Youtube als Nachhilfelehrer
Mediennutzung

«Mein Nachhilfelehrer heisst Youtube»

Kinder lernen mithilfe von Videoportalen eine Menge mehr, als wir ­glauben. Pädagogen nutzen dies für innovative Unterrichtsformen. Die beste Lernunterstützung ist aber stets ein ausgewogener Mix.
Text: Thomas Feibel
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Wenn Kinder Zeit auf Youtube verbringen, sehen das Eltern oft mit gemischten Gefühlen. Schliesslich verführt kaum ein Onlineangebot so sehr zum reinen Konsumieren wie das grösste Videoportal der Welt. Da nach einem Clip – von der Werbung einmal abgesehen – gleich das nächste Filmchen beginnt, wird der Zuschauer meist zum Weiterschauen verführt.

Somit kann es kaum verwundern, wenn der Nachwuchs in diesem prallvollen Angebot aus Musikvideos, Let’s-Play- und Influencer-Filmen kein Ende findet. Allerdings hat Youtube auch seine praktischen Seiten. Lern- und Erklärvideos zu jedem beliebigen Thema aus der realen Lebenswelt weisen einen sehr hohen Nutzwert auf.

Wer zum Beispiel nicht weiss, wie sich beim Velo der Schlauch des Hinterrads wechseln lässt, schaut sich dazu ein Tutorial auf Youtube an. Auch Kinder und Jugendliche greifen verstärkt bei schulischen Belangen auf die Videoplattform zurück, etwa um sich einen Sachverhalt genauer erläutern zu lassen, den sie im Unterricht nicht ganz verstanden haben.

Dass Schüler freiwillig Lernclips anschauen, ist nicht erstaunlich: Diese Generation denkt pragmatisch und nutzt alles, was ihr nützt.

Lernsoftware versus Tutorials

Das war auch schon einmal anders. Als es noch vor wenigen Jahren einen prosperierenden Lernsoftwaremarkt gab, hielt sich bei Kindern die Begeisterung in Grenzen, wenn ihnen ihre Eltern ein Mathe- oder Englischprogramm schenkten. Zudem traf der Begriff Lernsoftware nicht wirklich zu. Vielmehr handelte es sich bei diesen Produkten – zu den gängigen Schulfächern Mathe, Deutsch und Englisch – um reine Übungsangebote für den Nachmittag.

Sie hatten deutliche Grenzen: Wer das Grundprinzip von Bruchrechnen oder von Termen und Gleichungen nicht durchdrungen hatte, dem konnte auch eine solche Lernsoftware nicht helfen. Genau dazu sind aber gute und plausible Tutorials auf Youtube durchaus in der Lage.

Mit Smartphones und Tablets liegen die  Vorteile von Video-Tutorials sprichwörtlich auf der Hand:

  • Das Videoportal funktioniert so einfach wie eine Suchmaschine.

  • Es ist kostenlos (worunter übrigens die kostenpflichtigen Nachhilfeportale im Internet leiden).

  • Videos sind in der Rezeption niedrigschwellig, lassen sich leicht und rasch ansehen.

  • Filme und Animationen können bestimmte Vorgänge besser darlegen.

  • Es muss nichts gelesen werden – das kommt dem Medienverhalten junger Menschen entgegen.

  • Die Clips lassen sich jederzeit anhalten oder wiederholen.

  • Im Gegensatz zum Nachhilfelehrer aus Fleisch und Blut haben die Erklärfilme dann Zeit, wenn Kinder und Jugendliche auch Zeit dafür haben.

  • Hinzu kommt der Coolness-Faktor: Manche Online-Tutoren sind nur knapp älter als ihre Zielgruppe. Sie sprechen ihre Sprache, sind mitunter witzig und kommen nicht so verstaubt rüber.
Nutzen Kinder und Jugendliche Youtube für ihren Schulerfolg, werden gleichzeitig weitere wichtige Lernschritte gefördert: Der Schüler kann seine Schwäche realistisch erkennen und konkret etwas dagegen unternehmen, ohne dass ihn jemand drängt oder er jemanden fragen oder bitten muss. 

