Ferienende: Absturz in den Alltag - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Ferienende: Absturz in den Alltag

Lesedauer: 4 Minuten

Je schöner die Familien-Ferien, umso tiefer der Fall bei der Rückkehr nach Hause. «Warum nur schaffen wir es trotz bester Vorsätze nicht, die Erholung mitzubringen?», fragt sich Dreifach-Mama Ulrike Légé.

Ich hasse es, zurückzukommen aus den Familienferien. Es reicht genau dieser eine Tag mit Abreise und Ankommen zu Hause, und mein gesamter Urlaubseffekt fällt in sich zusammen wie ein frischgebackenes Soufflé im Kühlschrank. Puff, einfach weg ist die ganze Erholung!

Und das, egal, wie schön und relaxed wir es hatten am Strand oder in den Bergen. Im Gegenteil, unser Murphy‘s Law vom Urlaub ist: Je schöner die Ferien, desto spektakulärer unser Absturz in den Alltag.

Es fängt schon beim Packen für die Rückfahrt an: Keiner hat Lust, alle haben plötzlich dringend etwas vor. Papi braucht mehr als eine Stunde, um die Rechnung zu zahlen. Beziehungsweise so lange, bis ich wie eine Kampfhenne losstürme, ihn in der Hotelbar finde und loseise. Die Mädels murmeln etwas von «Freundinnen verabschieden» und verschwinden einfach. Dem Teenie-Sohn scheint die Sonne gezielt Teile seines Gehirns lahmgelegt zu haben: Er schafft es zwar, alle Kumpels in Fortnite zu besiegen, aber einfachen Anweisungen wie «Kleider in Koffer legen» kann er nicht mehr folgen.

Sesam öffne dich, Koffer schliesse dich!

Unsere Klamotten müssen sich während des Urlaubs ausgedehnt haben wie diese Mini-Schwämmchen-Rollen, aus denen plötzlich ein ganzes Handtuch wird. Vielleicht klebt auch zu viel Sand in den Kleidern. Was sicher nicht stimmt, ist die Behauptung meines Mannes, wir hätten wieder zuviel geshoppt. Auf jeden Fall gehen die verdammten Koffer nicht zu.

Draussen hupt schon der Shuttle Bus, während ein Kind noch schnell muss. Ein anderes verfärbt sich nach ein paar Minuten Busfahrt weiss-grün-gräulich. Später im Flugzeug bei den Turbulenzen wird ihm dann das zweite Mal schlecht. Woraufhin der Teenie lospoltert: «Ey, Ihr seid aber auch in jeder Situation so etwas von endpeinlich, mit euch kann man ja nirgendswohin!» 

Stunden später stehen wir mit einem Muffelteenie, einem heulenden und einem vollgekotzten Kind so lange am Gepäckband, bis unsere Koffer als letzte eintrudeln. Mit Klebeband zusammengehalten, wahrscheinlich unterwegs explodiert. Sie waren ja ein klitzekleines bisschen zu voll.

Nur Menschen können auf engstem Raum beisammen sitzen, meint eine Verhaltensforscherin. Die sass noch nicht mit uns im Auto.

Übrigens: Im Auto zu reisen, ist auch nicht besser. Eine Verhaltensforscherin schwärmte mal, nur wir Menschen könnten es mit unserer hoch entwickelten Sozialkompetenz auch in kleinsten Räumen zusammen aushalten. Affen würden sich umbringen.

Dann sind wir wohl Affen. Im Auto könnte ich meinen Mann umbringen, weil er nur schweigend Kilometer fressen will und mir den ganzen «Mami, ich hab‘ Hunger / muss Pipi / will das iPad / wann sind wir endlich da / mir ist übel …»-Zirkus komplett allein überlässt. Mein Mann könnte mich umbringen, weil ich mit seiner neuen App nicht klarkomme und uns direkt in den grössten Stau gelotst habe. Die Kinder bringen sich sowieso grundsätzlich gegenseitig um.

