Kind und Therapie: Werden unsere Kinder in der Schule übertherapiert?
Schule

Serie: Kind und Therapie – Teil 1

Werden unsere Kinder in der Schule übertherapiert?

Für manches Kind ist die Schule eine Herausforderung, weil gerade andere Fähigkeiten gefragt sind als jene, in denen es besonders stark ist. Irgendwann wird den Eltern eine Abklärung oder eine Therapie vorgeschlagen. Mütter und Väter sind dann im Dilemma: Sollen sie hoffen, dass sich die Schwäche auswächst, oder leidet das Kind, wenn sie noch abwarten? Und was beinhaltet eine Therapie für das Kind überhaupt?
Text: Ursina Trautmann
Bild: Andrea Obzerova/Getty Images
Der zehnjährige Linus träumt im Unterricht gerne vor sich hin. Im Klassenzimmer bewegt er sich sehr vorsichtig.

Für die elfjährige Lea sind Zahlen ein Rätsel.

Manuel aus der ersten Klasse kann nicht still sitzen, rempelt dauernd alle an und kommt mit der Schere nicht zurecht.
Sollen nicht vielmehr Stärken gestärkt als Schwächen 
 ausgemerzt werden?
Wenn seine Banknachbarin Lisa «das Ross und der Bär» sagt, hört sich das an wie «das Loss und del Bäl». Ihr Mund produziert das «R» einfach noch nicht. 
Das soziale Verhalten, der sprachliche Ausdruck (die Artikulation), die physischen (motorischen) Fertigkeiten und das Lesen, Schreiben und Rechnen: All dies kommt spätestens im jährlichen Standort- oder Elterngespräch zwischen Mutter, Vater und der Klassenlehrperson zur Sprache. Es stellt sich die Frage, ob Kinder wie Linus, Lea, Manuel oder Lisa für ihre schulische Entwicklung spezielle Unterstützung benötigen. Brauchen Kinder den Support einer Heilpädagogin, eine Abklärung durch den schulpsychologischen Dienst oder eine andere mögliche Form der pädagogischen Unterstützung? Oder reicht es, wenn Eltern und Lehrpersonen dem Kind mehr Zuwendung schenken und die Aufmerksamkeit auf andere Bereiche lenken? Sollen nicht vielmehr Stärken gestärkt als Schwächen ausgemerzt werden?

Förderwahn kontra Unterstützung

Über die Frage der Therapiebedürfnisse von Schulkindern streiten sich die Fachleute seit zehn Jahren. Der Graben in dieser Diskussion führt quer durch die Gesellschaft. Die einen – Eltern, Grosseltern, Kinderärzte, Lehrer – sehen die Schulkinder einem Förder- und Therapiewahn ausgesetzt. Die anderen,  meist Pädagogen und Psychologen, wünschen sich für die Kinder nichts als eine optimale Unterstützung, damit diese beim Steigerungslauf der Schule leistungsmässig mithalten können.

