Lehrer müssen in Führung gehen - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Lehrer müssen in Führung gehen

Lesedauer: 7 Minuten

Wie sorgen wir dafür, dass unsere Lernenden uns als Führungspersonen anerkennen und uns Respekt entgegenbringen? Diese Frage beschäftigt viele Lehrpersonen immer wieder von Neuem. Auf der Suche nach Antworten können gerade die Schülerinnen und Schüler selbst wertvolle Impulse liefern. 

In Kommentarspalten zu Online-Artikeln rund um aktuelle Schulprobleme finden sich immer wieder die gleichen Aussagen: «Früher hatten die Schüler noch Respekt vor den Lehrern.» – meist mit der Forderung, «man müsse wieder hart durchgreifen» oder die «Eltern sollten ihre Kinder gefälligst wieder gescheit erziehen».

Oft steht dahinter die irrige Vorstellung, dass die Kinder früher vom Elternhaus praktisch «fertig erzogen» in die Schule kamen, wo sie von den Lehrpersonen lediglich unterrichtet werden mussten.

Früher nutzten Lehrpersonen traumatisierende Methoden, um sich durchzusetzen.

Das war nie so: In der Regel sorgten die meisten Lehrpersonen dafür, dass die herrschenden Regeln eingehalten wurden – mit teilweise traumatisierenden Methoden.

Dass Lehrpersonen, die sich nicht durchsetzen konnten oder wollten, auch früher mit Disziplinproblemen zu kämpfen hatten, erfährt man, wenn man mit Senioren über ihre eigene Schulzeit spricht. Da ist von üblen Streichen die Rede – von Klebstoff und Reissnägeln auf dem Lehrerstuhl, von Juckpulverattacken und nach vorne fliegenden Turnschuhen.

Die vielgelobte Disziplin und Ordnung wurden mit Einschüchterung und teils mit nackter Gewalt erzwungen. Es ist ein Riesenglück, dass unsere Kinder in eine Schule gehen dürfen, in der sich die Erwachsenen nicht mehr auf diese Art durchsetzen.

Die Kinder wünschen sich Führung, Klarheit und Struktur

Heute wissen die meisten Lehrpersonen um die Bedeutung einer guten Lehrer-Schüler-Beziehung und sorgen aktiv für einen wertschätzenden Umgang. Ela, 9, ist eines der Kinder, die wir für dieses Dossier befragt haben. Sie schwärmt von ihrer Grundschullehrerin: «Sie lacht viel und hilft, wenn es Kindern nicht gut geht. Sie schreibt auch schöne Sachen unter die Hefteinträge. Sie singt mit uns vor den Proben: ‹Ich schaff das schon, ich schaff das schon, ich schaff das ganz alleine, ich komm bestimmt, ich komm bestimmt, auch wieder auf die Beine.› Das gibt mir Kraft.»

Auch Emil, 11, hat Grund zur Freude: «Meine Lehrerin ist nett und hat für jeden Verständnis! Und eine Menge Geduld, wenn sie mir Mathe erklärt. Sie hat Humor und ist lustig … und sie ist fair und gerecht!»

Neben dem Wunsch nach Beziehung wird anhand der Aussagen der Schülerinnen und Schüler auch deutlich, dass sie sich Führung, Klarheit und Struktur wünschen: Sie erwarten von den Lehrpersonen, dass sie für ein ruhiges Arbeitsklima mit klaren Aufträgen sorgen, auf störendes Verhalten reagieren und Sicherheit gewährleisten, indem sie gegen Mobbing Stellung beziehen.

So ärgert sich der 11-jährige Cyrill darüber, wenn seine Mitschüler «die Lehrerin ärgern und wir nicht weiterkommen im Unterricht. Es wird langweilig! Ich finde das nur doof». Man brauche eben «eine gute Klasse, Regeln und die Lehrerin, die diese auch durchsetzt – aber in einem guten Umgangston statt im Befehlston», damit man sich in der Schule wohlfühlen kann, meint Lucy, 7. Ähnlich sieht es die 14-jährige Joan, für die eine gute Lehrerin «sehr nett ist, aber wenn es darauf ankommt, bleibt sie ernst».

Struktur ist für Lernende genauso relevant wie Herzlichkeit und Bestimmtheit.

Dass neben Herzlichkeit und Bestimmtheit auch Struktur gefragt ist, zeigt das Beispiel von Jan. Auf seine Traumschule angesprochen, antwortet der 9-Jährige: «Da gäbe es Wochenpläne, bei denen ich genau weiss, was ich machen soll

«Kein Lehrer hat geholfen»

Immer wieder finden sich auch Aussagen von Kindern wie Laura, 10, denen es zusetzt, dass ihre Lehrkräfte bei sozialen Problemen wegsehen: «Als einer aus der Klasse angefangen hat, mich ‹fette Sau› zu nennen, haben andere Kinder mitgemacht, und kein Lehrer hat geholfen. Nur meine Lieblingslehrerin hört mir zu und sagt mir nicht, dass ich solche Sachen mit den Kindern selber klären soll.»

