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Elternbildung

Wie kann ich ein gutes Vorbild sein?

Oft werden Eltern mit dem Vorwurf konfrontiert, ihrer Vorbildfunktion nicht gerecht zu werden. Unser Kolumnist plädiert für einen entspannteren Umgang und mehr Mut zu Fehlern und Authentizität.
Text: Thomas Feibel
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Plötzlich ertönt ein Klingelton. Mitten im Theaterstück. Irgendein Idiot hat vergessen, sein Handy auszuschalten. Blöd, wenn dann die Teenagertochter ihre Hand auf meinen Arm legt und nur ein Wort flüstert: «Papa!»

Der Idiot – das bin ich. Schon wieder.

Früher schien die Sache mit der Vorbildfunktion einfacher. Der Fernseher wurde erst eingeschaltet, wenn die Kinder im Bett waren. Und mit Videospielen verhielt es sich noch simpler: Die meisten Eltern spielten keine.

Seit dem Einzug des Smartphone in unser Leben ist es schwieriger geworden, ein gutes Vorbild zu sein. Schlimmer noch: Zum ersten Mal in der Geschichte der Medien verlangen Eltern von ihren Kindern, dass sie mit dem Handy etwas können, zu dem wir selbst nicht in der Lage sind: zu widerstehen.

Beim Fernsehen haben wir gelernt, ihn nicht schon morgens einzuschalten, sondern erst, wenn wir Zeit dazu haben. Aber der Fernseher macht auch nicht von selbst auf sich aufmerksam. Im Gegensatz zum Smartphone, das mit Klingeln, Brummen und Vibrieren alles jederzeit unterbricht. Daran haben wir uns leider gewöhnt.

Was ist der Preis der Unabhängigkeit?

Nichts hat unser Medienverhalten so massiv umgekrempelt wie das Mobiltelefon. Ohne jeden Zweifel ist es ein wunderbares Gerät: Mit seinen vielen nützlichen Funktionen macht es unser privates und berufliches Leben komfortabler.

Wir sind immer und überall «on» – das ist eine grosse Freiheit. Und eine ebenso grosse Last, weil wir auch abends nicht mehr zur Ruhe kommen. Fataler noch: durch Anrufe und Nachrichten werden die Strassenbahn oder der Supermarkt zum Homeoffice. Und alle hören zu. Bei fremden Personen fällt es einem sofort negativ auf, bei einem selbst nicht.
Gehen Sie mit Ihrem Kind lieber eine Dreiviertelstunde ohne Smartphone auf den Spielplatz, als drei Stunden mit.
Wenn Eltern den Kinderwagen mit dem Smartphone in der Hand schieben oder ein Anruf das Brettspiel oder die Kontrolle der Hausaufgaben unterbricht, lernen Kinder früh, die Aufmerksamkeit ihrer Eltern mit einem Gerät zu teilen. Deshalb empfiehlt die amerikanische Soziologin Sherry Turkle, mit den Kindern lieber eine Dreiviertelstunde ohne Smartphone auf den Spielplatz zu gehen als drei Stunden mit.

Mittlerweile beklagen sich immer mehr Erzieherinnen, dass manche Väter und Mütter ihren Nachwuchs telefonierend vom Kindergarten abholen. Gespräche über die Geschehnisse des Tages können so nicht stattfinden.

Auch immer mehr Kinder sind unzufrieden. Die Eltern würden nicht mehr richtig zuhören, wenn sie ihnen etwas erzählen wollen, oder sie fühlen sich durch Sätze wie «jetzt nicht – ich muss noch schnell die Mail beantworten» abgebügelt.

Das Smartphone ist so leise und schleichend in unser Leben getreten, dass es uns nicht mehr bewusst zu sein scheint, wie stark wir damit ver­haftet sind. Darum plagt uns sofort das schlechte Gewissen, wenn jemand mit der Vorbildkeule kommt. Nur, was soll das eigentlich sein: ein gutes Vorbild?

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