Lutz Jäncke: «Eltern müssen ihre Kinder viel mehr führen»
Elternbildung

«Eltern müssen ihre Kinder viel mehr führen» 

Der Neuropsychologe Lutz Jäncke zeichnet in seinem neuen Buch ein düsteres Zukunftsbild und fordert von den heutigen Eltern viel Engagement. Eine gesunde Entwicklung des Gehirns werde aufgrund der rasenden Vernetzung immer schwieriger.
Interview: Bianca Fritz 
Bilder: Sebastian Magnani / 13 Photo
Lutz Jäncke ist in seinem Ferienhaus in Spanien, als dieses Interview per Zoom stattfindet, die Internetverbindung ist etwas wackelig. Spazieren, nachdenken, schreiben, redigieren und ein paar Doktorarbeiten betreuen, das habe ihn in den vergangenen Tagen beschäftigt, erzählt er. Jänckes virtueller Hintergrund zeigt ein Gehirn, das in eine Geige übergeht.

Herr Jäncke, in Ihrem demnächst erscheinenden neuen Buch «Von der Steinzeit ins Internet» zeichnen Sie ein ziemlich pessimistisches Bild, was unseren Umgang mit Medien angeht. Warum? 

Meine These ist: Wir sind nicht für die moderne Welt gemacht. Wir ­werden so lange überflutet mit der Masse an Informationen, bis wir ­daran ersticken. Ich weiss, das ist nicht angenehm, aber ich sehe das nun mal so: Wir sind soziale Tiere. Uns gibt es erst so seit 150'000 bis 200'000 Jahren. Seit ungefähr 80'000 bis 90'000 Jahren wandert der Mensch durch die Welt. In kleinen Gruppen von vielleicht 20 bis 50 Personen. Das bedeutet: Der frühe Homo sapiens hat in seinem ganzen Leben vermutlich weniger ­Menschen gesehen als ich, wenn ich vom Bahnhof Stadelhofen nach Zürich-Oerlikon mit dem Tram fahre. Nur mit diesen wenigen Menschen musste er sich kommunikativ auseinandersetzen. In den vergangenen 13 Jahren hat sich die Welt so dramatisch verändert wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte.

Inwiefern?

2007 hat Steve Jobs das iPhone vorgestellt. Das hat eine technische und kulturelle Revolution ausgelöst, die in so kurzer Zeit noch nie statt­gefunden hat. Es hat die Art und Weise, wie wir kommunizieren, ­völlig verändert, wie wir fernsehen, wie wir Zeitung lesen, ob wir überhaupt noch Zeitung lesen, ob wir Bücher lesen, wie wir Bücher lesen und so weiter. Hinzu kommt die Explosion in der Internetwelt. Über 70 Prozent aller Menschen weltweit haben Zugang zu Mobiltelefonen und den sozialen Medien. Diese enorme Verbundenheit hat viele Vorteile, keine Frage. Zum Beispiel wie wir jetzt hier per Videokonferenz reden. Gleichzeitig nimmt die Menge von Bullshit im Internet exponentiell zu. Jeder Irrsinn findet seinen Weg ins Internet. Die gute Information wächst hingegen nur linear.
Lutz Jäncke ist seit 2002 ordentlicher Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich und Autor sowie Herausgeber mehrerer Bücher. Seine wissenschaftlichen Arbeiten zählen zu dem einen Prozent der am häufigsten zitierten weltweit. Jäncke arbeitet heute im Bereich der funktionellen Neuroanatomie mit Fokus auf der kortikalen ­Plastizität im Zusammenhang mit dem Lernen. Jäncke hat zwei erwachsene Söhne. Am 10. Mai erscheint sein neues Buch: Von der Steinzeit ins Internet. Der analoge Mensch in der digitalen Welt. Hogrefe 2021, 192 Seiten, ca. 33 Fr.
Lutz Jäncke ist seit 2002 ordentlicher Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich und Autor sowie Herausgeber mehrerer Bücher. Seine wissenschaftlichen Arbeiten zählen zu dem einen Prozent der am häufigsten zitierten weltweit. Jäncke arbeitet heute im Bereich der funktionellen Neuroanatomie mit Fokus auf der kortikalen ­Plastizität im Zusammenhang mit dem Lernen. Jäncke hat zwei erwachsene Söhne. Am 10. Mai erscheint sein neues Buch: Von der Steinzeit ins Internet. Der analoge Mensch in der digitalen Welt. Hogrefe 2021, 192 Seiten, ca. 33 Fr.

Warum wächst die Menge dieses ­Bullshits schneller als die der guten Information? 

Weil nahezu alles mehr oder weniger unselektioniert seinen Weg ins Internet findet. Da wir die Menge nicht mehr überblicken und selektionieren können, werden zur Auswahl ineffiziente Strategien genutzt. Das führt letztlich dazu, dass wir immer anfälliger werden für die Informationen, die herausstechen. Emotionale, einfachere Informationen, die auffallen. Damit werden wir manipulierbar.
Anzeige

Aber jeder hat doch die Wahl, womit er sich beschäftigt.

Was macht der Mensch, wenn er mit vielen Informationen konfrontiert wird? Wenn Sie im Geschäft drei Alternativen haben, werden Sie abwägen nach Preis, Qualität und so weiter. Was machen Sie aber, wenn Sie zwischen 20, 50 oder 100 Angeboten entscheiden müssen? Wir sind dann überfordert. Das ist wie bei Netflix: Wenn Sie nicht wissen, was Sie schauen wollen, aber 1000 Filme angeboten bekommen, werden Sie zappen. Sie lassen sich leiten von den Reizen und daran werden wir ersticken, weil wir uns abhängig machen von der Attraktivität der Reize, die uns auswählen.

Was meinen Sie denn konkret mit ­diesem Ersticken? 

Ich gehe davon aus, dass wir zunehmend unsere eigene Kontrolle verlieren. Wir werden geleitet von Internet-Informationen, und das machen sich dann andere Menschen zunutze. Beispielsweise Regierungen, Machthaber, Wirtschaftsbosse. Das ist nichts Spekulatives. Ich bin weiss Gott kein Verschwörungstheoretiker. Die globale Manipulation passiert bereits jetzt. Cambridge Analytica beispielsweise ist eine von vielen amerikanischen Meinungs­macher-Firmen, die nichts anderes tun, als uns über Google, Facebook und so weiter auszuspionieren. Die erstellen Persönlichkeitsprofile und damit beeinflussen sie unsere Entscheidungen und unser Leben. Unsere ganze Einstellung zur Politik wird heute mehr durch das kontrolliert, was wir im Internet sehen, als durch Be­richte von seriösen Journalisten. Das macht mir Sorge. Und es passiert, weil wir zu Lustwesen werden, die ihren Grips nicht einsetzen.

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.