Je älter die Schülerinnen und Schüler sind, desto häufiger taucht der Begriff «Respekt» in ihren Äusserungen auf. Wir waren erstaunt, wie kritisch und differenziert viele Jugendliche ihre Lehrpersonen unter die Lupe nehmen. Sie erwarten ein echtes Interesse an ihnen als Person: Béryl, 16, beschreibt, dass er Lehrpersonen nicht mag, die «kei­nen Respekt haben und meinen, dass sie immer alles über die Schüler wissen, dabei wissen sie nichts über uns». Und Jana, 14, antwortet auf die Frage nach ihrem perfekten Schul­alltag: «Das wäre, wenn sich die Lehrer auch für mich als Person und nicht nur für meine Leistungen inte­ressieren würden.»

Frühere Strategien werden heute von Schü­lerinnen und Schülern durchschaut und als lächerlich empfunden.

Möchte man wissen, welches Verhalten Jugendliche bei Lehrpersonen ablehnen, trifft man immer wieder auf dieselben Beschreibun­gen: mangelnde Fairness, Vorurteile, ständiges Nörgeln und Kritisieren, Blossstellungen und Beleidigungen, herablassende Sprüche, Besserwis­serei und fachliche Inkompetenz. Viele Strategien, die Lehrpersonen früher nutzten, um sich Respekt zu verschaffen, werden heute von Schü­lerinnen und Schülern durchschaut und als lächerlich empfunden.

Autorität sollte nicht durch Machtausübung geltend gemacht werden!

Dies zeigt sich beispielsweise bei Sophie, 14: «Wenn eine Lehrkraft gleich beim ersten Mal vor einer neuen Klasse den Boss markieren will, macht sie etwas grundlegend falsch. Jugendliche fangen in der Pubertät an, die Welt beziehungs­weise ihr Umfeld zu hinterfragen. Sie wollen auch etwas zu sagen haben, ihre Wünsche, Träume und Ideen äussern und verwirklichen. Wenn eine Lehrkraft sich so benimmt, testen die Jugendlichen aus, wie weit sie gehen können. Sie ist dann wie ein Magnet für Provo­kationen, sozusagen ein Versuchs­exemplar

Aus den vielen Stimmen der Kin­der und Jugendlichen kristallisiert sich ein deutliches Plädoyer für einen demokratischen Führungs­ansatz in der Schule heraus.

Gefordert wird ein Klima, in dem die Lehrperson als Führungsperson in Erscheinung tritt, ihre Autorität aber nicht durch Machtausübung geltend macht. Vielmehr soll sie gemeinsam mit der Klasse Ziele aushandeln, ihre eigenen Erwartun­gen klar äussern, aber auch die Stimmen der Schülerinnen und Schüler einfangen und ernst neh­men. Regeln sollen weder von oben nach unten durchgege­ben noch stillschweigend vorausge­setzt werden.

Lernende wollen spüren, dass die Regeln einem gemeinsamen Ziel nützen, hinter dem sie stehen können.

Kinder und Jugendliche wollen in den Prozess der Regelfindung mit­einbezogen werden und spüren dür­fen, dass diese einem gemeinsamen Ziel nützen, hinter dem sie stehen können. Sie erwarten, dass Regeln wie «wir gehen respektvoll mit­einander um» oder «wir sind pünkt­lich» für die Lehrpersonen genauso gelten wie für sie und dass solche Abmachungen alle schützen: Leh­rende und Lernende. Dazu gehören auch Vereinbarungen wie «die Wür­de jedes Einzelnen wird geachtet».

Dies impliziert, dass die Schüle­rinnen und Schüler einander nicht lächerlich machen, die Kinder der Lehrperson Respekt erweisen und diese niemanden durch überra­schendes Aufrufen oder negative Kommentare vor der Klasse bloss­ stellt oder Kinder an die Tafel ruft, die diese Situation ängstigt.

Demokratische Führung in der Schule

Eine Lehrperson, die demokra­tisch führt, tritt mit ihren Schülerin­nen und Schülern in einen Dialog und diskutiert mit ihnen immer wieder Fragen der folgenden Art:

  • In welchen Momenten fühle ich mich wohl in der Schule, wann nicht?
  • Was benötige ich von der Lehrper­son und den Mitschülerinnen und Mitschülern, damit ich lernen kann und vorankomme?
  • Was darf in der Schule nicht pas­sieren? Was trägt dazu bei, dass ich morgens nicht gerne in die Schule komme?
  • Welche Regeln sind wem wichtig und warum?
  • Wir haben die Regel «wir achten einander und aufeinander» – wer kann dazu etwas erzählen, das sie/ihn gefreut hat?
  • Was hat bei der Gruppenarbeit gut funktioniert? Was nicht? Was ist nötig, damit die Zusammenarbeit noch besser klappt?
  • Wie habt ihr die letzten Stunden erlebt? Was fandet ihr besonders spannend? Was nehmt ihr daraus mit? Was hat euch gefehlt?

