Philip Tarr: «Ärzte müssen sich mit den Sorgen impfkritischer Eltern auseinandersetzen»
Arztbesuch
Seite 2

Wie gehe ich denn im Freundes- und Bekanntenkreis am besten mit Impfskeptikern um?

Zum einen sollten Sie sich darüber im Klaren sein, dass es für diejenigen der wichtigste Punkt ist, dass sie selber entscheiden dürfen darüber, ob und wenn ja, wogegen sie sich und ihre Kinder impfen lassen. Mit «man muss» kommt man da eher nicht weiter. Ich finde es aber nicht daneben, beispielsweise jetzt im Zusammenhang mit der Corona-Impfung denjenigen, die von Angstmacherei reden, deutlich zu sagen: Nein, ist es nicht, wenn man davon schwer krank werden und auch sterben kann. Ich habe da auch von den komplementärmedizinisch orientierten Pädiatern gelernt, mit denen wir zusammen forschen. Die sagen den Eltern: Masern sind mehr als eine harmlose Kinderkrankheit. Wenn ein Kind die bekommt, kann es zehn Tage lang apathisch mit 40 Grad Fieber im Bett liegen, es wird austrocknen, kein bisschen essen und trinken können. Eltern müssen sich bewusst sein, auf was sie sich einlassen. Nicht impfen zu lassen, bedeutet den Aufwand eines lange schwer erkrankten Kindes und das Risiko, dass es zu atypischen Verläufen und Komplikationen kommt. Viele Eltern, die das hören, sind erstaunt, dass es so schlimm werden kann, wenn ihr Kind an Masern erkrankt.
«Ärzte müssen sich mit den Sorgen impfkritischer Eltern auseinandersetzen»

Bei Corona stellt sich ja die Frage einer Impfung für Kinder gerade nicht. Noch nicht?

Die bisherigen Impfstoffe sind ab 16 Jahren zugelassen. Das liegt daran, dass die Studien nur mit Erwachsenen gemacht worden sind und man für Kinder nicht einfach die Wirkstoffdosis verringern kann. Da braucht es eigene Studien, auch, weil das Immunsystem von Kindern anders reagiert als das von Erwachsenen. Es laufen bereits Studien mit 12- bis 18-Jährigen, da wird es allerdings Frühling, bis die Ergebnisse bekannt sind. Kinder sind ja zum Glück bei Corona keine Risikogruppe für einen schweren Verlauf, so dass wir hier nicht in Eile sind.

Viele Eltern, nicht nur die generell impfskeptischen, reagieren auf die in Rekordzeit entwickelten Corona-Impfstoffe sehr zurückhaltend. Zu Recht?

Der entscheidende Punkt ist die fehlende Erfahrung. Als die Impfungen zugelassen wurden, waren gerade einmal 70 000 Menschen zweimal geimpft worden, und man hatte diese Testpersonen nach der zweiten Impfdosis erst zwei, drei Monate beobachtet. Da können natürlich Nebenwirkungen, die erst nach fünf Monaten auftreten, noch nicht aufgefallen sein. Ebenso wenig waren da Impfwirkungen bekannt, die mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:100 000 auftreten, festgestellt worden. Allerdings ändert sich das gerade. Die Zahl der Geimpften steigt täglich, und bald werden wir die Probanden aus den Studien ein halbes Jahr lang nach der Impfung beobachtet worden sein. Das alles gibt zusätzliche Sicherheit und ist Grund genug, weniger skeptisch zu sein.

5 Infos zum Corona-Impfstoff

Wussten Sie, dass ... 

... noch nie ein Impfstoff in so kurzer Zeit entwickelt worden ist wie die Corona-Vakzine? Ein knappes Jahr hat es gedauert von den ersten Studien bis zur ersten Zulassung eines der Impfstoffe in der Schweiz. Möglich war das durch beschleunigte Prozesse seitens der Zulassungsbehörden. Wichtige Tests wurden dabei nicht ausgelassen, stattdessen wurden die wissenschaftlichen Daten schneller und teilweise zeitgleich ausgewertet. 

... dies der weltweit erste sogenannte mRNA-Impfstoff ist? An dem Prinzip wird bereits seit Jahren in der Krebsforschung gearbeitet. Bei dieser Methode wird ein winziges Stückchen Bauplan des neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) verwendet, um dem Körper eine Abwehrreaktion beizubringen. Messenger-Ribonukleinsäuren (mRNA) sind Botenmoleküle, die Baupläne des Erregers in die menschlichen Zellen tragen. Dort angekommen, wird nach diesen Plänen ein Oberflächen-Protein gebaut, beim SARS-CoV-2 das so genannte Spike-Protein. Das Immunsystem erkennt dieses als fremd und bildet dagegen Antikörper. Die Immunantwort hat eingesetzt.   

... der Corona-Impfstoff erst für Personen ab 16 Jahren zugelassen ist? Da das Immunsystem von Kindern anders reagiert als das von Erwachsenen, kann nicht einfach für eine Impfung die Dosis reduziert werden. Die Hersteller der Impfstoffe haben sich bisher auf Erwachsene konzentriert, da Kinder nicht zu den Risikogruppen für einen schweren Verlauf gehören. Studien mit Kindern werden voraussichtlich folgen. Sind diese erfolgreich, kann der Impfstoff auch für sie zugelassen werden. 

... es bei einer Corona-Impfung wie bei anderen Impfungen auch zu Nebenwirkungen kommen kann? Dabei handelt es ich vor allem um sofort auftretende, lokal und zeitlich begrenzte Symptome wie Rötungen, Schwellungen oder Schmerzen an der Einstichstelle. Auch ein Unwohlsein für ein, zwei Tage, Muskel- oder Kopfschmerzen, Fieber und Schüttelfrost können in den ersten Tagen nach einer Corona-Impfung auftreten.

Mehr Infos auf www.swissmedic.ch
Anzeige

<div><strong>Claudia Füssler</strong> ist freie Wissenschaftsjournalistin und lebt in Freiburg im Breisgau.&nbsp; &nbsp;&nbsp;</div>
Claudia Füssler ist freie Wissenschaftsjournalistin und lebt in Freiburg im Breisgau.    

Lesen Sie mehr zum Thema Impfen und Corona: 

  • «Niemand kann zur Corona-Impfung gezwungen werden»
    Die angekündigte Impfung gegen Corona bringt für viele Leute Hoffnung, bei vielen kommen aber gleichzeitig viele Ängste hoch. Franziska Sprecher, Direktorin des Zentrums für Gesundheitsrecht und Management im Gesundheitswesen, über ein Impf-Obligatorium für besondere Personengruppen und die Frage, ob Schulen eine Impfung verlangen können.

  • «Corona-Impfung für Kinder: frühstens in einem Jahr»
    Was sind die neusten Erkenntnisse zur Rolle der Kinder in der aktuellen Corona-Krise? Und: Kann eine Schule einen Corona-Test verlangen? Prof. Dr. med. Christoph Aebi liefert wichtige Antworten.

  • Mit einer HPV-Impfung gegen den Krebs
    Die HPV-Impfung wirkt gegen sexuell übertragene Viren. Seit vier Jahren wird sie auch für Buben empfohlen – doch die Impfrate ist immer noch zu tief für einen Herdenschutz. Ein neuer Impfstoff soll Abhilfe schaffen.

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.