Mit Büchern durch die Krise
Entwicklung

Mit Büchern durch die Krise

Geschichten sind für Kinder mehr als nur gute Unterhaltung, sie können heilsam sein. Die richtigen Bücher helfen, Entwicklungsschritte leichter zu nehmen und schwierige Situationen besser zu bestehen.
Text: Julia Meyer-Hermann
Bild: Gabi Vogt / 13 Photo
Meine erste bibliotherapeutische Erfahrung machte ich mit elf Jahren. Wobei ich damals natürlich nicht wusste, was das sperrige Wort überhaupt bedeutete. Und ich war mir auch des heilsamen Effekts durch das Lesen kein bisschen bewusst. In meiner kindlichen Wahrnehmung fühlte es sich einfach so an: Ich hatte mein Lieblingsbuch entdeckt. Ein Buch, das mich ungeheuer fesselte. Ein Buch, das mich zum Lachen brachte, mich begleitete, mich tröstete. So wie eine gute Freundin. «Gretchen Sack­meier», so der Titel von Christine Nöstlingers Jugendroman, trat in mein Leben, als ich eine wie sie gut gebrauchen konnte. Gretchens Eltern hatten sich getrennt. Ihre Mutter wollte ihr Leben neu ordnen. Ihre Geschwister nervten. Und Gretchen selbst steckte in der Pu­bertät, fühlte sich unförmig und unsicher. 
Kinder durchleben die Geschichte eines Buches so intensiv, als wären sie selbst Teil der Handlung.
Ich war in der gleichen Situation wie diese Romanfigur. Ob die Buchhändlerin in unserer kleinen Dorfbuchhandlung das ahnte, weiss ich nicht. Jedenfalls gab sie mir das Buch mit den Worten «Guck mal, das könnte was sein» und kaum ­hatte ich das Buch im Laden aufgeblättert, gab ich mein gesamtes Taschengeld für «Gretchen Sackmeier» aus. Es war Liebe mit dem ersten Satz, wenn man so will. Und vielleicht auch eine Rettung.

Die heilsame Wirkung von Büchern ist wissenschaftlich anerkannt

«Bücher haben die Macht, uns in eine andere Welt zu entführen und uns einen anderen Blickwinkel zu eröffnen. Die richtige Geschichte kann Trost spenden, Mut machen, den Spiegel vorhalten, Sinn stiften, Leidenschaften entfachen und sogar Krankheiten heilen», sagt Karin Schneuwly. Die Germanistin hat viele Jahre lang das Programm des Literaturhauses Zürich verantwortet, bevor sie die heilsame Wirkung von Büchern studierte. Heute arbeitet ­­­­­­sie als selbständige Lektorin und Lese­­therapeutin in Zürich.

Biblio- oder auch Lesetherapeuten wie Karin Schneuwly nutzen die heilsame Kraft von Sprache und Geschichten ganz gezielt: Sie wählen die passende Literatur aus und bringen dadurch Bewusstseins- oder sogar Heilungsprozesse in Gang. Studien aus Grossbritannien haben gezeigt, dass Patienten mithilfe von Lesetherapie ihre Medikamente reduzieren konnten. Weil lesende Patienten ruhiger und optimistischer sind, begannen Krankenhäuser im 19. Jahrhundert, Bibliotheken einzurichten.

In Skandinavien, den USA und Grossbritannien ist diese Kreativtherapie inzwischen weitverbreitet. Man kann sie an amerikanischen Universitäten studieren. In England können sich Patienten mit leichten Depressionen sogar Bücher auf Rezept verschreiben lassen.

Hierzulande ist diese Form von Therapie noch nicht so bekannt wie Kunst- oder Musiktherapie, aber sie ist eine anerkannte Therapieform, die man erst nach entsprechender Ausbildung ausüben darf. «Aber in gewisser Weise sind auch erfahrene Buchhändler oder Bibliothekare als Bibliotherapeuten tätig»,  sagt Ella Berthoud, Autorin des Nachschlagewerks «Die Romantherapie für Kinder».
Berthoud glaubt, dass bei Kindern der bibliotherapeutische  An­satz besonders gut funktioniert. «Die Wirkung von Literatur tritt bei Kindern viel unmittelbarer ein als bei Erwachsenen. Kinder durchleben die Geschichte eines Buches so intensiv, als wären sie selbst Teil der Handlung. Sie versetzen sich in die Hauptfigur hinein, meistern ge­meinsam bestimmte Anforderungen.»

