Ab in den Wald!

Musikstunden, Sportkurse, Spielnachmittage: Dieses Programm ist in vielen Familien Alltag. Neuste Forschungen zeigen, dass organisierte Aktivitäten das kindliche Gehirn eher negativ belasten. Experten fordern deshalb die Rückkehr zum freien kindlichen Spiel – am besten in der Natur.
Staunend guckt Noah, 7, zum Himmel und sieht den Blättern zu, wie sie sich im Wind bewegen. So etwas habe er noch nie gesehen, sagt er. Und dann: «Ich bin zum ersten Mal im Wald.» Die anderen Kinder sind perplex. «Mama, da häts ein oder zwei Buebe, die sind no nie im Wald gsi», werden sie später leicht fassungslos zu Hause berichten. Die Lehrerin erstaunt dies nicht. «Das ist keine Seltenheit», sagt sie, die zusammen mit zehn anderen Siebenjährigen eine Projektwoche im Wald durchführt. Die Kinder bauen eine Brücke, klettern auf einen selbstgebastelten Turm aus Holzresten und kochen sich ihr Mittagessen auf dem Feuer in Eigenregie. Vier Stunden pro Tag können sie so viel schnitzen, graben und im Wald herumlungern, wie es ihr kleines Forscherherz begehrt. «Es ist leider eine Tatsache geworden, dass Kinder den Wald nur noch gelegentlich besuchen, und wenn, dann brav auf dem Spazierweg », erklärt die Lehrerin, die anonym bleiben möchte. Natur sei für viele Kinder zu einer Art Kulisse geworden, die vom Auto, vom Fahrrad oder vom Weg aus betrachtet wird. 
Studien zeigen denn auch: Die Generation der Grosseltern verbrachte noch 75 Prozent der Freizeit draussen, jene der Eltern 55 Prozent und jene unserer Kinder nur noch 25 Prozent. Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther beklagen diesen Rückgang. Der Kinderarzt und der Neurobiologieprofessor aus Deutschland schreiben in ihrem Buch «Wie Kinder heute wachsen», dass der Aktionsradius der Kinder – also der Raum, in dem sie auf eigene Faust spielen und entdecken dürfen – zwischen 1970 und 1990 auf einen Neuntel zurückgegangen sei. «Es ist anzunehmen, dass inzwischen weitere Einbussen dazugekommen sind. Und für viele Kinder kommt auch noch eine elektronische Leine dazu – welches Kind ist nicht jederzeit per Handy für seine Eltern erreichbar?», so die Autoren weiter. Eine fatale Entwicklung, sagen sie, denn: «Die Natur stellt für Kinder einen massgeschneiderten Entwicklungsraum dar.» Sie biete den Kindern Reichtum für ihre Entwicklung, stecke voller Anreize, die zu den Herausforderungen des Grosswerdens passten wie der Schlüssel zum Schloss.

Zuhören, wie der Bach plätschert

Der Waldbesuch ist in vielerlei Hinsicht wichtig für die Entwicklung des Kindes und für all seine Sinne: das Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Berühren. Es plätschert, die Kinder beobachten, wie das Wasser im Bach über die Steine streicht; es riecht feucht; sie fühlen an der Haut, wenn Tropfen aufspritzen, wie auch das weiche Moos, wenn sie barfuss darauf gehen. Das erzeugt Eindrücke, die sich im Nervensystem verankern und beim Kind später Assoziationen hervorrufen. Die Entwicklung des Kindes sei in den ersten Lebensjahren entscheidend für die Vernetzung des Nervensystems, die Synapsenbildung, sagt der Neuropädiater Markus Weissert. «Die Natur ist das geeignete Umfeld dafür, indem die Kinder sensorische Informationen bekommen, die zu Hause nicht kompensiert werden können.» Zudem zeige sich, dass Kinder, die im Wald sind, mehr kreative Lösungsvarianten kennen als Kinder, die nur im Schulzimmer sitzen.
Unsere Grosseltern verbrachten 75 Prozent ihrer Freizeit draussen. Bei unseren Kindern sind es noch 25 Prozent.
Diese Fachleute sind nicht die einzigen, welche die «Naturlosigkeit » vieler Kinder beklagen. Von einer eigentlichen «Naturdefizit- Störung» sprach schon 2005 der Amerikaner Richard Louv in seinem viel beachteten Buch «Das letzte Kind im Wald». Und Kinderarzt und
Buchautor Remo Largo weist seit Jahren in Interviews darauf hin, dass Kinder «in der ganzen Menschheitsgeschichte fast ausschliesslich in der Natur aufgewachsen» seien. Natur und der Wald bildeten einen idealen Lebensraum für dieses freie, selbstbestimmte kindliche Spiel, sagt Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm. «Die beste frühkindliche Bildung ist die ganzheitliche Förderung aller Sinne. Da bietet sich der Wald doch an» (mehr dazu im Interview). 