Vier demokratische Führungsjoker

In diesem Zusammenhang spricht uns das Konzept der vier demokratischen Führungsjoker besonders an, welches die Lehrerin und Theaterpädagogin Maike Plath in ihrem Buch «Befreit euch!» beschreibt. Sie entwickelte ihr Unterrichtskonzept an einer Berliner Brennpunktschule, als all ihre bisherigen Methoden versagten.

Die vier demokratischen Führungsjoker erlauben es den Geführten, auf die Führung Einfluss zu nehmen, indem sie unmittelbare Rückmeldungen geben. Es handelt sich dabei um vier Signalwörter, die jeder Schüler, jede Schülerin während des Unterrichts zu jedem Zeitpunkt aussprechen darf, um sich einzubringen:

  • Der Joker «Tempo» zeigt an, dass es zu langsam geht und sich einzelne Schülerinnen und Schüler oder die Klasse gelangweilt fühlen. Damit lässt sich beispielsweise eine ausufernde Diskussion unterbrechen, wenn mehrere Klassenmitglieder das Signalwort «Tempo» aussprechen und damit verdeutlichen, dass sie nun mit dem Stoff weitermachen möchten.
  •  Der Joker «Klarheit» meldet der Lehrperson oder einem Mitschüler zurück, dass eine Erläuterung oder ein Auftrag nicht nachvollzogen werden kann und man eine Präzisierung oder andere Erklärung benötigt. Dieser Joker basiert auf der Grundhaltung: «Wer führt, trägt die Verantwortung dafür, dass alle verstehen, was die Führung vermitteln will.»
  • Der Joker «Veto» erlaubt es den Geführten, eine Anweisung auszuschlagen. Sie dürfen, müssen dies aber nicht begründen. Durch das Aussprechen des Signalworts «Veto» würde es beispielsweise einem Schüler, einer Schülerin ermöglicht, eine Frage nicht zu beantworten oder die Aufforderung, zur Abfrage an die Tafel zu kommen, zu verweigern.
  • Der Joker «Verantwortung» bietet Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit, Einspruch zu erheben, wenn sie jemand anderen schützen möchten und das Gefühl haben, dass sich diese Person gerade unwohl fühlt, sich aber nicht selbst zur Wehr setzen oder zu einem «Veto» durchringen kann.
Vielleicht fällt es Ihnen schwer, sich vorzustellen, dass diese Art von Führung an einer öffentlichen Schule funktionieren kann. In diesem Fall möchten wir Sie dazu einladen, mit uns darüber nachzudenken, welche Auswirkungen dieses Vorgehen konkret auf Ihre Schulzeit gehabt hätte.

Wir glauben, dass unsere Klassen nicht unentwegt von diesen Jokern Gebrauch gemacht hätten. Aber in Momenten, in denen sich tatsächlich Probleme auftun oder Verletzungen entstehen, hätten wir diese Signalwörter aussprechen und damit Einfluss nehmen können. Es war uns als Schülern klar, dass unsere Lehrpersonen dem Lehrplan folgen müssen und wir zur Schule gehen, um etwas zu lernen. Aber wenn eine Klassenkameradin, die schlecht Englisch spricht und soziale Ängste hat, vor der Klasse steht, unter Tränen ihr Referat in einer Fremdsprache hält und am Ende noch vor allen zusammengestaucht wird, hätte diese Situation mit einem «Veto» oder «Verantwortung» verhindert werden können.

Diese Führungsweise fordert Mut, Neugier und Vertrauen in die Klasse.

Die Lehrperson macht sich verletzlich, wenn sie auf diese Weise führt. Sie benötigt Mut, Neugier und Vertrauen in die Klasse. Aber es würde der Lehrperson die Möglichkeit geben, ihren Unterricht unmittelbar zu reflektieren und die Schülerinnen und Schüler ernst zu nehmen. Die Lernenden könnten offenlegen, was sie beschäftigt oder verletzt, anstatt es der Lehrperson hintenrum heimzuzahlen. Wir sind überzeugt, dass dadurch alle gewinnen würden.

Über die Autoren:

Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund sind Psychologen, Autoren («Clever lernen», «Erfolgreich lernen mit ADHS») und leiten die
Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund sind Psychologen, Autoren («Clever lernen», «Erfolgreich lernen mit ADHS») und leiten die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Sie geniessen es, dass sie ihre Freundschaft mit der Arbeit verbinden können.

Talk im Kulturpark mit Fabian Grolimund zum Thema: «Wie gelingt Schule?»

Wir haben noch ein paar letzte freie Plätze zu vergeben für unseren «Talk im Kulturpark» mit Fabian Grolimund am kommenden Montag, 2.9.19, um 19:30 Uhr in Zürich. 

Das Thema: Wie gelingt Schule? 

Ein Abend für Eltern, Lehrerinnen und Lehrer und alle, die sich für Schule und Lernen interessieren. Sichern Sie sich Ihr persönliches Ticket! Hier geht’s zum Online-Ticketing.


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