Ella Berthoud hat in Cambridge zunächst Literatur studiert, sich dann therapeutisch weitergebildet und offeriert nun seit zwölf Jahren Bibliotherapie-Sitzungen an der von Alain de Botton gegründeten Londoner «School of Life». Zu ihr kommen auch viele Eltern und Familien zur Beratung, meist auf Initiative der Eltern. Das Alter ihrer Patienten beginnt bei knapp fünf Jahren. Berthoud fragt die Kinder nach Lieblingsbüchern oder -figuren. Sie fragt nach Freunden, schönen Erlebnissen, Ärgernissen oder Ängsten. Sie berät sich eventuell mit den Eltern. Dann wählt sie aus.

Die Nähe, die beim Vorlesen entsteht, vergisst ein Kind nie

Lesen können, ist kein Hindernis. Sie bekommen die Geschichten vorgelesen. Diese Situation ist sogar zu­sätzlich hilfreich, erklärt Lesetherapeutin Karin Schneuwly. «Diese Nähe beim Vorlesen oder beim Erzählen eines Bilderbuches wird ein Kind nie vergessen. Noch als Er­­wachsener erinnert man sich an die vorlesenden Eltern und ihre beru­higende Stimme.»

Das Wirkungsprinzip ist oft ganz einfach. Ein angespanntes, lautes Kind braucht vielleicht eine beruhigende Erzählung und ein schüchternes Kind ein Buch, das Mut macht, sagt Schneuwly. Eine Figur wie ­Pippi Langstrumpf macht vor, dass man ausbrechen und verrückt sein darf, dass die Regeln der Erwachsenen nicht unumstösslich sind. Eine ­Ronja Räubertochter zeigt, wie man sich seinen Ängsten stellt. Ein aufbrausendes Temperament bekommt in einem Buch über Wutmonster sein eigenes Verhalten gespiegelt. Der Effekt der Lektüre verblüfft und begeistert die Britin Ella Berthoud immer wieder: «Kinder wachsen innerlich mit den Büchern, die sie lesen.»

Auch meinem damals fünfjährigen Sohn half ein Buch in einer schwierigen Situation. Er war ziemlich nervös vor seiner ersten Übernachtung im Kindergarten. Eine ganze Nacht mit seinen Freunden und ohne seine Eltern: Das war aufregend und beängstigend zugleich. Ein paar Tage vorher setzten wir uns zusammen aufs Sofa, um ein Buch zu lesen, das mir unsere Erzieherin mitgegeben hatte. «Eine Dose Kussbonbons» (von Michael Gay) erzählt von einem kleinen Zebra, das ohne seine Eltern in ein Ferienlager fährt. Wie soll es ohne Gute-Nacht-Kuss einschlafen? Während wir die Ge­­schichte lasen, konnte ich beinahe hören, was mein Sohn dachte: Er war also nicht allein mit seinen Befürchtungen. Und das kleine Zebra hatte die Situation auch durchgestanden.
Als ich meinen Jungen am Morgen nach der Kindergarten-Übernachtung abholte, war er stolz. Er hatte uns vermisst, aber er hatte sich dicht an seinen besten Freund hingelegt – und war eingeschlafen.

Generell ersetzt eine Bibliotherapie keine Psychotherapie bei einer schwerwiegenden Störung, aber sie kann unterstützend wirken.
 
«Selbst Kinder, die etwas Traumatisches erlebt haben – wie zum Beispiel eine Flucht – können mithilfe von Literatur eine Sprache für ihr Erleben finden, die ihre Eltern oftmals nicht haben», sagt Karin Schneuwly. Die Lesetherapeutin hat eine Zeit lang an einem Schulhaus mit Kindern aus verschiedensten Ländern gearbeitet und dort auch die Erfahrung gemacht: «Als es um Geschichten aus der jeweiligen Heimat ging, hörten die Kinder sich gegenseitig zu. Literatur fördert auch die Toleranz für Andersartigkeit.»
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