Wann sollen Kinder zur Logopädie?
Entwicklung

Serie: Kind und Therapie – Teil 2

Wann sollen Kinder zur Logopädie?

Kinder erschliessen sich die Welt durch Sprache. Durch Sprache gelingt soziales Miteinander, komplexes Denken und natürlich Lesen und Schreiben. Deshalb sind Sprachfähigkeiten für die kindliche Entwicklung so essenziell. Jedes fünfte Kind hat Schwierigkeiten damit. 
Text: Claudia Landolt, Mitarbeit: Ursina Trautmann
Bild: Phanie / Alamy Stock Photo
Selma ist vier Jahre alt und sagt «hot» statt «rot». Die Kindergärtnerin sieht keinen Handlungsbedarf. Louis ist sechs und spricht «l» statt «r», was in seiner Klasse oft zu Spöttereien führt. Das macht ihm zu schaffen. Seit wenigen Wochen geht er einmal die Woche zur Logopädin. Vincent, acht Jahre alt, hat viele Zähne auf einmal verloren und lispelt ein wenig. Die Lehrperson empfiehlt seinen Eltern eine logopädische Abklärung. 

Selma, Louis und Vincent: drei typische Fälle von leichten sprachlichen Auffälligkeiten. Dennoch sind Eltern verunsichert. Sie fragen sich: Braucht das Kind wirklich Unterstützung? Gerät mein Sohn, meine Tochter nun in die Abklärungsschlaufe? Erledigt sich das Problem mit dem «R» und mit dem «Sch» nicht einfach mit zunehmender Entwicklung von selbst?

Die Antwort von Ärzten und Logopäden lautet: Ja, aber. Auf der einen Seite wachsen sich sprachliche Auffälligkeiten tatsächlich aus. Denn gerade in der Entwicklungsphase ab vier Jahren kann bei Kindern viel passieren: «Bei Kindern im Kindergartenalter ist es oft auch sinnvoll, wenn man bei gewissen Auffälligkeiten nicht gleich generell die ganze Unterstützungsmaschinerie laufen lässt», sagt Peter Lienhard, Experte für schulische Heilpädagogik an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik. 

«Nicht jede sprachliche Auffälligkeit ist gleich eine Störung und muss behandelt werden», sagt auch der deutsche Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster. «Gerade weil Kinder in so unterschiedlichem Tempo sprechen lernen, ist es für Eltern oft nicht leicht zu beurteilen, ob ihr Kind altersgerecht spricht.» 
«Nicht jede sprachliche 
Auffälligkeit ist eine ­Störung und muss ­behandelt werden», sagt Kinderarzt Herbert Renz-Polster.
Auf der anderen Seite braucht es Zeit, bis Kinder Sprache sicher beherrschen, und manchmal stossen sie eben auf Probleme, die sie selber nicht überwinden können – sei es in der gesprochenen Sprache («Fis» statt «Fisch» beispielsweise), sei es in der Lese- und Schreibkompetenz («Fruend» statt «Freundin»). 

«Kleine Sprachauffälligkeiten wie ‹Tasse› statt ‹Kasse› können bei einem kleinen Kind noch putzig sein, spätestens im Kindergarten und in der Schule kann das aber zu einem Problem werden», sagt Renz-Polster. Das Kind wird ausgelacht, verspottet oder empfindet sich selbst als «nicht richtig». 
Kind und Therapie – die Serie Mehr als die Hälfte der Schweizer Schulkinder wird im Laufe ihrer schulischen ­Laufbahn einmal therapiert. Viel zu viele, sagen manche Kinderärzte und Experten, und plädieren für mehr Gelassenheit bei Schul- und Lernschwierigkeiten. Eltern wiederum sind oft ratlos, hinterfragen ihre Ansprüche, fürchten sich vor Stigmatisierung. In dieser fünfteiligen Serie möchten wir das Feld des schulischen Therapieangebots ­beleuchten. Was ist das Ziel der sogenannten sonderpädagogischen Massnahmen? Wann sind sie nötig? Was macht eine Heilpädagogin im Unterricht? Wie arbeitet eine Logopädin? Was bedeutet Psychomotorik? Und haben wir nicht vielleicht einfach falsche Vorstellungen davon, was der Norm entspricht und was nicht? Alle bisher erschienen Artikel finden Sie hier: Kind und Therapie – die Serie (Bild: Klaus Vedfelt/Getty Images)
Kind und Therapie – die Serie
Mehr als die Hälfte der Schweizer Schulkinder wird im Laufe ihrer schulischen ­Laufbahn einmal therapiert. Viel zu viele, sagen manche Kinderärzte und Experten, und plädieren für mehr Gelassenheit bei Schul- und Lernschwierigkeiten. Eltern wiederum sind oft ratlos, hinterfragen ihre Ansprüche, fürchten sich vor Stigmatisierung. In dieser fünfteiligen Serie möchten wir das Feld des schulischen Therapieangebots ­beleuchten. Was ist das Ziel der sogenannten sonderpädagogischen Massnahmen? Wann sind sie nötig? Was macht eine Heilpädagogin im Unterricht? Wie arbeitet eine Logopädin? Was bedeutet Psychomotorik? Und haben wir nicht vielleicht einfach falsche Vorstellungen davon, was der Norm entspricht und was nicht?
Alle bisher erschienen Artikel finden Sie hier: Kind und Therapie – die Serie
(Bild: Klaus Vedfelt/Getty Images)
Dafür ist die Logopädie unter anderem da. Sie ist eine heilpädagogische Therapieform, die verschiedenste Auffälligkeiten der Sprache und des Sprechens, des Redeflusses, der Stimme, des Schluckens, der Schriftsprache in Bezug auf Lesen und Schreiben, der Kommunikation umfasst. Aber auch die sogenannte Dyskalkulie (Rechenschwäche) gehört zum Gebiet der Logopädie.

