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Entwicklung

Michael Winterhoff, war vor dem digitalen Wandel alles besser?

Michael Winterhoff beklagt in seinem neuesten Werk den Verlust der Kindheit. Seine Hauptthese: Die Entwicklung unserer Kinder ist gestört. Wir haben den Psychoanalytiker anlässlich eines Vortrags in der Schweiz getroffen und gefragt, wieso er glaubt, dass wir die Verbindung zu unseren Kindern verloren haben – und wie wir sie wiederfinden.
Interview: Florian Blumer
Bilder: Marvin Zilm / 13 Photo
Entspannt lächelnd, in Turnschuhen, Jeans und Freizeithemd schlendert Michael Winterhoff die Holztreppe des Hotels Schiff in Pfäffikon SZ herunter. Der Rheinländer fühlt sich offensichtlich wohl am Zürichsee. Er schwärmt von der Ruhe, die dieser ausstrahlt – und ist schon mitten in seinem Thema. 

Am Vorabend hat der deutsche Psychiater das Publikum im voll­ besetzten Gemeindesaal der Nachbar­ gemeinde Freienbach SZ in seinen Bann geschlagen. 500 Interessierte waren gekommen, geschätzt zur Hälfte Pädagoginnen und Pädagogen. Sie alle erhofften sich eine Antwort auf die Frage: Was ist mit unseren Kindern los? Sie wurden nicht enttäuscht: Winterhoff hat eine Antwort. Und er scheut sich nicht, diese pointiert – einige würden sagen: zugespitzt – vorzutragen.

Am Morgen danach, beim Kaffee im Hotelgarten am See, erzählt er, wie er zur Erkenntnis kam, dass sich unsere Kinder heute nicht mehr normal entwickeln können.

Herr Winterhoff, Sie haben zwei erwachsene Kinder. Was ist das Wichtigste, das Sie ihnen mitgegeben haben?

Das Wichtigste, das meine Frau und ich den Kindern mitgegeben haben, ist wohl das Vertrauen darauf, dass alles gut werden wird. Über Erziehung haben wir uns keine Gedanken gemacht. Wir sind einfach in die Aufgaben und in die Rolle als Eltern hineingewachsen. Da war viel Intuition dabei und wir haben bei unseren Eltern abgeschaut. Erziehungsratgeber haben wir keine gelesen. 

Tatsächlich? Sie selbst haben mehrere Bestseller geschrieben, die sich an die Eltern richten.

Dies sind aber keine Erziehungsratgeber. In meinen Büchern befasse ich mich mit der Frage, warum das, was einmal wie selbstverständlich funktioniert hat, heute immer weniger gelingt: dass sich Kinder in ihrer Psyche ihrem Alter entsprechend entwickeln und zu lebenstüchtigen und zufriedenen Erwachsenen werden können.
Zur Person: Dr. Michael Winterhoff, 63, ist Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut, seit 1988 mit eigener Praxis in Bonn. Als Sozialpsychiater engagiert er sich auch in der Jugendhilfe, unter anderem führte er Segelturns mit verhaltsauffälligen Jugendlichen durch. Als Buchautor verfasste er mehrere Bestseller, darunter «Warum unsere Kinder Tyrannen werden» und «Mythos Überforderung». Michael Winterhoff ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder.  www.michael-winterhoff.com
Zur Person: Dr. Michael Winterhoff, 63, ist Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut, seit 1988 mit eigener Praxis in Bonn. Als Sozialpsychiater engagiert er sich auch in der Jugendhilfe, unter anderem führte er Segelturns mit verhaltsauffälligen Jugendlichen durch. Als Buchautor verfasste er mehrere Bestseller, darunter «Warum unsere Kinder Tyrannen werden» und «Mythos Überforderung». Michael Winterhoff ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder.
www.michael-winterhoff.com

Das müssen Sie erklären.

Wir sehen uns einem gänzlich neuen Phänomen gegenüber: Bis Mitte der 90er-Jahre waren alle Kinder, die ich gesehen habe – und zu mir kommen Kinder, die Probleme haben – auf dem Entwicklungsstand ihres Alters. Heute sind die Bedingungen zur Entwicklung der Psyche so ungünstig geworden, dass viele Kinder in zentralen Punkten auf der Stufe von Kleinkindern stehenbleiben.
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Das heisst?

Ein Kleinkind kann noch keine Strukturen und Abläufe erkennen. Versuchen Sie mal, einem Eineinhalb-, Zweijährigen etwas abzuverlangen, wozu er keine Lust hat! Da werden sie kläglich scheitern. Das Kind kann mich und meine Bedürfnisse noch gar nicht erkennen. Auf dieser Stufe bleiben heute sehr viele Kinder stehen. Das sehe ich nicht nur in meinem Praxisalltag, das sehe ich auch in Betrieben mit Auszubildenden, in Schulen und Kindergärten. 

Was haben Sie beobachtet?

Wenn ich früher ins Wartezimmer gekommen bin und die Eltern gegrüsst habe, hat das Kind aufgeschaut, das Spielzeug aus den Händen gelegt und ist neben seine Eltern gestanden – eine natürliche Reaktion darauf, dass eine fremde erwachsene Person den Raum betreten hat. Als es dann am Verhalten der Eltern gesehen hat, dass alles okay ist, ist es vor mir hergegangen und hat sich im Raum auf den ihm zugewiesenen Stuhl gesetzt. Heute schaut das Kind kurz auf und widmet sich dann wieder dem Spielzeug oder dem Handy. Es folgt dann meiner Aufforderung kaum, ins Behandlungszimmer zu gehen, und die meisten sind überfordert mit der Anweisung, sich auf den Patientenstuhl zu setzen.

Wie erklären Sie sich dies?

Mitte der 90er-Jahre schwappte die digitale Kommunikation ins Privatleben, mit Handy und E-Mail wurde der Mensch rund um die Uhr erreichbar. Weil ihm die Erfahrung im Umgang damit fehlt, ist er in grosser Gefahr, sich respektive seine Psyche zu überfordern. Die meisten Menschen sind leider bereit, das Kostbarste herzugeben, das wir im letzten Jahrhundert errungen haben: viel Zeit für uns und die Familie zu haben. Die Zeit, entspannt mit den Kindern zu leben, fehlt heute.

Gibt es nicht auch Fortschritte? Heute arbeiten doch viel mehr Väter Teilzeit und sie verbringen mehr Zeit mit ihren Kindern als noch in den 70er- und 80er-Jahren.

Es mag sein, dass sich Väter heute mehr Zeit nehmen. Dies ist aber nur dann eine Verbesserung, wenn sie in sich ruhen. Es nützt nichts, wenn der Vater am Tisch sitzt, aber mit den Gedanken woanders ist. Die Kinder spüren das sofort. Der entscheidende Punkt ist: Im Umgang mit Kindern sollte man sich vom Bauch leiten lassen. Und: Je ruhiger der Mensch ist, desto besser funktioniert die Intuition.

Und diese haben wir verloren?

Ja. Die Menschen sind in einen permanenten Ausnahmezustand geraten. Die meisten werden morgens wach, schon rattert der Kopf: Ich muss an dieses denken, ich muss an jenes denken, gedanklich sind sie schon in der nächsten oder übernächsten Situation. Immer mehr Menschen fühlen sich überfordert. Sie meinen, das komme von der Arbeit oder von der Familie. Nein: Wir sind durch die moderne Technologie in Gefahr, in einen Zustand der permanenten Reizüberflutung zu kommen.

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