Jesper Juul: Aggressionen und negative Gefühle zulassen
Entwicklung

Aggressionen und negative Gefühle zulassen

In vielen Lebenssituationen tun Eltern alles, damit die Kinder in einem harmonischen Zuhause aufwachsen können. Aber es ist nicht angebracht, vor Kindern Konflikte zu vermeiden, «negative» Gefühle zu verdrängen, ihnen eine heile Welt vorzumachen.
Text: Jesper Juul
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Aggressionen sind für mich keine negativen Gefühle. Ich weiss nicht, wie es kam, dass sie zu negativen Gefühlen gemacht worden sind. Sie sind Signale, die zeigen, dass etwas los ist – was würden wir ohne sie tun?

Viele Eltern sind sehr darauf bedacht, Konflikte zwischen den Kindern zu unterbinden. Auch im Kindergarten werden oft Regeln aufgestellt, die es den Kindern verbieten sollen, zu raufen oder zu streiten. Ich meine, dass in den Familien, im Kindergarten, aber auch in vielen Therapien und alternativen Richtungen wie der Öko-Szene nur sogenannte «weibliche» Werte den Sieg davongetragen haben, wogegen nichts einzuwenden ist − aber sie lassen den Kindern zu wenig Entfaltungsraum. Es ist keine gute Idee, Aggressionen zu unterbinden: Du versuchst, ein Symptom loszuwerden, statt zu fragen, was sich dahinter verbirgt.

Die meisten Kinder – egal, ob zu Hause, im Kindergarten oder in der Schule – sind tatsächlich fähig, ihre Konflikte selbständig zu bewältigen; sie brauchen die Supervision der Erwachsenen nicht. Die Idee der Erwachsenen, alle Konflikte in einer vernünftigen Weise zu klären, ist nett, aber unrealistisch. Du kannst als Erwachsener wünschen, dass deine Kinder, wenn sie 20 sind, ihre Probleme ausdrücken und mit ihnen umgehen können. Das kann ein lobenswertes pädagogisches Ziel sein. Aber das von fünf- oder sechsjährigen Kindern zu verlangen, ist schlichtweg unmöglich.
Die meisten Kinder sind fähig, ihre Konflikte selbständig zu bewältigen; sie brauchen die Supervision der Erwachsenen nicht.
Alle Konflikte, die von Bedeutung sind, werden in einem aggressiven Ton hervorgebracht. Unseren Ärger, unseren Frust, unsere Wut müssen wir zunächst ausdrücken, um sie dann verwandeln zu können – wir brauchen diese Emotionen genauso, wie wir Glück und Zufriedenheit brauchen, um die Realität zu verdauen. In jeder Liebesbeziehung kann man das beobachten: Ein Paar kann erst vernünftig über einen Konflikt sprechen, nachdem es diesen mehrere Male in völlig irrationaler Weise ausgelebt hat.

Viele Frauen tun heute etwas, was früher getan wurde, um ihre Urgrossmütter und Grossmütter kleinzuhalten – und sie merken es gar nicht. Die erste psychiatrische Diagnose war die Hysterie: Frauen, in denen so viele Emotionen mit einem Mal aufkamen, dass sie vor lauter innerem Druck überreagierten, galten sofort als Hysterikerinnen, das heisst als nicht mehr ernst zu nehmende Personen. So wurden Frauen und Töchter von ihren Männern und Vätern über Jahrzehnte kleingehalten: «Wenn wir darüber nicht ruhig sprechen können, hat es keinen Sinn, sich zu unterhalten!»

Heute halten Frauen genau diese Werte hoch, mit denen sie auf subtile Weise unterdrückt worden sind,  – man möge sich friedlich und ruhig und sanft mit ihnen unterhalten. Sie erwarten dies von ihren Männern, Kindern und Enkelkindern – und das ist für mich schockierend!

Ein norwegischer Regisseur hatte einmal eine wunderbare Idee für einen Dokumentarfilm. Er zog durch die Lande, um Kinder zu befragen: Wie erlebt ihr die Machtausübung seitens der Erwachsenen? Er bat mich danach, mir diese Interviews anzuschauen und sie zu kommentieren. Ich erinnere mich an ein fünf Jahre altes Mädchen. Auf die Frage: «Was ist das Schlimmste für dich, was Erwachsene im Kindergarten beschliessen?», antwortete das Mädchen, nachdem es eine ganze Weile nachgedacht hatte: «Das Schlimmste ist, dass sie uns nicht erlauben, sauer zu sein.» Die Antwort erstaunte den Interviewer sehr, und er hakte nach: «Aber ist das wirklich wahr, ist es nicht erlaubt, dass du sauer bist?» Das Mädchen dachte wieder lange nach: «Ja. Aber wenn ich einen Grund habe, möchte ich sauer sein!»
 
Der Interviewer meinte, er sei nun fertig, aber der Kameramann schwenkte die Kamera nicht weg, denn er hatte den Eindruck, dass das Mädchen noch etwas sagen wollte. Und nach dreizehn Sekunden fügte das Mädchen tatsächlich noch etwas Entscheidendes hinzu: «Und die Erwachsenen entscheiden darüber, ob mein Grund gut ist oder nicht.»

Wenn man als Erwachsener versucht, Aggression zu verbieten, werden die Kinder eine Zeitlang mit dir kooperieren, aber wenn sie dann 16 Jahre alt sind, ist es vorbei, dann explodieren sie. Diese weibliche Attitüde, nicht aggressiv reagieren zu wollen, kann also verheerende Konsequenzen haben. Das heisst, wir müssen sie gerade heute ausbalancieren, indem wir Kindern ganz bewusst Raum geben, ihre Konflikte selber auszutragen.
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