Erstmals damit konfrontiert werden Eltern sehr oft über den Kindergarten im jährlichen Standortgespräch. Da erfahren sie von even­­­tuellen sprachlichen Schwächen ihres Kindes, die sie selbst vielleicht als «normal» beurteilen. Bei kleineren Kindern sind phonetische Unklarheiten oder Lispeln häufig. Etwa 40 Prozent aller Kinder lispeln im Laufe ihrer Sprachentwicklung bei den Zischlauten «S», «Z» und «X». So liegt die Zunge normalerweise ein Stück hinter den Zähnen, wenn das «S» gebildet wird. Beim Lispeln stösst sie an die Vorderzähne, so dass das «S» wie «F» oder ähnlich wie das englische «Th» klingt. Das betrifft auch die Lautverbindungen «ts» und «ks», die im Deutschen beim «Z», beim «X» und in der Buchstabenfolge «chs» vorkommen. Lispeln kann aber auch das «Ch» und das «Sch» betreffen (Chitismus genannt): Das «Ch» wird dann wie «Sch» oder «S», das «Sch» wie «S», «Ch» oder «T» gesprochen.

Jedes fünfte Kind betroffen

In der Schweiz hat die Heilpädagogin und Logopädin Barbara Zollinger jahrzehntelang die Sprachentwicklung kleiner Kinder erforscht. Sie sagt, dass Sprache weit mehr als Sprechen ist. 

Die Sprache hat drei Funktionen. «Die Fähigkeit, vorhandene Bilder, Gegenstände oder Personen zu benennen, hat mit Sprache wenig zu tun. Was die Sprache ausmacht, ist die Möglichkeit, von Dingen und Ereignissen zu sprechen, die nicht vorhanden, das heisst an einem anderen Ort, vergangen oder zukünftig sind. Dies nennt man die repräsentative oder symbolische Funktion der Sprache», sagt Zollinger. Zweitens wolle man mit der Sprache etwas bewirken, mitteilen. Das bezeichnet sie als die kommunikative Funktion der Sprache. «Drittens besteht ein wichtiger Teil der Sprache nicht im Reproduzieren von Wörtern, sondern im Verstehen von dem, was andere sagen.» 

In der logopädischen Abklärung werden diese drei Funktionen untersucht. Gerade weil aber die Sprachentwicklung von Kindern so unterschiedlich verläuft, sei es laut Zollinger so wichtig, zwischen «sprachverzögerten« Kindern und «Spätzündern» zu unterscheiden: «Fast jedes fünfte Kind zeigt einen verzögerten Sprechbeginn, das heisst, es kann im Alter von zwei Jahren noch nicht 50 Wörter sagen und/oder zwei Wörter miteinander verbinden», sagt Zollinger. Diese Kinder werden auch als Late Talker (= späte Sprecher) bezeichnet. Die meisten Late-Talker-Kinder beginnen mit etwa drei Jahren, spontan zu sprechen: Etwa ein Drittel hat den Rückstand zu diesem Zeitpunkt aufgeholt und spricht in vollständigen Mehrwortsätzen; man nennt diese Kinder deshalb «Late Bloomer» (= spät Blühende). 

Mehr als die Hälfte der Kinder mit verzögertem Sprechbeginn entwickelt daraus eine Spracherwerbsstörung, ihre Satzbildung ist auch mit vier oder fünf Jahren noch fehlerhaft, die Lautbildung unvollständig und der Wortschatz eher klein. Viele dieser Kinder zeigen später im Schul- und zum Teil auch im Erwachsenenalter noch Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben, zum Beispiel Legasthenie, erworbener Analphabetismus. «Aufgrund der Kenntnisse über diese Zusammenhänge ist es wichtig, die gefährdeten Kinder möglichst früh zu erfassen und entsprechend zu fördern», erklärt Zollinger.
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In der Logopädie geht es auch darum, die Persönlichkeit eines Kindes mit Sprachstörungen
zu stärken.
Das ist der Grund, weshalb die meisten Logopäden für eine möglichst frühe Therapie plädieren. Auch Annina Sievi. Sie betreut als Logopädin im Primarschulhaus Gerberacher in Wädenswil ZH rund 18 Kinder, das sind etwas über 10 Prozent aller Schülerinnen und Schüler im Schulhaus. Vordergründig geht es in der Logopädie um Störungen der Kommunikation und der Sprachentwicklung, erklärt sie. «Die Störungsbilder in der Logopädie sind aber vielfältig», erklärt Sievi. Oft gehe es aber auch darum, die Persönlichkeit der Kinder zu stärken. «Und je früher dieser Prozess einsetzen kann, desto besser», so Sievi.

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