Nimm dir mal Zeit für eine Mahlzeit

Bei Tisch Mails checken, durchs Küchenfenster den Gspänli beim Spielen zusehen oder dem Dessert entgegenfiebern – Ablenkungen beim gemeinsamen Essen gibt es viele. Dabei ist es gerade für Familien wichtig, sich in Ruhe auf die Mahlzeit zu konzentrieren.
Kinder gehen mit anderen Augen durch die Welt als wir Erwachsenen. Während ich an der kleinen Schnecke vorbeilaufe, kann ich sicher sein, dass meine Tochter das Tier entdeckt, es ausführlich betrachtet, gleichzeitig die Helikoptergeräusche im Hintergrund wahrnimmt und mich darauf hinweist. Kinder sehen, hören und fühlen intensiver als erwachsene Menschen. Auch beim Essen – gerade in den ersten Esserfahrungen sollen Kinder das Essen mit allen Sinnen wahrnehmen. Mit den Händen können sie es ertasten, mit der Nase daran riechen, im Mund und mit den ersten Zähnen die verschiedenen Konsistenzen erkennen und die Geschmäcker kennenlernen.

Doch weil Kinder so wahnsinnig viel aufnehmen können, passiert es auch rasch, dass sie sich während des Essens ablenken lassen und dadurch das intuitive Essen in den Hintergrund rückt. Kinder und insbesondere Kleinkinder sind eigentlich geborene intuitive Esser. Sie schreien, wenn sie Hunger haben, und stoppen, wenn sie gesättigt sind. Egal zu welcher Tages- und Nachtzeit. Die Kinder verlassen sich dabei auf ihre inneren Reize. Die Nahrung dient allein dazu, den Hunger zu stillen. Je älter wir werden, desto stärker wird das Essen dann durch äussere Reize oder durch rationale Einstellungen beeinflusst. Zu diesen Faktoren, welche unsere Intuition beim Essen überlagern, gehören beispielsweise:

Verbote von Nahrungsmitteln: Werden bestimmte Produkte für Kinder verboten, erhöht dies den Wunsch nach genau diesen Nah-rungsmitteln – Verbotenes ist interessant. Entscheidungen werden dadurch weniger intuitiv getroffen.

Ablenkungen beim Essen: Essen Kinder in grosser Gesellschaft und mit viel Ablenkung, kann dies dazu führen, dass sie mehr essen, als sie eigentlich brauchen. Oder das Gegenteil tritt ein und vor lauter Schwatzen wird zu wenig gegessen. Die grösste Ablenkung der Gegenwart ist das Smartphone. Werden beim Mittagessen gleichzeitig Mails gecheckt oder Videos geschaut, schmeckt die Mahlzeit nur halb so gut. Und das ist wirklich so: Bei Ablenkung beziehungsweise Multitasking nehmen wir den Geschmack der Mahlzeit weniger intensiv wahr. Dies führt dazu, dass wir mehr davon essen, um doch noch ein befriedigendes Gefühl zu erlangen.

Bewertung der Nahrungsmittel: Manchmal beeinflussen rationale Entscheidungen die Wahl unserer Lebensmittel, beispielsweise dass ein bestimmtes Produkt als gesund gilt. Der Geschmack ist in diesem Moment zweitrangig.

Von aussen vorgegebene Menge: Wenn nicht der Hunger darüber entscheidet, wie viel wir von etwas essen, sondern die Packungsgrösse, dann nimmt die Kompetenz, selbst abschätzen zu können, was und in welcher Menge dem eigenen  Körper guttut, stetig ab. Werden Kinder in ihrer Essens menge beschränkt, kann das dazu führen, dass sie ihrem Hunger- und Sättigungsgefühl nicht mehr vertrauen.

Essen als Belohnung: Das Essen dient nicht mehr der Sättigung,  sondern wird als Anreiz eingesetzt, um ein gewünschtes Verhalten des Kindes zu erwirken. Die inneren Reize (Hunger- und Sättigungsgefühl) werden ignoriert.

Emotionales Essverhalten: Ein grosses Thema, gerade in einer Zeit, in der Stress zum guten Ton gehört und Essen dabei oftmals instrumen-talisiert wird. Wer isst, um die eige-nen Gefühle zu verdrängen, starke Emotionen zu dämpfen oder einfach für einen Moment lang alle Sorgen zu vergessen, nimmt die Signale sei-nes Körpers dabei auch nicht mehr richtig wahr. 

Achtsamkeit üben

Achtsamkeit wurde in den letzten Jahren zu einem Modewort. Immer und überall sollen wir achtsam durchs Leben gehen. Auch wenn das nur den wenigsten gelingt, lohnt es sich trotzdem, gerade beim Essen wieder genauer hinzuschauen und die wertvollen Sinne zu nutzen. Denn mehr Achtsamkeit beim Essen bedeutet längeren und intensiveren Genuss und mehr Wohlbefinden im Bauch. Ihre Kinder lernen von Ihnen und Ihrem Essverhalten, Sie können die Intuition Ihres Kindes mit Ihrem eigenen Verhalten fördern. Indem Sie sich Zeit nehmen fürs Essen, am Tisch mit Ihren Kin-dern sitzen und langsam ohne jegliche Ablenkung essen. 

So können Sie sich und Ihrem Kind das achtsame Essen spielerisch näherbringen: 

  • Riechen: Mit geschlossenen Augen Düfte erraten.
  • Fühlen: Mit den Händen essen, auch für grosse Kinder und Erwachsene.
  • Schmecken: Verschiedene Nahrungsmittel probieren und beschreiben – kann auch mit geschlossenen Augen gemacht werden.
  • Sehen: Zusammen farbenfrohe Teller anrichten.
Wichtig in diesem Zusammenhang scheint mir die Tatsache, dass der Alltag, ob mit oder ohne Kinder, nicht immer planbar ist und ab und zu Überraschungen birgt. Der Drang nach Achtsamkeit soll kein zusätzlicher Druck sein, sondern eine Möglichkeit, sich selbst und den Kindern wieder mehr bewusste Momente im hektischen Alltag zu schenken. Gelingt es an einem Tag mal nicht so gut, folgt der nächste Tag schon bald mit all seinen Chancen für mehr Achtsamkeit. 

7 Tipps für mehr Achtsamkeit am Tisch

  1. Handy, TV, Radio und alle anderen Geräte ausschalten.
  2. Bequem sitzen.
  3. Augen schliessen und am Essen riechen.
  4. Mindestens 20 Mal kauen und bewusst  herunterschlucken.
  5. Abwechselnd mal mit der linken, mal mit der rechten Hand essen.
  6. Fingerfood in die Ernährung miteinbauen, um auch immer mal wieder haptische Erlebnisse zu haben.
  7. Ausreichend Zeit fürs Essen einplanen.

Zur Autorin:

Vera Kessens ist BSc Ernährungsberaterin  SVDE und arbeitet als frei-schaffende Ernährungs-beraterin bei Betty Bossi.
Vera Kessens ist BSc Ernährungsberaterin  SVDE und arbeitet als frei-schaffende Ernährungs-beraterin bei Betty Bossi.