Reinhard Winter: «Seid dankbar für Streit mit dem Teenie-Sohn! Das ist die neue Form von Nähe»
Elternbildung

«Seid dankbar für Streit mit dem Teenie-Sohn! Das ist die neue Form von Nähe»

Der Bubenexperte Reinhard Winter erklärt, weshalb Gespräche zwischen Eltern und Söhnen in der Pubertät einen ähnlichen Platz einnehmen wie ­Körperkontakt in der frühen Kindheit. Warum Eltern dann wichtiger denn je sind. Wie die Balance zwischen Bindung und Loslassen gelingt. Und weshalb die Jungen-Pubertät länger dauert als oft angenommen.
Interview: Kristina Reiss 
Bilder: Patrick Junker

Herr Winter, in fast allen Familien ist die Pubertät ein grosses Thema. Vor allem bei Söhnen befürchten Eltern oft, dass diese Zeit schwierig wird. Zu Recht?

Zumindest statistisch geben Buben mehr Anlass zur Sorge: Im Vergleich zu Mädchen sind sie gewaltbereiter, werden öfter kriminell, sind eher in Unfälle verwickelt und konsumieren häufiger Drogen.

Ist die Mädchen-Pubertät aus ­Elternsicht also leichter?

Nein, nur anders. Sie beginnt auch fast zwei Jahre früher. Bei Jungen zeigen sich erste Anzeichen der Vorpubertät mit neun oder zehn Jahren. Später sorgen Testosteron-Schübe dafür, dass ihr Körper maskuliner und muskulöser wird, der Stimmwechsel kommt hinzu, das Genital bekommt mehr Wahrnehmung. Überhaupt ist der sexuelle Drang bei Buben stärker ausgeprägt und will ausgelebt werden – was sich im ­Vergleich zu Mädchen in mehr Selbstbefriedigung und mehr Pornokonsum äussert. Auch psychisch verändert sich viel: Die Frage «Wer bin ich als Mann?» treibt Jungen um, depressive Stimmungen gehören dazu. Allerdings sind diese bei Jungen weniger anerkannt, weil sie nicht ins Männlichkeitsbild passen, und werden auch seltener entdeckt. Gleichzeitig ist die Suizidrate bei Jungen dreimal höher als bei Mädchen. Was zeigt: Die Befindlichkeit von Jungen in der Pubertät findet zu wenig Beachtung.
Reinhard Winter, 61, gilt als einer der profiliertesten Jungenexperten im deutschsprachigen Raum. Der Vater zweier erwachsener Kinder ist Diplompädagoge, in der Leitung des Sozialwissenschaftlichen Instituts Tübingen (D) und Autor zahlreicher Bücher zu Jungenthemen. Zuletzt erschien von ihm «Jungen und Pubertät. In Beziehung bleiben, wenn alles anders wird», Beltz 2020, ca. 24 Fr.
Reinhard Winter, 61, gilt als einer der profiliertesten Jungenexperten im deutschsprachigen Raum. Der Vater zweier erwachsener Kinder ist Diplompädagoge, in der Leitung des Sozialwissenschaftlichen Instituts Tübingen (D) und Autor zahlreicher Bücher zu Jungenthemen. Zuletzt erschien von ihm «Jungen und Pubertät. In Beziehung bleiben, wenn alles anders wird», Beltz 2020, ca. 24 Fr.

Manche Pädagogen wie etwa Jesper Juul finden, in der Pubertät sei bereits alles entschieden, die Erziehung ­abgeschlossen. Sie wiederum sagen: Für das Gelingen der Jungen-Pubertät sind Eltern wichtiger denn je. Welche Aufgaben haben Mütter und Väter in dieser Phase?

Den Sohn seinen eigenen Weg gehen zu lassen, aber dennoch in Beziehung zu bleiben. Das Schwierigste ist, ihn loszulassen – was auch für Mädchen in der Pubertät gilt. Söhnen jedoch trauen Eltern tendenziell weniger zu – weil Buben in der Kindheit häufiger Schwierigkeiten haben, etwa beim Spracherwerb. Die Etikettierung von Jungen als Problemträger macht das nicht leichter. Gleichzeitig sollten Mutter und Vater die Beziehung nicht abreissen lassen und beleidigt reagieren, wenn der Junge abtaucht und in Ruhe gelassen werden will.

In der Pubertät wird die Redeabteilung des Gehirns neu zusammengesetzt, was zur Folge hat, dass Eltern gefühlt alles hundertmal sagen ­müssen. Wie rede ich mit meinem pubertierenden Sohn am besten?

Zunächst hilft zu respektieren: Ja, es ist gerade schwierig! Ansonsten gilt: Dranbleiben! Die meisten Jungen senden Signale, wann sie reden wollen. Mein Sohn etwa hat es gehasst, wenn ich ihn beim Mittagessen fragte: «Wie war es in der Schule?» Aber es gab Zeitfenster, in denen er gesprächig ­wurde. Leider war dies meist, wenn ich gerade ins Bett wollte. So schlugen wir uns gemeinsam Nächte um die Ohren. Gespräche zwischen Eltern und Sohn sind sehr wichtig, sie nehmen in der Pubertät einen ähnlichen Platz ein wie Körperkontakt in der frühen Kindheit. Deshalb: Achten Sie auf seine Signale. Und vor allem: Legen Sie sich eine neue Kommunikationstechnik zu.
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Wie meinen Sie das?

Buben nervt es, wenn ihre Eltern an der Kind-Kommunikation nichts ändern – wenn sie weiterhin Aufträge erteilt bekommen oder ausgefragt werden, wen sie wo treffen. Dies alles interessiert Eltern natürlich zu Recht. Doch bei Jugendlichen funktioniert diese Verhörtaktik aus Kindertagen nicht mehr, sie signalisiert ihnen lediglich: «Ich bin der Chef.» Deshalb sollten Eltern mehr auf Augenhöhe kommunizieren, auch von sich erzählen – wie es ihnen geht, was sie beschäftigt, wie es in ihrer Pubertät war.

Und wenn der Sohn nicht reden will?

Das muss man ein Stück weit respektieren. Gleichzeitig gilt es ihn immer wieder zum Gespräch aufzufordern, nicht locker zu lassen. ­Jungen brauchen häufig sehr viele Einladungen. Oft blocken sie, weil sie ahnen, welches Ergebnis das Gespräch haben könnte. Sind Eltern selbst enttäuscht, sollten sie das Reden verschieben. Brechen Sie ein Gespräch lieber ab, wenn es in die falsche Richtung läuft oder Sie merken, dass Ihnen der Hals schwillt. Eine Eskalation bringt nichts. Stattdessen in einem ruhigen Moment vorschlagen: «Können wir mal übers Reden reden? Wie kriegen wir das besser hin?» Pubertät ist für alle Beteiligten eine neue Erfahrung und verläuft bei jedem Kind anders. Deshalb ist es wichtig, rauszufinden, was für alle gut passt – was sich allerdings ständig verändert.
<div>Dieser Artikel gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/vater"><strong>Online-Dossier Väter. </strong></a>Lesen Sie mehr zu Themen wie: Vom <strong>Wunsch nach Vaterschaft</strong> <strong>und den Herausforderungen</strong> des Lebens mit Kindern.</div>
Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier Väter. Lesen Sie mehr zu Themen wie: Vom Wunsch nach Vaterschaft und den Herausforderungen des Lebens mit Kindern.

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