Auf diese Weise wird die eigene Motivation geweckt, die eine antreibende Wirkung entfaltet. Der Lernende konzentriert sich eigenständig auf sein (Lern-)Ziel und entwickelt dabei eigenverantwortliches Handeln und Lernen. Alles Eigenschaften, die ihm später in Ausbildung, Studium, Beruf und im Leben von grossem Nutzen sein werden. 
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Das Prinzip umgekehrtes Klassenzimmer

Diese Vorzüge der digitalen Medien hat auch die Pädagogik erkannt. Längst sind Lehrerinnen und Lehrer nicht mehr so unentspannt und verkrampft wie vor wenigen Jahren, wenn es um Digitalität im Unterricht geht. «Der selbstverständliche und differenzierte Einsatz von Medien im Unterricht», schreibt der Medien­pädagoge Thomas Merz von der Pädagogischen Hochschule Thurgau in «Medienbildung im digitalen Zeitalter», «ermöglicht es, Unterrichtsformen zu öffnen, selbstgesteuerte Lernprozesse zu initiieren, ­Teilhabe zu fördern und alte, fest­gefahrene Unterrichtsstrukturen und Hierarchien aufzubrechen.»

Einige Pädagogen nutzen darum schon heute das Modell des sogenannten «Flipped Classroom». Darin wird das bisherige Lernprinzip umgedreht: Der Lehrer oder die Lehrerin bereitet das Thema nicht im Unterricht auf, sondern lässt es die Schüler zu Hause selbständig erarbeiten, um dann später im Unterricht gemeinsam die Anwendung zu üben. Auch das dient der Stärkung der Eigeninitiative beim Lernen. «Flipped Classroom» erweitert die Vermittlungsmethoden ungemein um neue und motivierende Facetten – ist aber kein Allheilmittel gegen schlechte Noten.

Schlechte Noten beunruhigen

Bringen Kinder und Jugendliche schlechte Noten nach Hause, schlagen Eltern schnell Alarm. Schlechte Zensuren sind zwar ein Hinweis auf eine augenblicklich brenzlige Situation, liefern aber keine Erklärungen für die Ursachen. Obwohl Schülern gerne Faulheit unterstellt wird – was zuweilen nicht ganz falsch sein mag –, können die Gründe vielfältiger sein. 

So gibt es Lehrerinnen und Lehrer, die sich beim Voranschreiten im Lernstoff an guten Schülern orientieren, oder sie sind so tief in ihrer Thematik, dass sie gar nicht merken, wenn schwächere Schüler auf der Strecke bleiben. Hinzu kommen starke Schwankungen in der Gemütsverfassung und Konzentration von Schülern in der Pubertät. Manche Schüler haben Kummer, andere werden vielleicht gemobbt. Bei schlechten Noten gilt es also genau hinzusehen, wie es dem Kind gerade geht und welche anderen Dinge es beschäftigen.

Fazit: Tutorials aus dem Internet können Kinder und Jugendliche auf mehreren Ebenen unterstützen, den Lernstoff gut erläutern und eigenständiges Lernen fördern. Das ist toll. Aber sie nehmen ihnen etwa das Lernen von Vokabeln nicht ab. Natürlich können Abfrage und ­Kontrolle mit Computer und Smartphone mehr Spass machen, der Lernnachmittag sollte allerdings aus einer guten Lernmischung bestehen: Neben technischen Geräten helfen das Kartensystem und das Abfragen vonseiten der Eltern. Nicht Youtube ist der ideale Nachhilfelehrer, sondern ein ausgewogener Mix.

Lernen mit und ohne Internet

  • Lerngruppen aus Schülern können sinnvoll sein, weil sie sich untereinander ­Vorgänge auf Augenhöhe erklären.

  • Manche Kinder empfinden es als Druck, wenn Vater und Mutter sich zu sehr als Lernpartner anbieten.

  • Aussagen wie «du bist doch intelligent» oder «dir liegen doch eigentlich Sprachen» helfen bei schlechten Noten nicht weiter.

  • Schauen Sie sich Tutorials für den Schulstoff gemeinsam mit Ihren Kindern an, um zu entscheiden, welcher Beitrag ­hilfreich ist und welcher nicht.

  • Die Schule ist für uns Eltern sehr lange her. Wer seinem Kind helfen möchte, muss sich den alten Stoff wieder ­erarbeiten. Erklärvideos können uns auch dabei unterstützen.

  • Kinder brauchen eine gute und ruhige Lernumgebung.

  • Kein Smartphone beim Lernen, Computer aber schon.

Zum Autor:

Thomas Feibel, 56, ist einer der führenden ­Journalisten zum Thema «Kinder und neue Medien» im deutschsprachigen Raum. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

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