Desktop alle digital lesen m rz
Mediennutzung

Lesen und lesen lassen

Musik hören, fernsehen und Bücher lesen. Das sind die liebsten Medientätigkeiten von Kindern im Primarschulalter. Tatsächlich hat das Buch keineswegs an Bedeutung verloren. Zumindest für die Kinder, deren Eltern auch lesen. 
Text: Martina Proprenter
Die konzentrierte Stille in der Basler Bücherbande weicht einem ohrenbetäubenden Gejohle, als Leiterin Karin Minssen den nächsten Programmpunkt ankündigt: Leseviertelstunde. Sie hat das Wort kaum zu Ende gesprochen, schon rennen die Kinder zu ihr und reissen ihr die Bücher aus der Hand. Sie suchen sich einen ruhigen Platz und fangen an zu schmökern. Livia bricht in Gedanken mit den «Fünf Freunden» zu einer Fahrradtour durchs Katzenmoor auf, David löst gemeinsam mit dem «Tiger Team» Rätsel, und Deja sitzt mit «Ferdinand, der Stier» auf einer Wiese und schnuppert an Blumen.

Leseratten entwickeln sich in der Grundschulzeit 

Sind die lesebegeisterten 8- und 9-Jährigen eine Ausnahme? Mitnichten. Die MIKE-Studie hat herausgefunden, dass rund 70 Prozent der 6- bis 13-Jährigen mindestens einmal in der Woche in einem Buch lesen. Freiwillig und in ihrer Freizeit, Schulbücher sind davon ausgenommen. Die Forscher der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft (ZHAW) veröffentlichten mit der MIKE-Studie im September vergangenen Jahres die erste repräsentative Studie zur Mediennutzung der 6- bis 12-Jährigen in der Schweiz. Rund 1000 Kinder und 600 Eltern wurden dazu befragt. Trotz digitaler Konkurrenz liegt das Lesen an dritter Stelle der liebsten Medientätigkeiten der Kinder, hinter Musikhören und Fernsehen, aber noch vor Gamen und sogar Handy-Nutzen. 37 Prozent der Kinder lesen in ihrer Freizeit durchschnittlich eine halbe Stunde pro Tag in einem Buch, heisst es im Detailbericht der Studie, 90 Prozent lesen mindestens ab und zu ein Buch in ihrer Freizeit. Damit lesen die Schweizer Kinder deutlich mehr als die deutschen Nachbarn, wo die Mediennutzung schon seit den 90ern regelmässig erhoben wird.  Warum ist es überhaupt wichtig,  dass Kinder nicht nur in der Schule,  sondern auch in ihrer Freizeit lesen? Bereits mit 18 Monaten  verfügt das Gehirn über die  Fähigkeit, innere Bilder zu erzeugen.  
Bilder im Kopf zu erzeugen, fördert die Kreativität. Wer liest oder vorgelesen bekommt, ist daher klar im Vorteil.
Wenn Kinder den Geschichten,  Gedichten oder Liedern der Eltern  lauschen, passiert das automatisch.  Werden Kinder aber durch Filme  oder Spiele mit fertigen Bildern  zugeschüttet, kann sich die Kreativität  nicht vollständig entwickeln.  «Zugang zu eigenen Bildern zu  bekommen, ist Trainingssache», sagt  Karin Minssen. Die Buchhändlerin  und Theaterpädagogin leitet die  Bücherbande der Bibliothek Basel-  West. Spielerisch lernen Kinder bei  ihr eigene Geschichten zu entwickeln,  imaginieren eigene Welten  und bringen diese auch zu Papier.  Bei ihr suchen Eltern oft Rat, wenn  der Nachwuchs kein Interesse an  Büchern zeigt. Minssen: «Meine erste  Frage ist dann immer: Lesen Sie  selbst?» Denn Eltern seien ihren  Kindern die besten Vorbilder und  nähmen grossen Einfluss auf die  Leselust oder eben auch Leseunlust  ihrer Kinder.  Die deutsche repräsentative Studie  zur «Neuvermessung der Vorleselandschaft  » stellte 2013 fest, dass  sich zwar 83 Prozent der Eltern für  ihre Kinder eine gute Bildung wünschen,  aber nur drei Viertel Lesekompetenz  und nur die Hälfte der  Eltern Lesefreude als wichtige Erziehungsziele  ansehen.  Die MIKE-Studie hat Eltern auch  gefragt, wie oft sie ihren Kindern  vorlesen. Rund ein Drittel der  Befragten nutzen Bücher, Heftchen  oder Comics täglich oder fast jeden  Tag gemeinsam mit ihren Kindern,  drei Viertel tun dies mindestens einmal pro Woche. Nicht allen Eltern  scheint also der Zusammenhang  zwischen Vorlesen, Lesekompetenz  und der späteren Bildung sowie der  Entwicklung der Kreativität bewusst  zu sein.

