Wie viele Hobbys braucht ein Kindergartenkind? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Wie viele Hobbys braucht ein Kindergartenkind?

Lesedauer: 6 Minuten

Täglich Kindergarten, dazu Hort, montags Tennis, dienstags Geige und freitags Schwimmkurs: Wochenpläne von Kindergartenkindern sind oft eng durchgetaktet. Wie nötig und sinnvoll sind Freizeitaktivitäten im Kindergartenalter?

Clara ist fünf Jahre alt. Sie geht gerne in den Kindergarten, am liebsten malt sie, bastelt und tobt auf dem Spielplatz herum. Am Samstagmorgen besucht sie einen Schwimmkurs und am freien Mittwochnachmittag eine Kinderturnstunde, die ihre Kindergartenlehrperson leitet.
Ihre Freundin Lily geht jeweils montags ins Tanzen und möchte im neuen Schuljahr Geige spielen lernen. Tennis interessiert sie ebenfalls, denn ihr älterer Bruder spielt bereits dort, und sie kennt das Clubgebäude und die Umgebung. Auch die Pfadi reizt sie.

Clara erzählt ihren Eltern, dass Lily grosse Freude am Tanzen habe. «Das will ich auch!», erklärt sie eines Tages. «Das macht sooo viel Spass.»

Die Eltern fragen sich: Muss das jetzt sein? Clara ist doch erst fünf.

Hobbys im Kindergartenalter sind zwar kein Muss, aber fest institutionalisiert. Ballettkurse ab drei oder vier Jahren, Geräteturnen, Fussball- oder Hockeytraining, Kletterkurse, Tanzkurse, Judo, Karate­training, Malkurse, Trommelkurse, Schwimmunterricht – ab vier Jahren ist alles möglich. Die einen nennen es Hobby, für andere ist es Frühförderung.

Die frühkindliche Förderung ist in den letzten Jahren zu einem Lieblingsthema der Neurobiologie, der Entwicklungspsychologie, der Erziehungswissenschaft und sogar der Politik geworden. «Frühe Bildung» ist ein gesellschaftlich anerkannter Wert. Dies vor allem aus einem Grund: Frühförderung ist der späteren Schulkarriere dienlich, zumindest herrscht in der Wissenschaft darüber ein positiver Konsens. 

Frühstress oder Frühbildung?

Überspitzt formuliert lautet die Botschaft: Die Basis dafür, ob ein Kind später studiert oder arbeitslos wird, wird in den ersten vier Jahren gelegt. Jene, die in ihrer Entwicklung benachteiligt, gefährdet oder aus einem bildungsfernen Elternhaus sind, dürfen nicht den Anschluss verpassen, noch bevor sie im Kindergarten sind. Der US-amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckman nennt es so: «Catch ’em young» («fangt sie früh auf»), um den «Unfall der Geburt im falschen Milieu» wieder gutzumachen.

Während bildungsferne Familien oft nicht die nötigen Ressourcen haben, um ihren Kindern ein Hobby zu finanzieren, sind andere Familien sehr bemüht, ihrem Kind die bestmögliche Freizeitbeschäftigung und Ausbildung zu bieten. Nicht nur, weil sie glauben, dass Musikunterricht die mathematische Intelligenz fördert und Sport einen Ausgleich für den Schulalltag bildet. Sie möchten ihrem Kind auch neue soziale Kontakte ermöglichen.

Und so gehört es heute in gewissen Kreisen zum guten Ton, Mädchen in den Geigenunterricht und ins Ballett und Buben ins Fussballtraining und in den Klavier­unterricht zu schicken.

«Sagen zu können, ‹unser Kind geht ins Ballett›, ist eine Art Statussymbol geworden. Weil es als Beweis gilt, dass die Eltern gute Arbeit leisten», erklärt Margrit Stamm. Die Erziehungswissenschaftlerin wird nicht müde, Eltern zu empfehlen, ihren Kindern mehr Raum zu lassen. Stamm ist eine vehemente Verfechterin des freien Spiels. Denn unter normalen Umständen braucht ein Kind keine speziellen Kurse. «Das freie Spiel ist die beste Frühförderung. Ausflüge in den Wald und andere Aktivitäten, die alle Sinne anregen, reichen völlig aus», sagt Margrit Stamm.

