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Welcher Glückstyp bin ich?

Lesedauer: 4 Minuten

Was bedeutet Glück für Sie? Wahrscheinlich finden Sie sich mit Ihrer Antwort in mindestens einem der drei Glückstypen wieder, die der Psychologieprofessor Shigehiro Oishi beschreibt.

Text: Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund
Bild: Samuel Trümpy / 13 Photo

Glückstyp 1: «Uns gehts gut!»

Sie legen Wert auf eine gute Stimmung und haben es gerne gemütlich. Damit Sie sich entspannen können und wohlfühlen, ist Ihnen ein gewisses Mass an Komfort und Sicherheit wichtig. Sie geniessen es, gemeinsam mit Ihrer Familie ein Nest zu bauen, in dem Sie bleiben können, und fühlen sich gut aufgehoben, wenn Sie die Menschen in Ihrer Nachbarschaft kennen und Ihre Freunde und Familie in der Nähe wissen. In Ihrem Alltag schätzen Sie Kontinuität. Von Personen, die zu viel Aufregung, Drama und Hektik verbreiten, halten Sie sich lieber fern. 

Der Grossteil der Menschen strebt nach einem ‹guten ­Leben›, in dem Glück vor ­allem Zufriedenheit bedeutet.

Wenn Sie vielen der obigen Aussagen zustimmen können, dann bedeutet Glück für Sie vor allem Zufriedenheit. Damit sind Sie in guter Gesellschaft: Wie die Untersuchungen von Shigehiro Oishi, Psychologieprofessor an der University of Virginia in neun Ländern auf verschiedenen Kontinenten zeigen, strebt der Grossteil der Menschen nach dieser Form eines «guten» Lebens. 

Glückstyp 2: «Ich kann etwas bewirken und Gutes tun!»

Für diesen Glückstyp steht ein sinnerfülltes Leben im Vordergrund. Sie bevorzugen diese Art des Glücks, wenn Sie in erster Linie für an­dere da sein, Gutes tun und sich einer Sache verschreiben möchten, die grösser ist als Sie selbst. Das kann zum Beispiel ein humanitärer Dienst, ein Einsatz für die Umwelt oder eine aktive Teilnahme in einer Religionsgemeinschaft sein. Vielleicht sind Sie auch stolz darauf und ziehen viel Befriedigung daraus, dass Sie die Person in Ihrer Familie oder Ihrer Gemeinde sind, die alles zusammenhält und auf die sich die anderen verlassen können. 

Eine kleine Minderheit sucht Leidenschaft, manchmal auch Schmerz, Drama und ­Nervenkitzel, um sich lebendig zu fühlen.

Beständig suchen Sie nach Antworten auf die Fragen, warum Sie auf der Welt sind und was Sie hinterlassen möchten. Es ist für Sie zudem selbstverständlich, auch Unbequemlichkeiten in Kauf zu nehmen und Opfer zu bringen, um die Welt ein wenig besser zu machen. Dieser Glückstyp landete in Shigehiro Oishis Untersuchung auf dem zweiten Platz der Beliebtheitsskala. 

Glückstyp 3: «Was für ein Ritt!»

Vielleicht steht Ihnen der Sinn aber mehr nach Abenteuer und Sie suchen ein «psychologisch reiches» Leben? Menschen, die dieser Form des Glücks nachjagen, möchten vor allem eine grosse Bandbreite von Erfahrungen sammeln. Bequemlichkeit und Gleichförmigkeit empfinden sie als langweilig oder gar beklemmend. Viel lieber möchten sie alles in vollen Zügen auskosten, was die Welt und das Leben zu bieten haben. Das kann eine kognitive Dimension haben: Diese Menschen tauchen immer wieder in neue Themen ein, suchen beruflich Herausforderungen und Abwechslung. Für andere sind es ausgedehnte Reisen an entlegene Orte, Begegnungen mit anderen Menschen oder das Leben in fremden Kulturen. Wieder andere setzen sich intensiven emotionalen Erfahrungen aus.

Die Glücksvorstellungen ­können innerhalb einer Familie sehr unterschiedlich sein, was zu gegenseitigen Vorwürfen und Konflikten führen kann.

Zu solchen Menschen passt der Satz: «Wenn es einem immer nur gut geht, weiss man doch gar nicht, was Glück wirklich ist!» Sie suchen die Leidenschaft, manchmal auch den Schmerz, die Eifersucht, das Drama und den Nervenkitzel, um sich lebendig zu fühlen. Wenn Sie sich in dieser Beschreibung zu Hause fühlen, gehören Sie zu einer kleinen Minderheit – und sind wahrscheinlich stolz drauf. 