Leseratten entwickeln sich in der Grundschulzeit 

Die wichtigste Rolle bei der Leseförderung  kommt den Eltern zu. Das ist  auch die Erfahrung von Christine  Tresch, Fachfrau für Kinder- und  Jugendliteratur des Schweizerischen  Instituts für Kinder- und Jugendmedien  (SIKJM). In den ersten Lebensjahren  werden die Grundlagen für  die spätere Entwicklung der Kinder  gelegt: Wenn Eltern Reime und Verse  vortragen oder Geschichten  erzählen, haben Kinder nicht nur viel  Spass daran, sondern lernen quasi  nebenbei, wie Sätze grammatikalisch  richtig aufgebaut sind, lernen neue  Sprachformen und literarische Knif    fe wie Spannungsbögen kennen.  «Kinder können das später wieder  abrufen», so Tresch. Haben Kinder die Erfahrung nicht machen können,  ist es schwierig, dies später «nachzuholen ». Leseratten entwickeln sich in der Grundschulzeit, lautet das Fazit des Forschungsberichts des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung: Kinder, die viele Kinderbücher kennen, haben einen grösseren Wortschatz und lesen flüssiger. Im Umkehrschluss haben die Forscher  aber auch herausgefunden, dass  Kinder, denen das Lesen schwerfällt,  es entsprechend lieber vermeiden, wodurch es ihnen immer mehr schwerfällt und sie es weiter vermeiden. Ein Teufelskreis. Barbara Schwarz, Leseanimatorin des SIKJM, legt bei ihrer Leseförderung von Vorschulkindern daher besonderen Wert auf eine Atmosphäre, in der es kein Richtig oder Falsch gibt.  Durch Spiele oder Bastelarbeiten sollen die Kinder Techniken der Illustration ausprobieren und konkretes Weltwissen sammeln.
Anzeige

Teenies mit Sachbüchern ködern

 Je älter die Kinder werden, umso weniger Einfluss haben die Eltern darauf, ob in der Freizeit gelesen wird. Besonders Teenager orientieren sich eher an Gleichaltrigen als an den Eltern. Diese können trotzdem auch Angebote machen: Spielt die Tochter Fussball, freut sie sich vielleicht über ein Fussballtechnikbuch, will der Sohn Rapper werden, könnte er sich für die Biografie eines Rappers interessieren. «Fünf Freunde», «Tiger Team» und «Ferdinand»: Die Bücherauswahl von Livia, David und Deja deckt sich mit Treschs Erfahrung, zu welchen Büchern Kinder besonders gerne greifen. Unter den Top 10 der beliebtesten Kinder- und Jugendbücher, die etwa die deutsche KIMStudie erfragt hat, sind übrigens alle Titel auch in anderen Medien zugänglich. Sie wurden beispielsweise schon verfilmt, es gibt Webseiten  zu ihnen, Blogs oder Fanfiktion. «Das ist ein Phänomen, das die ältere Generation so nicht erfahren hat», sagt Tresch. Kinder läsen gerne das, was ihre Freunde lesen, oder eben auch Geschichten, die sie von anderen Medien her kennen.

Bild: Fotolia

Tipps für Eltern


 Den einen Tipp, der bei allen Kindern zum Erfolg führt, gibt es nicht. Christine Tresch vom SIKJM ermuntert Eltern: 

  • ihren Kindern Bücher zur Verfügung zu stellen, die ihnen Spass machen: ob eigene Bücher oder aus der Bibliothek.

  • Kindern auch während der Schulzeit weiter vorzulesen und sie beim Lesenlernen zu unterstützen. Denn Lesen ist eine äusserst anspruchsvolle Tätigkeit, die nicht von jedem Kind gleich schnell erlernt wird.

  • Kindern vorlzuesen und sie auch selbst lesen zu lassen: die Buchreihe «Erst ich ein Stück und dann du» ist zum Beispiel so aufgebaut, dass anspruchsvolle Textstellen (für Eltern) und leichtere (für Kinder) sich abwechseln. Dies sollte lustvoll und spielerisch geschehen, ohne Schule zu spielen.

Die beliebtesten Kinderbücher in der Schweiz (Stand Januar 2016)


  1. Gregs Tagebuch 10 – So ein Mist (Jeff Kinney)
  2. Heidi – Das Buch zum Film (Dorothee Haentjes- Holländer) 
  3. Star Wars – Das Erwachen der Macht, illustrierte Enzyklopädie
  4. Schellen-Ursli (Alois Carigiet / Selina Chönz) 
  5. Ostwind 3 – Aufbruch nach Ora (Lea Schmidbauer / Kristina Magdalena Henn)
  6. Bibi & Tina – Mädchen gegen Jungs (Bettina Börgerding / Wenka von Mikulicz)
  7. Das Zürich Wimmelbuch (Matthias Vatter)
  8. Schellen-Ursli – kleine Ausgabe (Alois Carigiet / Selina Chönz) 
  9. Gregs Tagebuch 9 – Böse Falle! (Jeff Kinney) 
  10. Geissbock Charly findet Heilkräuter – ein Duftbuch (Roger Rhyner)

Der Schweizer Buchhandel lässt die Hitparadenlisten von GfK Entertainment erstellen. Aufgenommen werden Bücher, die in einer gewissen Anzahl von Buchabverkaufsstätten und Händlern in der Schweiz verkauft wurden. 

Thumbnail martina proprenter
Martina Porprenter, 29, ist freie Journalistin für deutsche und Schweizer Medien und seit ihrer Kindheit hoffnungslos bibliophil. Mit ihrem Vater rezitiert sie auch heute noch «Ferdinand der Stier».

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Diesen Artikel kommentieren