«Das freie Spiel ist die beste Frühförderung. Ausflüge in den Wald und andere Aktivitäten, die alle Sinne anregen, reichen völlig aus»

Margrit Stamm

In der Tat übertreiben es manche Eltern mit dem Freizeitangebot für den Nachwuchs. Eine Studie der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderstiftung (2015) besagt, dass jedes sechste Kind und jeder fünfte Jugendliche in Deutschland deutliche Symptome von Stress hat.

Hauptgrund für diesen Stress ist die Angst, die Erwartung der Eltern nicht zu erfüllen. Der zweite Grund: Über 80 Prozent der gestressten Kinder müssen Termine wahrnehmen, die ihnen keinen Spass machen. 61,4 Prozent der Kinder mit hohem Stresspegel wünschen sich genau dafür mehr Zeit: für Dinge, die ihnen Freude machen. 87 Prozent der Eltern glauben indes nicht, dass sie ihre Kinder überfordern. 50 Prozent meinen sogar, ihre Kinder nicht genug zu fördern.

Förderangebote seien gut, meint Stamm, ihr Einfluss sei aber weit weniger gross als der der Familie. «Die Familie selbst ist die wichtigste Fördermaschine», erklärt Margrit Stamm. Kein Kursangebot könne sie ersetzen. Die Familie hat den mit Abstand grössten Anteil daran, mit welchem Rucksack ein Kind seine Schullaufbahn startet. Ihr Einfluss sei «überragend», sagt Stamm. Frühe Bildungsförderung, so Stamm, ist also auch Familienförderung und macht nur dann Sinn, «wenn sie die bewusste Anregung aller kindlichen Sinne durch Erwachsene meint und nicht die Vorverlegung schulischer Inhalte in die frühe Kindheit».

Eine Frage des Masses

Wenn ein Kind aber auch nach langen Kindergarten- und Horttagen sowie Spielnachmittagen mit seinen Freunden noch Lust verspürt, etwas anderes zu machen, ist ein Hobby ohne schulischen Inhalt durchaus in Ordnung. Entscheidend ist das Verhältnis zwischen Aktivität und freier Zeit.

«Das Mass der Dinge ist entscheidend», erklärt Claudia Quaiser-Pohl, Professorin für Entwicklungspsychologie und psychologische Diagnostik der Universität Koblenz. «Zwei Nachmittage pro Woche sollte das Kind über unverplante Zeit verfügen.» Konkret heisst das: keine Schule, kein Hort, sondern zu Hause sein und nichts tun ausser spielen. 

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass Kindergartenkinder rein rechnerisch nur wenig Zeit für ein klassisches Hobby haben: Über 45 Prozent der Schweizer Eltern müssen ihre Kinder unter sechs Jahren zwei- bis dreimal pro Woche fremdbetreuen lassen. Geht man von mindestens einem Nachmittag Unterricht aus, haben die meisten Kinder noch zwei freie Nachmittage zu Hause zur Verfügung. Gemäss Stamms Credo, das Kind zu Hause frei «wildern» zu lassen, sollten diese zwei freien Nachmittage unverplant bleiben.

«Zwei Nachmittage pro Woche sollte das Kind über unverplante Zeit verfügen.»

Claudia Quaiser-Pohl

Tatsache ist: Kinder sind unterschiedlich. Manche meistern einen 10-Stunden-Tag problemlos, andere sind bereits nach drei Tagen Kindergarten und ohne Hort so müde, dass der Rest der Woche für sie eine gros­se Anstrengung bedeutet. Gehört Ihr Kind zur ersten Gruppe, gilt es herauszufinden, welches Hobby zu ihm passt. Hier können sich Eltern Folgendes fragen: «Womit beschäftigt sich mein Kind am liebsten? Was macht es selbständig und über längere Zeit? Was kann es gut?», sagt Quaiser-Pohl.

Dabei geht es nicht darum, was die Eltern wollen. Nur weil man selbst gern Tennis spielt, heisst das nicht, dass dies der Sohn oder die Tochter auch mag. Und ein unmusikalisches Kind zum wöchentlichen Musikunterricht zu schicken, macht ebenso wenig Sinn. Oftmals geht es den Kindern gar nicht um das Hobby, sondern eher darum, Zeit mit der besten Freundin zu verbringen. Auch das ist in Ordnung. Entscheidend ist, dass es keinen Druck oder Zwang gibt. Und das Gleichgewicht zwischen Hobby und freier Zeit stimmt. Was Margrit Stamm dazu anmerkt, klingt für manch engagierte Eltern vielleicht wie ein Schlag ins Gesicht: «Hobbys sind ohnehin ein sehr erwachsenes Konzept – Kinder wollen meist einfach nur spielen.»