Zu Hause folgen böse Überraschungen

Irgendwann sind wir endlich zu Hause, mit unseren Monster-Koffern. Trautes Heim, Glück allein? Wenn nur die Bewässerung funktioniert hätte, unser Garten sieht aus wie eine Tabak-Plantage. Oder die Postumleitung – aus unserem Briefkasten quillt das Papier und verteilt sich im Vorgarten wie bei Familie Flodder. 

Drinnen entdecken wir dann weitere nette Willkommens-Überraschungen: Die Toilette, die ein Kind im Abfahr-Stress nicht mehr gespült hat, weswegen es bei uns riecht wie im Raubtier-Gehege. Die entzückende Ameisen-Grossfamilie, die es in unserer Küche so richtig gemütlich findet. Der grau-pelzige Haufen in der Vorratskammer, bei dem wir nur rätseln können, ob es mal Äpfel oder Birnen gewesen sind. 

Natürlich rätseln wir nicht, sondern streiten uns erstmal, wer das alles hätte sehen müssen. Mein Mann findet, ganz klar ich, denn er war vor der Abreise ja am Auto-Beladen und Pässe suchen und überhaupt mit den wichtigen Dingen beschäftigt. Ich gehe daraufhin hoch und schreie, ich sei wohl nicht für alles zuständig, was er grad nicht wichtig fände! Überhaupt könnte er sich seinen chauvinistischen Seich sonstwohin … da merken wir, dass unsere Nachbarin gerade mit einem Einschreiben an der offenen Tür steht, was sie netterweise entgegengenommen hatte.

Eisig schweigend arbeiten wir dann weiter. Mein Mann schleppt tonnenschwere Koffer und murmelt etwas von Bandscheiben. Ich schmeisse eine verdammte Maschine Wäsche nach der anderen an und murmle etwas von Hausfrauen-Sklaverei. 

Wir wollten unser Urlaubs-Ich mit nach Hause bringen. Und nicht nur dreckige Wäsche.


Dabei hatten wir uns das doch alles so anders vorgenommen im Urlaub, gestern erst – vor gefühlt drei Wochen. Wir wollten nach Hause kommen, uns über nichts aufregen, nichts gleich anpacken und wegschaffen. Wir wollten uns direkt auf die Terrasse setzen, ein kühles Bierchen trinken, Ferienmusik anmachen und den Urlaub so richtig schön zusammen ausklingen lassen. Wir wollten endlich mal über den Dingen stehen und unser erholtes, lässiges Urlaubs-Ich nach Hause bringen statt nur dreckige Wäsche.

Jetzt gibt die Waschmaschine den Geist auf. War wahrscheinlich wirklich zu viel Sand in den Kleidern. Oder sie verträgt den krassen Wechsel von Urlaub auf Volldampf genauso wenig wie wir. «Ich bin so ein verdammter Scheiss-Spiesser geworden», heule ich los. Da steht mein Mann plötzlich in der Tür und nimmt mich in den Arm. «Mach‘ nicht immer Stress um nix, Mama», meint mein Teenie-Sohn und öffnet den Filter. Woher kann er das? Lernt man so was in Fortnite? «Guckt mal, wir haben Brombeeren», schreien die Mädchen aus dem Garten.

Und dann sitzen wir im Gras, zwei beerenfleckige Kinder, ein stolzer Teenie, mein Mann und ich. Die Sonne scheint, zwar nicht so warm wie im Urlaub, aber immerhin. Wir sind zu Hause. Wir lassen die verflixte Wäsche einfach Wäsche sein, die Koffer im Flur rumstehen und beschliessen, Pizza zu bestellen.

Schliesslich ist ja offiziell immer noch Urlaub. Eigentlich ein richtig schöner Urlaub. Nur dieses Nach-Hause-Kommen ohne Total-Absturz, das müssen wir noch lernen. Das können wir hoffentlich, denn wir sind ja keine Affen.

Ulrike Légé ist freie Autorin und wohnt mit ihrer 5-köpfigen Familie in Therwil (BL).
Ulrike Légé ist freie Autorin und wohnt mit ihrer 5-köpfigen Familie in Therwil (BL).


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