Vor- und Nachteile der Glückstypen

Während sich einige Leserinnen und Leser vielleicht klar einem dieser Glückstypen zuordnen können, empfinden sich andere wahrscheinlich eher als Mischtyp. Möglicherweise bemerken Sie auch, dass sich Ihr Verständnis eines gelungenen Lebens im Laufe der Jahre verändert hat. Die Glücksvorstellungen können zudem innerhalb einer Familie sehr unterschiedlich sein, was zu gegenseitigen Vorwürfen und Konflikten führen kann. 

So hört der erste Glückstyp, dem es vorwiegend um Zufriedenheit und Sicherheit geht, vielleicht von den Sinnsuchenden, dass er kleingeistig und egoistisch sei: «Wo kämen wir denn hin, wenn sich jeder nur auf sich und seine Familie fokussiert?» Und der Abenteuerfreudige kann nur den Kopf schütteln: «Du kannst mir doch nicht erzählen, dass dir das reicht? Der immer gleiche Job? Und schon wieder auf den Campingplatz? Wenn man nie über den eigenen Tellerrand hinausschaut, sich nie darauf einlässt, was der Tag einem bringt, dann verpasst man doch das echte Leben!»

Die Sinnsuchenden müssen sich den Vorwurf anhören, dass sie sich in ihrem ganzen verklärten Gutmenschentum selbst verlieren: «Schau einfach, dass du am Ende nicht zu kurz kommst!» Oder: «Jetzt hast du dich 15 Jahre für diese Sache eingesetzt und das ist nun der Dank?» 

Die Abenteuerlustigen gelten oft als unreif, anstrengend und es wird ihnen gerne vorgehalten, sich vor der Verantwortung zu drücken: «Meinst du nicht, es ist langsam mal Zeit, ein bisschen sesshaft zu werden? Es ist dann auch nicht lustig, wenn du im Alter alleine bist.»

Tatsächlich läuft man je nach Lebensphilosophie Gefahr, im Nachhinein bestimmte Aspekte zu bereuen: Wenn man einsehen muss, dass man vielleicht zu «klein» gelebt hat; wenn man sich nach vielen Jahren der Aufopferung desillusioniert fühlt; wenn man sich umschaut und plötzlich der Älteste in der Disco ist oder es bei all der Abenteuerlust verpasst hat, tiefe Verbindungen ausreichend zu pflegen. 

Was brauchen wir für unser ­Familienglück?

Vielleicht haben Sie Lust, die Menschen, die Ihnen nahestehen, einmal durch die Brille der Glückstypen zu be­trachten. Wo ordnen Sie Ihre Partnerin beziehungsweise Ihren Partner ein, wie ist es mit Ihren Eltern und Schwiegereltern? Sehen Sie bei Ihren Kindern momentan auch eine Tendenz in eine Richtung? Und inwiefern gab es im Leben dieser Personen verschiedene Phasen, in denen jeweils andere Glücks­aspekte im Vordergrund standen? 

Oft sehen wir unsere eigene Art der Glückssuche als moralisch überlegen oder vernünftiger an.

Mit diesen Erkenntnissen im Kopf können wir neugierig und liebevoll auf unsere Familie blicken und uns darüber austauschen, wie ähnlich oder unterschiedlich wir sind. 

Oft sehen wir unsere eigene Art der Glückssuche als moralisch überlegen oder vernünftiger an als die anderen, blenden die eigenen Kosten aus, während wir sie bei den anderen überdeutlich wahrnehmen. Wenn wir aber alle drei Wege als legitim ansehen, können uns Unterschiede bereichern.

Sie können uns anregen, uns mit der folgenden ­Frage auseinanderzusetzen: An welchen Stellen würde uns als Familie eine Prise Routine und Sicherheit, Abenteuerlust oder mehr Einsatz für einen guten Zweck guttun? Was werde ich mir am Ende des Lebens am ehesten selbst vorwerfen – und wie kann ich jetzt noch ein wenig gegensteuern?

Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund
sind Psychologen und leiten die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Die beiden eint der Wunsch, dass Kindergarten und Schule Orte sind, wo sich Kinder, Eltern und Lehrpersonen wohl fühlen und voneinander lernen können.

Alle Artikel von Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund

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