Jeden Tag ein anderes Hobby

Das kann ein Grund sein, warum vor allem Vier- bis Siebenjährige gerne vieles ausprobieren – und mit vielem wieder aufhören. Sie sind sich einfach nicht ganz sicher. Fragt man sie, so haben sie fast jeden Tag auf ein anderes Hobby Lust. Da will beispielsweise eine Sechsjährige unbedingt ins Ballett, merkt aber erst im Unterricht, dass sie klassische Musik eigentlich doof findet und doch lieber zum Klettern möchte. Oder ein Siebenjähriger möchte unbedingt Klavierspielen lernen, weil sein bester Freund das auch tut, aber schon nach der ersten Stunde ist die Lust dahin: Der Junge will nun doch lieber trommeln.

In solchen Situationen empfehlen sich Schnuppertrainings, die ein- bis dreimal besucht werden können. Eltern sollen sich fragen, wie die Organisation (Fahrdienste!) solcher Hobbys zu bewerkstelligen ist – und dabei auch die Aktivitäten möglicher Geschwister berücksichtigen. Gerade Sporttrainings basieren auf Freiwilligenarbeit und finden daher oft in den Abendstunden statt. Eltern sollten sich deshalb fragen: Schafft mein Kind das, oder ist es am anderen Tag im Kindergarten todmüde?

Kein Hobby ohne Verpflichtung

Ist das «ultimative» Hobby gefunden, tun Eltern gut daran,  einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen festzulegen, in dem das Kind das neue Hobby austestet. So lernt es, eine Weile durchzuhalten und nicht gleich bei den ersten Anzeichen von Langeweile oder Frust aufzugeben.

Nach einer gemeinsam vereinbarten «Probezeit» darf sich der Nachwuchs entscheiden, ob er mit dem Hobby weitermachen will. Ihm muss klar gemacht werden, dass bei Lieblingsbeschäftigungen meist auch Verpflichtungen entstehen: Zum Beispiel, dass man bei einem Teamsport regelmässig zum Training erscheinen muss oder dass es bei Musikinstrumenten wichtig ist, neben dem wöchentlichen Unterricht täglich zu üben.

Häufig besteht eine grosse Kluft zwischen Realität und Wunschvorstellung. Am liebsten würden viele Kinder sofort so vollendet kicken wie das Fussball-Idol oder genauso virtuose Flipflops hinlegen wie die Meisterturnerin. Dass hinter dieser angestrebten Perfektion und dem Erfolg jahrelanger Fleiss, Disziplin und Ausdauer stecken, ist Kindern oft nicht bewusst. 

Der Eintritt in den Kindergarten ist ein grosser Schritt für Kinder und Eltern. Das ElternMagazin Fritz+Fränzi möchte Sie dabei begleiten und Ihnen mit mit unserem Kindergartenmagazin «Endlich Chindsgi» mit Rat und Informationen zur Seite stehen. Das Heft kann als Einzelausgabe hier bestellt werden. 
Der Eintritt in den Kindergarten ist ein grosser Schritt für Kinder und Eltern. Das ElternMagazin Fritz+Fränzi möchte Sie dabei begleiten und Ihnen mit mit unserem Kindergartenmagazin «Endlich Chindsgi» mit Rat und Informationen zur Seite stehen. Das Heft kann als Einzelausgabe hier bestellt werden. 

Warum das freie Spiel so wichtig ist

  1. Das freie Spiel ist für Kinder die wichtigste Lernsituation im Hinblick auf ihre gesunde geistige und körperliche Entwicklung.
  2. Frühe Förderung, die von Erwachsenen gesteuert, getaktet und kontrolliert wird, ist nicht im Sinne einer ganzheitlichen Entwicklungsförderung.
  3. Kinder brauchen keine grossen Schutzgebiete, aber überall ein bisschen mehr Freiheit zum Spielen.
  4. Kinder, die von ihren Eltern zu Hause im freien Spiel gefördert werden, haben einen doppelten Vorteil: Sie sind später gleich gut oder besser im Lesen und verfügen über bessere intellektuelle Fähigkeiten. Und sie werden zu ausgeglicheren jungen Menschen. 

(Quelle: Margrit Stamm: «Frühförderung als Kinderspiel. Ein Plädoyer für das Recht der Kinder auf das freie Spiel». Dossier zum Download unter www.margritstamm.ch)


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