«In Apulien sorgen wir uns um die medizinische Versorgung»

Serie: Familien und Corona weltweit – Teil 1

Wie geht es Familien im Ausland in der Corona-Zeit? Was wünschen sie sich und wie werden sie Weihnachten verbringen? Wir haben uns auf die Suche gemacht und einige Familien in anderen Ländern befragt. Hier berichtet Katja Brinkmann, wie die Situation in Italien aussieht.
Katja Brinkmann, 51, ist Reisejournalistin und Fotografin. Zusammen mit ihrem Mann Vittorio Muolo, 53, und ihrer Tochter Emma, 8, lebt die gebürtige Allgäuerin seit 12 Jahren in Apulien. Normalerweise lebt die Familie in Lecce, aktuell wohnen aber alle in der Masseria Torre Coccaro in Torre Coccaro, wo Vittorio als Hotelier tätig ist.

Wie ist aktuell die Situation mit dem Coronavirus in Ihrem Land? 

Die Situation in Italien ist relativ chaotisch. Während der erste Lockdown im Frühjahr für das ganze Land galt und sehr restriktiv war, ist Italien jetzt in der zweiten Welle in Zonen aufgeteilt: gelb, orange und rot.

Wir in Apulien leben im Moment (bis auf wenige wieder orange Gemeinden) in Gelb. Das heisst, Geschäfte, Bars und Restaurants sind geöffnet. Man wird allerdings angehalten, so zu leben, als wäre es ein «kompletter Lockdown», also nichts zu tun, was nicht unbedingt sein muss. 

Wir halten uns an die Grundregeln, gehen niemals ohne Maske vor die Tür, waschen uns die Hände und treffen niemanden, den wir nicht unbedingt sehen müssen. Meine Tochter ist seit gut einem Monat im dad (didattica a distanza, eine Art Homeschooling). Die Entscheidung Unterricht vor Ort oder Fernunterricht wird den Eltern überlassen. Ein Teil der Kinder geht zur Schule, andere lernen zu Hause vor dem Bildschirm.

Glücklicherweise ist Emma begeisterungsfähig. Wir unternehmen stundenlange Spaziergänge in der Gegend, mal ans Meer, mal in den Wald, sammeln Regenwürmer, Muscheln, Schnecken oder bauen uns spontan ein Baumhaus in einem der riesigen uralten Olivenbäume, die hier wachsen. Dort wird dann mittags gepicknickt.

Wie ist die Arbeitssituation bei Ihnen und Ihrem Mann?

Ich bin freiberufliche Journalistin und Fotografin, arbeite nach wie vor von zu Hause aus oder bin bei Shootings vor Ort. Mein Mann arbeitet als Hotelier. Der Lockdown hat arbeitsmässig nicht viel verändert für ihn, wenn auch die Touristen deutlich ausbleiben seit dem Sommer.

Wie ist die Kinderbetreuung organisiert?

Die Kinderbetreuung liegt im Entscheidungsbereich der Eltern. Der apulische Präsident Michele Emiliano ist überzeugt, dass die Schulen Infektionsherde sind. Im Laufe der vergangenen Wochen wurden zahlreiche Schulen geschlossen wegen neuen Coronafällen – auch in unserer Gemeinde. Von daher sind wir froh, dass Emma im Homeschooling ist, auch wenn es täglich acht Stunden Schule am Bildschirm sind, die sie zum Glück fleissig mitmacht.

Wie nah ist Corona? Waren Sie selber schon in Isolation oder Quarantäne?

Im Frühjahr war die Corona-Situation für uns Pugliesen verwirrend. Was in der Lombardei passierte, verfolgten wir mit Schrecken am TV. Hier in Apulien gab es ganze Landstriche, die im damaligen dreimonatigen Lockdown keinen einzigen Coronafall hatten. Jetzt in der zweiten Welle sieht es anders aus. Es gibt so gut wie niemanden, der nicht jemanden kennt, der positiv getestet wurde oder erkrankte. Wir sind zum Glück bisher gesund, doch auch aus unserem Bekanntenkreis sind leider schon Personen an Corona verstorben. 
 
Unser Kinderarzt, der die Kinderstation im Krankenhaus von Martina Franca leitet, berichtet teils Schauerliches. Das Hauptproblem in Apulien ist die medizinische Versorgung. Jahrelang wurde hier im Gesundheitswesen nur gespart und das rächt sich jetzt leider. Im Moment gibt es kaum noch Intensivbetten in der ganzen Region.

Weihnachten steht vor der Tür: Wissen Sie schon, wie Sie feiern werden?

In der (Hotel-)Masseria werden wir voraussichtlich mit dem intimeren Familienkreis (das ist etwa ein Dutzend) feiern, allerdings erst am 25. An Heiligabend, wie übrigens auch an Silvester, gilt die Sperrstunde ab 22 Uhr. Es wurden schärfere Kontrollen für die betreffenden Tage angekündigt. Sinnvoll und gleichzeitig amüsant: Das diesjährige Weihnachtsgedicht in der Schule handelt davon, wie man auch ohne Grossfamilie an Weihnachten Spass haben kann.

Wie erleben Sie die Situation als Ganzes: Hat Corona dem Familienleben ungewohnte Türen geöffnet oder eher für zusätzlichen Stress gesorgt? 

Die Gefühle wechseln sich ab, jeder in der Familie erlebt es anders und gerne auch zeitversetzt. Zum Glück verstehen wir drei uns grundsätzlich gut. Das hilft, denn immerhin leben wir seit Beginn der zweiten Welle zu dritt in einem Hotelzimmer. Sonst leben wir in einer geräumigen Wohnung in der Altstadt von Lecce (rund 90 km Distanz). Damit mein Mann weniger reisen muss, wohnen wir aktuell alle zusammen in der Hotelanlage. 

Ich versuche, so normal wie möglich weiterzuleben. Mache meine Fotosessions und schreibe an einem Drehbuch. Abends Yoga oder ein Spaziergang an der frischen Luft tun gut, um auf andere Gedanken zu kommen. Mein Mann hat in der Masseria von morgens bis abends zu tun, bereitet sich auf die kommende Saison vor und hat zuletzt einen Online-Shop für die Masseria-Produkte ins Leben gerufen.

Was wünschen Sie sich für 2021?

Ich bin optimistisch. Am meisten zu schaffen macht mir das «Nicht-Reisen-Können». Wie oft habe ich in diesen Tagen daran gedacht, mich einfach ins Auto zu setzen und meine Eltern im Allgäu zu besuchen. In den 12 Jahren, in denen ich in Apulien lebe, hatte ich noch nie so Heimweh wie jetzt. Aber wir sehen uns regelmässig per Videocall. Kurzum: Ich wünsche mir Bewegungsfreiheit und bessere Zeiten, damit wir wieder ruhig schlafen können. Denn bei aller Vorsicht sitzt einem die Angst doch ständig im Nacken.

Lesen Sie in Teil 2 unserer Serie Familien im Corona-Alltag auf der ganzen Welt wie die Situation in Australien aussieht. Alle bisher erschienen Familienporträts können Sie hier nachlesen: Familien und Corona weltweit. 

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