Sonderpädagogische Massnahmen

Therapien im schulischen Bereich werden unter dem Begriff der sonder­pädagogischen Massnahmen zusammengefasst. Knapp 42 00 Kinder erhielten in der Schweiz im Schuljahr 2017/2018 eine sogenannte verstärkte sonderpädagogische Massnahme. Das bedeutet konkret, dass sie neben dem Unterricht in ihrer Regelklasse Einzel- oder Gruppenstunden bei einer Heilpädagogin erhielten, eine Therapiestunde in Logopädie oder eine Stunde in Psycho­motorik besuchten. Betroffen waren gemäss Bundesamt für Statistik insgesamt 4,5 Prozent aller lernenden Kinder und Jugendlichen in der Schweiz.
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Mehr als die Hälfte der Schweizer Schulkinder wird im Laufe ihrer schulischen ­Laufbahn einmal therapiert. Viel zu viele, sagen manche Kinderärzte und Experten, und plädieren für mehr Gelassenheit bei Schul- und Lernschwierigkeiten. Eltern wiederum sind oft ratlos, hinterfragen ihre Ansprüche, fürchten sich vor Stigmatisierung. In dieser fünfteiligen Serie möchten wir das Feld des schulischen Therapieangebots ­beleuchten. Was ist das Ziel der sogenannten sonderpädagogischen Massnahmen? Wann sind sie nötig? Was macht eine Heilpädagogin im Unterricht? Wie arbeitet eine Logopädin? Was bedeutet Psychomotorik? Und haben wir nicht vielleicht einfach falsche Vorstellungen davon, was der Norm entspricht und was nicht?
Mehr als die Hälfte der Schweizer Schulkinder wird im Laufe ihrer schulischen ­Laufbahn einmal therapiert. Viel zu viele, sagen manche Kinderärzte und Experten, und plädieren für mehr Gelassenheit bei Schul- und Lernschwierigkeiten. Eltern wiederum sind oft ratlos, hinterfragen ihre Ansprüche, fürchten sich vor Stigmatisierung. In dieser fünfteiligen Serie möchten wir das Feld des schulischen Therapieangebots ­beleuchten. Was ist das Ziel der sogenannten sonderpädagogischen Massnahmen? Wann sind sie nötig? Was macht eine Heilpädagogin im Unterricht? Wie arbeitet eine Logopädin? Was bedeutet Psychomotorik? Und haben wir nicht vielleicht einfach falsche Vorstellungen davon, was der Norm entspricht und was nicht?
Die Zahlen zeigen, dass Kinder mit Lernschwierigkeiten und Lernbehinderungen heute viel öfter in der Regelschule integriert werden als noch vor 20 Jahren. Das will das Gesetz der Integration – mit dem Effekt, dass Kinder, die früher separat geschult worden wären und eine Sonderschule besucht hätten, heute in einer Regelklasse sind.
  
Gleichzeitig hat sich die gesellschaftliche Norm gewandelt, ist die Vorstellung dessen, was normal ist, immer enger geworden. Wenn Kinder, die eine Regelklasse besuchen, eine Schwäche im motorischen, sprachlichen oder rechnerischen Bereich haben, verträumt sind oder nicht leicht lernen, wird versucht, ihre Schwächen so zu relativieren, damit sie im normalen Unterricht mithalten können. So sollen sie wegen ihrer Schwächen nicht mehr ausgegrenzt werden, sondern Teil eines grossen Ganzen sein.

Aber wann leidet ein Kind wirklich unter einer Fehlfunktion, die therapiert werden kann, und wann ist lediglich die Entwicklung verzögert? Sprich: Wann braucht das Kind einfach nur ein bisschen mehr Zeit und Raum, um sich zu entfalten? Fachleute geben zu: Diese Diagnose ist nicht immer einfach zu stellen. «Heute werden immer öfter Aufmerksamkeitsstörungen diagnostiziert», kritisiert etwa der Solothurner Kinderarzt und Autor Thomas Baumann.

Auch der Churer Entwicklungsspezialist, Kinder- und Jugendtherapeut Andreas Müller hat beobachtet, dass die Schule heute ein sehr enges «Normband» hat. «In diesem Rahmen wird ein Verhalten schnell auffällig», sagt Müller. «Je grösser das Angebot von sonderpädagogischen Massnahmen, desto grösser ist auch die Nachfrage.»
Kinder, die früher eine Sonderschule besucht 
 haben, gehen heute in eine Regelklasse.
Für Salome, die Mutter des verträumten Linus, führten die Vor­stellungen der Kindergärtnerinnen und Lehrpersonen über Normalität zu einem grossen inneren Kampf, in dem sie sich als Mutter zuweilen selbst in Frage stellte. Erstmals erhielt Salome von der Kindergärtnerin Rückmeldungen zu ihrem Sohn. Die Kindergärtnerin hatte bei Linus Symptome von Autismus ausgemacht und riet den Eltern, den Jungen abklären zu lassen. Der Schulpsychologe klärte den Jungen ab und Linus wurde in der Folge von einer Logopädin und einer Heilpädagogin unterstützt.

Doch auch mit dem Schuleintritt erlebte Salome, wie Linus stark im Fokus der Lehrpersonen stand. Einmal wurde ihm ein Asperger-Syndrom, dann Hypersensibilität zugeschrieben, erzählt sie.

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