Drastischer Rückgang

Die Kinder haben immer weniger Zeit zum Spielen. Gemäss Forschungen spielen Kinder heute bis zu einem Drittel weniger als noch vor 15 Jahren. Dabei wäre es so wichtig. «Freies Spiel dient der Lebensbewältigung », schreibt der emeritierte Professor Rolf Oerter in seinem pädagogischen Standardwerk «Entwicklungspsychologie ». Man könne sagen, dass «das freie Spiel der mentalen und körperlichen Hygiene dient». Denn im freien Spiel gibt das Kind den Ton an. Es nutze, so Oerter, das Spiel, um Gegengewicht gegen den immerwährenden Sozialisationsdruck zu setzen und damit die eigene Autonomie schon frühzeitig zu etablieren. In diesem Sinne sei Spielen Bildung. Nicht nur das. «Spielen ist die Arbeit des Kindes und seine wichtigste Tätigkeit» – das sagt Professor André Frank Zimpel. Der Pädagoge ist europaweit der bekannteste Forscher, der die frühkindliche Entwicklung und insbesondere das Spiel untersucht. Für Zimpel ist Spielen das Beste, was ein Kind tun kann. «Wenn Kinder einen Stein wie ein U-Boot auf dem Boden, im Wasser oder im Sand fahren oder sich Blumen wie die Krone einer Prinzessin aufsetzen, bewegen sie sich in einer Fantasiewelt.» 
Kinder, die regelmässig im Wald spielen, sind kreativer als Kinder, die nur im Schulzimmer sitzen.
Trotzdem seien sie mit einem Bein ständig in der realen Welt. Gerade in der Fantasie lerne ein Kind, seine Einbildungskraft einzusetzen und zu abstrahieren. Kinder sähen im Fantasiespiel von einigen Eigenschaften ab und höben andere hervor, so Zimpel. Genau diese Art der Gehirntätigkeit ist später die Grundlage für natur- und geisteswissenschaftliches Denken. Kinder suchen sich im Spiel intuitiv selbst Herausforderungen, die ihre intellektuelle Entwicklung vorantreiben, und lernen so nahezu alles durch das Spiel. Kleine Kinder spielen zu lassen, bedeute keinesfalls, sie sich selber zu überlassen, sagt Heidi Simoni, Leiterin des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind. Spielen brauche Freiräume und Zeit. Wer nicht spielen dürfe, sei in der Entwicklung eingeschränkt, was Kreativität und Konzentrationsfähigkeit betreffe. Solche Kinder, erklärt Simoni, seien weniger gut imstande, Pläne zu schmieden und umzusetzen. Wird dies von Eltern, Kitas und Schule unterstützt, so lautet der einhellige Tenor der Entwicklungspädagogen, führt es zu einer gesunden Entwicklung in allen wichtigen Bereichen – kognitiv, emotional, sozial, kreativ und motorisch.

Warum sinnlose Zeitverschwendung Sinn macht

Doch heute hat das kindliche Spiel, wie es oben beschrieben wird, an Bedeutung verloren. Es kontrastiert das Spiel mit Lernen oder «wird lediglich als Vorstadium für das eigentliche Arbeiten bezeichnet», weiss Margrit Stamm aus ihrer FRANZ -Studie («Früher an die Bildung – erfolgreicher in die Zukunft? »), ergänzt mit Erkenntnissen aus der Kindergartenstudie PRINZ («Best Practice in Kitas und Kindergärten»). Teilgenommen haben 303 Kinder zwischen drei und sechs Jahren und deren Eltern, ein Dutzend Kindertagesstätten und ein Dutzend Kindergärten. Die Erhebungen wurden von 2009 bis 2014 durchgeführt. Das Ergebnis der beiden Studien: Das kindliche Spiel gilt in den Augen vieler Erwachsener als «trivial oder reine Zeitverschwendung». Verantwortlich für diese Einschätzung ist eine gesellschaftspolitische Debatte. Kindertagesstätten und Kindergärten werden als Orte zum Lernen angesehen. Die Resultate der Pisa-Studie und der Druck, in einer globalisierten, wissensorientierten Arbeitswelt erfolgreich sein zu müssen, haben bei vielen Eltern einen regelrechten Förderwahn hervorgebracht. Laut Stamm sind viele Angebote auf den Markt gekommen, welche den Eltern weismachen wollen, dass man nie früh genug beginnen könne, dem Kind «spielerisch» erste Lese-, Mathematik- und Fremdsprachenkenntnisse beizubringen. 
Zu viele Spielsachen überfordern ein Kind. Es kann nicht ins Spiel versinken.
Das hat zur Folge, dass die Eltern die Wochenprogramme ihrer Kinder durchtakten, permanent bespassen und ihre Freizeit organisieren – im Glauben, sie würden ihrem Kind dadurch Gutes tun. Zu diesem Glauben beigetragen hat auch die Hirnforschung. Die Formel «use it or lose it» basiert auf der Erkenntnis, dass Kleinkinder deutlich mehr neuronale Verbindungen im Gehirn haben als Erwachsene. Eindrucksvoll erkennen wir das, indem wir mit Dreioder Vierjährigen Memory spielen und die Kleinen sich deutlich besser merken können, wo das passende Motiv im Kartenhaufen liegt als der erwachsene Mitspieler. Die Erhaltung dieser neuronalen Verbindungen ist allerdings nutzungsbedingt. Werden einige der Datenautobahnen nicht genutzt, bauen sie sich wieder ab. Im Laufe der kindlichen Entwicklung reduzieren sie sich um 30 bis 50 Prozent. Die Schlussfolgerung daraus, Kinder so früh wie möglich in ihrer Gehirnentwicklung zu fördern, hat eben auch zu dieser «Förderitis» (Stamm) geführt. 
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