Belohnen und Bestrafen: Wenn du jetzt lieb bist, dann ...
Elternbildung

Belohnen und Bestrafen: Wenn du jetzt lieb bist, dann ...

Ein Gummibärli fürs Aufräumen, Handyentzug bei schlechten Noten – Belohnungen und Strafen gehören in vielen Familien zum Alltag. Das sei Manipulation, sagen Psychologen. Aber kann man seine Kinder ohne diese Methoden erziehen?
Text: Julia Meyer-Hermann 
Bilder: Ruben Hollinger / 13 Photo 
Kürzlich habe ich meinen Sohn belohnt. Der Siebenjährige durfte an einem Sonntagmorgen allein zur Bäckerei gehen und für uns Brötchen holen. Auf dem Weg dorthin muss man eine Strasse überqueren, die keine Fussgängerampel hat. Die Autofahrer halten sich dort selten an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Ich fand das lange Zeit ziemlich heikel. Mein Sohn findet das schon ziemlich lange «ganz schön Baby».  Er wollte unbedingt allein dorthin gehen. An diesem Sonntagmorgen gab ich seinem Wunsch den Vorrang, zugegebenermassen mit Herzklopfen. Als er nach Hause kam, war er sichtbar stolz und sehr vergnügt. Ich drückte ihm vom Wechselgeld ein paar kleine Münzen in die Hand und sagte: «Für dein Sparschwein.»
Lesen Sie den zu diesem Thema dazugehörigen Artikel «So lobe ich richtig: Fünf Tipps für Eltern».
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Warum erzähle ich diese ziemlich alltägliche Geschichte? Weil sie wunderbar illustriert, welchen unbeabsichtigten Effekt so eine Belohnung haben kann. Ich hatte in dem Moment nicht gross darüber nachgedacht, ob die kleine Geste pädagogisch sinnvoll ist. Aber als ich den Siebenjährigen am nächsten Sonntag fragte, ob er wieder zur Bäckerei gehen wollte, fragte er: «Bekomme ich dann Geld?» Als ich überrascht verneinte, hatte er kein Interesse mehr. Am nächsten Wochenende war es das Gleiche. Und schon war es vorbei mit seinem Stolz über mehr Selbständigkeit und dem lang gehegten Wunsch, allein einkaufen zu gehen!

Belohnungen setzen im Gehirn Glückshormone frei

«Ihre Belohnung hat zu einer Mo­tivationsüberlagerung geführt», erklärt mir Albert Düggeli, Leitender Professor für Pädagogische Psychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Eigentlich war mein Sohn intrinsisch, also aus ureigenem Wunsch motiviert, diesen Weg zu gehen, autonom zu sein und sich zu beweisen. «Aber mit dem Restgeld-Deal überlagert sich hier etwas. Anstatt Anerkennung für ­seine Leistung als verantwortungsvoller Junge zu bekommen, gibt es eine materielle Zuwendung. Diese extrinsische Motivation, die Belohnung von aussen, ist stärker als die intrinsische Motivation.» Warum das so ist, lässt sich neurologisch erklären: Belohnungen setzen Endorphine im Gehirn der Kinder frei. Diese Hormone verursachen ein kurzfristiges Glücksgefühl, das abhängig macht und dann nach einer permanenten Rückbestätigung von aussen verlangt. «Das ist auch eine Beobachtung, die man in der schulischen Erziehung gemacht hat», ergänzt Albert Düggeli. «Viele Kinder sind zu Beginn ihrer Schulkarriere sehr motiviert und wollen unbedingt Rechnen und Schreiben lernen. Sie haben gemerkt, dass die Grossen das können, und sind von der Sache her motiviert. Dann lernen sie das System aus Belohnungssmileys, Stickern und Verhaltensbewertung kennen. Erst fragen sie sich überrascht, wofür sie überhaupt belohnt werden. Dann überlagert das Bedürfnis nach einer weiteren Belohnung oft das ursprüngliche Interesse an der Sache.» In der Wissenschaft bezeichnet man diese unbeabsichtigte Folge des Belohnens auch als Korrumpierungseffekt. Dabei wird der innere Antrieb, etwas zu tun, durch einen äusseren Antrieb ersetzt.
Belohnungen setzen im Gehirn des Kindes Glückshormone frei. Dieses kurzfristige Glücksgefühl macht abhängig.
Sind Belohnungen in der Erziehung also ein Fehler? Sind sie nicht sinnvoll, weil sie positives Verhalten verstärken? Mit dieser Annahme bin jedenfalls ich erzogen worden und mit mir wohl viele andere der heutigen Elterngeneration. 
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<div>Dieser Artikel gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/belohnen-und-bestrafen"><strong>Online-Dossier </strong>«<strong>Belohnen und Bestrafen</strong>»<strong>.</strong></a><strong><br></strong>Bedingungslos formulierte Kritik und Wünsche kommen beim Kind besser an.<strong> Wie Erziehung ohne Manipulation gelingt, erfahren Sie in </strong><a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/belohnen-und-bestrafen"><strong>diesem Dossier.</strong></a></div>
Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier «Belohnen und Bestrafen».
Bedingungslos formulierte Kritik und Wünsche kommen beim Kind besser an. Wie Erziehung ohne Manipulation gelingt, erfahren Sie in diesem Dossier.

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Von Andrea am 27.05.2021 21:32

Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass Konsequenzen aus dem eigenen Handeln erfolgen sollten. D.h. Aufgaben nicht gemacht müssen die kids das selber der Lehrerin erklären. Aber auch die Freude der Eltern spüren, wenn sie etwas freiwillig im Haushalt helfen. Ich finde es nicht immer einfach zwischen Konsequenzen und Belohnung/Bestrafung zu unterscheiden.
Unsere Kinder müssen zum Beispiel wenn Papi da ist, das Zimmer aufgeräumt haben, bevor sie TV schauen dürfen. Bei mir müssen sie sich die TV minuten mit lesen verdienen. Ist das nun Belohnung/Bestrafung? Ich kann es nicht sagen. Ich weiss auch nicht ob dies super pädagogisch ist oder nicht. Ich denke einfach, dass heutzutage extrem viele Anforderungen an die Eltern gestellt werden und man teilweise das Gefühl hat man kann nichts richtig machen. Überall lauern Erziehungsfehler. Wir müssen uns doch wieder auf uns selbst verlassen können.

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