Homosexualität bei Jugendlichen schon als 18-Jährige: Sie wunderte sich darüber, warum es an ihrem Gymnasium keine lesbischen oder schwulen Paare gab, die händchenhaltend über den Pausenplatz spazierten. Nicole Gutschalk hat drei Kinder und lebt mit ihrer Familie in Zürich.
Nicole Gutschalk ist freie Journalistin. Sie beschäftigte das Thema Homosexualität bei Jugendlichen schon als 18-Jährige: Sie wunderte sich darüber, warum es an ihrem Gymnasium keine lesbischen oder schwulen Paare gab, die händchenhaltend über den Pausenplatz spazierten. Nicole Gutschalk hat drei Kinder und lebt mit ihrer Familie in Zürich.

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